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03 10

Urs Meister — Energiesicherheit ohne Autarkie

Begrenzte fossile Reserven und der wachsende Bedarf aufstrebender Volkswirtschaften schaffen Unsicherheiten über die künftige Energie- versorgung. Energie ist nicht nur im Fokus der Wirtschafts- und Klimapolitik, sondern vermehrt auch der Sicherheits- und Aussen- politik. Doch in der Schweiz fehlt eine kohärente Energiestrategie.

Viele Ansätze vernachlässigen den internationalen Kontext sowie die Funktionsweise der Märkte. Das vorliegende Avenir-Suisse-Buch schliesst diese Lücke. Es stellt die globalen und nationalen Versorgungs- strukturen für Öl, Gas und Strom dar und analysiert die Risiken für die Schweiz. Darauf basierend werden Massnahmen zur Erhöhung der Versorgungssicherheit hinsichtlich ihrer Kosten, ihrer Wirksam- keit und ihrer Finanzierung evaluiert. Hierbei wird der begrenzte Spiel- raum eines Kleinstaates in der Energiepolitik deutlich.

Avenir Suisse Publikation 03/2010

http://www.avenir-suisse.ch 9www.nzz-libro.ch7 8 3 0 3 8 2 3 6 8 2 5 ISBN 978-3-03823-682-5

energiesicherheit ohne autarkie Die Schweiz

im globalen Kontext

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ohnE AutArk iE — DiE schwE i z

im globAlEn kontE x t

urs mEistEr

AvEnir suissE 2010

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Gestaltung und Satz: blackbox.ch

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Die dadurch begründeten Rechte, insbesondere die der Übersetzung, des Nachdrucks, des Vortrags, der Entnahme von Ab bildungen und Tabellen, der Funksendung, der Mikroverfilmung oder der Vervielfältigung auf anderen Wegen und der Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen, bleiben, auch bei nur auszugsweiser Verwertung, vorbehalten. Eine Vervielfältigung dieses Werkes oder von Teilen dieses Werkes ist auch im Einzelfall nur in den Grenzen der gesetzlichen Bestimmungen des Urheberrechtsgesetzes in der jeweils geltenden Fassung zulässig.

Sie ist grundsätzlich vergütungspflichtig. Zuwiderhandlungen unterliegen den Straf­

bestimmungen des Urheberrechts.

isbn: 978­3­03823­682­5 www. nzz­libro.ch

nzz Libro ist ein Imprint der Neuen Zürcher Zeitung

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01/EinlEitung 7

1.1 Von der Versorgungs­ zur Sicherheits­,

Klima­ und Wirtschaftspolitik 8

1.2 Schweizer Energieversorgung im europäischen Kontext 9

1.3 Inhalt der Publikation 11

02/KonjunKtur, Wachstum und

EnErgiEnachfragE 15

2.1 Entwicklung der Energienachfrage 15

2.2 Energie und Konjunktur 23

2.3 Energie und Wirtschaftswachstum 29

2.4 Schlussfolgerungen für die Schweiz 46

03/globalE EntWicKlungEn

dEs EnErgiEangEbots 55

3.1 Begrenzte fossile Energien – eine Übersicht 55 3.2 Erdöl: Nationalisierung und geringe Investitionen 58 3.3 Erdgas: Neues Potenzial durch unkonventionelle Ressourcen 74

3.4 Strom: Steigender Anteil von Gas 97

(8)

04/struKturEn und risiKEn dEr

schWEizEr EnErgiEvErsorgung 123

4.1 Erdöl: Abhängigkeit vom Weltmarkt 123

4.2 Gas: Die Schweiz als Transitland 129

4.3 Strom: Vernetzt in Europa 136

4.4 Formelle Integration im europäischen Markt 155 4.5 Risiken der Schweizer Energieversorgung – ein Fazit 162

05/EuropäischE vErsorgungsstratEgiEn 177

5.1 Europäische Energiepolitik 177

5.2 Marktintegration gegen divergierende Interessen 180

06/stratEgiEn für diE schWEiz 191

6.1 Übersicht 191

6.2 Lagerhaltung: Handlungsbedarf beim Gas 193 6.3 Netz­ und Transportinfrastruktur:

Bewilligungen und Finanzierung 199

6.4 Inländische Erzeugung:

Vorteile der Kernkraft 215

6.5 Langfristige Bezugsverträge und Investitionen

im Ausland: Kommerzielle Motivation 235

6.6 Nachfragesenkung:

Handlungsbedarf bei Treibstoff und Strom 240 6.7 Änderung von Eigentumsstrukturen:

Berücksichtigung der Risiken 250

6.8 Energieaussenpolitik:

Nutzen einer stärkeren Integration 254

07/schlussfolgErungEn 259

7.1 Energiebedarf und Versorgungsrisiken 259

7.2 Beurteilung strategischer Handlungsoptionen 263

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litEraturvErzEichnis 275

EndnotEn 289

zu diEsEm buch 301

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E inlE i tung

Energie gilt als wichtige Grundlage für die wirtschaftliche Entwicklung und damit für den Wohlstand. Häufig wird Energie neben menschlicher Arbeit und Kapital als dritter Produktionsfaktor interpretiert. Daneben setzt auch der Konsum von Gütern und Dienstleistungen die Verwendung von Energie voraus. Mit den gestiegenen Ansprüchen an die Mobilität, den Raumbedarf sowie die Ausstattung mit elektronischen Geräten hat der Bedarf an Energie in den vergangenen Jahren ständig zugenommen. Dennoch wurde dem Faktor Energie in den Wirtschaftswissenschaften lange Zeit wenig Gewicht beige­

messen. Energie war in den Anfängen der Industrialisierung relativ günstig und vor allem reichlich verfügbar. Die ökonomischen Wachstumstheorien interessierten sich vielmehr für Verteilungsfragen, weshalb die in den Mo­

dellen verwendeten Produktionsfunktionen vorerst nur Kapital und Arbeit berücksichtigten. Mit der Publikation «Die Grenzen des Wachstums» im Jahr 1972 sowie der ersten Ölkrise im Jahr 1973 erhielt das Thema Energieversor­

gungssicherheit schlagartig eine grössere Bedeutung. Mehr als drei Jahrzehnte später ist es wieder ins Zentrum des öffentlichen Interesses gerückt. 2008 weck­

ten die rekordhohen Öl­, Gas­ und Kohlepreise Befürchtungen hinsichtlich eines baldigen Energiemangels. Ausserdem illustrierte der russisch­ukrainische Gaskonflikt Ende 2008 die hohe Abhängigkeit und Erpressbarkeit Europas.

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1.1 Von der Versorgungs- zur Sicherheits-, Klima- und Wirtschaftspolitik

Die Energieversorgung hat im politischen Prozess ein zunehmendes Gewicht erhalten und wird sowohl im Kontext von Sicherheitspolitik als auch der Klima­ und Wachstumspolitik diskutiert. Die sicherheitspolitische Relevanz des Themas resultiert nicht zuletzt aus der vermeintlichen Abhängigkeit Europas von Russland oder den Ländern des Nahen Ostens. Mit dem zu­

nehmenden Energiehunger aufstrebender Schwellenländer wie China oder Indien nimmt ausserdem die Befürchtung zu, dass der «Kampf» um die begrenzten Öl­, Gas­ und Kohlevorräte künftig weit weniger zimperlich als in der Vergangenheit ausgetragen wird. Marktmechanismen, die über An­

gebot und Nachfrage den Preis und damit die Verteilung bzw. die Nutzung der Energien steuern, drohen in einer solchen Welt in den Hintergrund zu geraten. Die Verteilung von Energie orientiert sich darum vermehrt an der faktischen Macht, im Extremfall an der militärischen Überlegenheit. Ein Symbol für diese unfreundliche Welt war eine russische Nordpol­Expedition im Jahr 2007, als bei einer Tauchaktion eine russische Flagge aus Titan in rund 4000 Metern Tiefe auf dem Grund des Eismeeres aufgestellt wurde, um die territorialen Ansprüche auf die damit verbundenen Ressourcen zu untermauern.1

Neben den befürchteten Verteilungskämpfen prägt das Thema Klimawandel die Diskussionen um die künftige Energieversorgung. Die Einschränkung des Verbrauchs fossiler Energien wie Öl, Gas und Kohle gilt als zentrales Mittel zur Senkung des CO2­Ausstosses, der als wichtigste Ursache des Klimawan­

dels angesehen wird. Die Forderung nach ehrgeizigen CO2­Reduktionszielen wird nicht zuletzt mit einem doppelten Nutzen begründet. Ein geringerer Verbrauch fossiler Energien reduziert nicht nur den CO2­Aussstoss, sondern auch die Abhängigkeit von Importen und damit die politische Erpressbar­

keit durch wenige rohstoffreiche Lieferländer. Klimapolitik wird damit zur

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Energieversorgungssicherheitspolitik. Häufig geht damit sogar der Wunsch nach einer eigentlichen Energie­Unabhängigkeit einher. Das ist keineswegs neu. Die Forderung nach «Energy Independence» wurde erstmals von US­

Präsident Richard Nixon aufgestellt, vier Wochen nachdem das Ölembargo 1973 in Kraft trat [vgl. Yergin 2006, S. 71]. Als Ziel definierte er, dass die USA bis 1980 kein Öl mehr importieren sollten. Ähnliche Ziele wurden in der Folge von jedem US­Präsidenten proklamiert – was allerdings nichts an der faktischen Importabhängigkeit der USA änderte.2 Die Forderung nach einer konsequenten Reduktion des CO2­ und Energieverbrauchs wird häufig mit ökonomischen Argumenten unterstrichen. Dabei wird darauf verwiesen, dass das Wirtschaftswachstum immer weniger auf Energie angewiesen ist. In der Tat nahm die Energieeffizienz zu, so dass es in vielen westlichen Indus­

trieländern seit den 1990er Jahren zu einer scheinbaren Entkoppelung zwi­

schen dem Wachstum der Wirtschaft und dem Energieverbrauch kam. Dieser Umstand verleitet zur Annahme, dass eine strikte Energie­ und Klimapolitik keine negativen Folgen für das Wirtschaftswachstum hat. Im Gegenteil wird häufig sogar unterstellt, dass dadurch neue inländische Arbeitsplätze sowohl im Bau­ als auch im Energietechnologiesektor entstehen, was netto zu einer höheren Wirtschaftsleistung führt. Energiepolitik wird damit faktisch zur Wirtschafts­ oder gar Industriepolitik.

1.2 Schweizer Energieversorgung im europäischen Kontext In der Schweiz hat die Energieversorgung aufgrund der absehbaren Stillle­

gung von älteren Kernkraftwerken eine zusätzliche Bedeutung erhalten. Dabei stehen grundsätzlich zwei Haltungen im Vordergrund. Die Strombranche und auch viele politische Kreise verweisen auf die zunehmende Relevanz von Elektrizität im künftigen Energiemix, die Gefahr steigender Importe und die damit einhergehende Abhängigkeit von unsicheren Lieferungen aus dem Ausland. Der Bau neuer Grosskraftwerke wird als zentrale Strategie für die

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Versorgungssicherheit angesehen, um damit die «energetische Unabhängig­

keit» der Schweiz zu garantieren [vgl. auch nzz 2010, S. 12]. Andere Kreise sehen die Möglichkeit einer Art «Energierevolution», bei welcher die Schweiz hinsichtlich Energieeffizienz und neuer erneuerbarer Energien eine Vorrei­

terrolle spielen und wirtschaftlich profitieren kann. Auch hierbei spielt die Forderung nach Unabhängigkeit von (fossilen) Energien aus dem Ausland häufig eine zentrale Rolle. Damit das möglich ist, bräuchte es einschneidende Massnahmen zur Verbrauchsreduktion, was nicht zuletzt mit dem Ziel der

«2000­Watt­Gesellschaft» angestrebt wird.

Bei genauerer Betrachtung sind beide Sichtweisen zu eng. Fossile Brenn­ und Treibstoffe werden noch längere Zeit im weltweiten und auch im Schweizer Energiemix eine bedeutende Rolle spielen. Eine einseitige Fokussierung auf das Thema Elektrizität greift daher zu kurz und wird dem Thema Versor­

gungssicherheit nicht gerecht. Zudem ist die Schweizer Stromversorgung alles andere als autark. Aus technischer und ökonomischer Sicht ist ein effizienter Stromaustausch mit dem Ausland sinnvoll und nötig. Selbst der Bau neuer Grosskraftwerke ändert dies nicht. Wegen der engen Vernetzung mit Europa – wo Elektrizität vor allem durch fossile Kraftwerke erzeugt wird – bestehen zudem enge Interdependenzen zwischen der Strom­ und der Gasversorgung. Davon ist auch die Schweiz betroffen. Die Herausfor­

derungen der Energieversorgung lassen sich auch nicht mit strikten Ver­

brauchsreduktionen lösen. Eine höhere Effizienz sowie Veränderungen bei der Zusammensetzung des Energieportfolios vermögen den Wachstumstrend des Verbrauchs zwar abzuschwächen, allerdings wird er dadurch nicht nach­

haltig gebrochen oder gar umgekehrt. Auch ist eine inhaltliche Verbindung zwischen der Förderung von Energieeffizienz und neuen erneuerbaren Ener­

gien mit Wirtschafts­ und Industriepolitik (Stichwort «Clean Tech») nicht sinnvoll. Letztlich besteht die Gefahr, dass ineffiziente Subventionen Wirt­

schaftszweige fördern, die längerfristig in einem freien und internationalen Markt kaum überlebensfähig wären.

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1.3 Inhalt der Publikation

Die vorliegende Publikation schenkt den internationalen Entwicklungen und den daraus erwachsenden Herausforderungen bewusst ein grosses Gewicht.

Die faktische Integration in den weltweiten und europäischen Energiemarkt beeinflusst nicht nur die physische Versorgung, sondern auch die Preisbildung sowohl bei Öl und Gas als auch beim Strom. Die fehlenden inländischen fossilen Energien sowie die technischen Gegebenheiten im vernetzten europä­

ischen Strommarkt machen eine Unabhängigkeitsstrategie faktisch unmöglich oder mindestens immens teuer. Das Ziel einer sinnvollen Energiepolitik muss daher «Versorgungssicherheit» heissen, nicht Autarkie. Das aber setzt voraus, dass man sich mit dem internationalen Kontext auseinandersetzt. Oder wie der US­Historiker, Ökonom und Energie­Publizist Daniel Yergin feststellte:

«It must be recognized that energy security does not stand by itself but is lodged in the larger relations among nations and how they interact with one another» [Yergin 2006, S. 69].

Versorgungssicherheit definiert sich im Allgemeinen als die Verfügbarkeit und Verlässlichkeit der Energiezulieferung zu akzeptablen Preisen [vgl. auch Pröfrock 2007, S. 2]. Aus einer ökonomischen Perspektive scheint diese eher unscharfe Definition einen Widerspruch in sich zu tragen, schliesslich gilt der Preis auf einem funktionierenden Markt als Instrument des Ausgleichs von Angebot und Nachfrage. Strategien für eine sichere Versorgung mit Energie sollten diesen Marktmechanismus nicht schwächen, sondern sich zunutze machen. Das aber bedeutet nicht, dass die Begriffsdefinition fehlerhaft ist.

Der gleichzeitige Hinweis auf die technisch­physikalische Sicherheit und die Preise illustriert vielmehr, dass die eindimensionale Maximierung der Sicher­

heit nicht das vorrangige Ziel sein kann. Vielmehr sind bei der Bestimmung von Strategien und Massnahmen deren Kosten und Nutzen im Sinne ihrer marginalen Wirkungen abzuwägen. Damit stellt sich zwangsläufig auch die Frage, wie allfällige Kosten einer Strategie auf die Akteure verteilt werden.

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Bei der Definition von Strategien zur Sicherung der Energieversorgung gilt es zudem, ordnungspolitische Grundsätze zu berücksichtigen. Die zentrale Bedeutung der Energie impliziert zweifelsohne ein übergeordnetes volkswirt­

schaftliches Interesse an einer sicheren Versorgung. Aufgrund der im Energie­

sektor hohen Relevanz von gesetzlichen Grundlagen, Bewilligungsverfahren und der verbreiteten öffentlichen Eigentümerschaft nimmt der Staat ohnehin eine zentrale Rolle bei der Strategiedefinition ein. Dennoch darf es nicht seine zentrale Aufgabe sein, die Energieverbraucher gegen das Risiko von Preiser­

höhungen abzusichern. Erstens sollen Preise Knappheitssignale und damit Anreize für adäquate Investitionen und Effizienzsteigerungen geben. Zweitens droht durch das staatliche Engagement ein «Moral Hazard»­Problem: Die öf­

fentliche Vorsorge verdrängt private Vorkehrungen gegen Versorgungsausfälle.

Umgekehrt kann ein staatliches Eingreifen aufgrund externer Effekte sinnvoll sein, die ihrerseits zu Verzerrungen von Angebot und Nachfrage führen – das gilt nicht zuletzt im Rahmen der Umwelt­ bzw. Klimapolitik.

Unter Berücksichtigung dieser Aspekte werden in der vorliegenden Publika­

tion Strategien für eine sichere Energieversorgung in der Schweiz diskutiert.

Kapitel 2 befasst sich mit der Nachfrage nach Energie und prüft insbeson­

dere die These, wonach sich der Energieverbrauch fundamental vom Wirt­

schaftswachstum abgekoppelt hat. Wäre dies nämlich der Fall, müsste eine sinnvolle Versorgungsstrategie vor allem mit einer strikten Verbrauchsreduk­

tion einhergehen. Ohne negative Auswirkungen auf den Wirtschaftsstandort könnte eine solche Politik zu einer geringeren Auslandabhängigkeit führen.

Kapitel 3 analysiert die internationalen Gegebenheiten bei der Öl­, Gas­ und Stromversorgung. Dabei werden neben den wettbewerblichen und geopo­

litischen Rahmenbedingungen auch die Strukturen der Transportlogistik untersucht. Kapitel 4 fokussiert auf die schweizerische Energieversorgung und leitet zusammen mit den Erkenntnissen aus der internationalen Analyse Versorgungsrisiken ab. Darauf basierend befassen sich Kapitel 5 und 6 mit möglichen Strategien zur Erhöhung der Versorgungssicherheit. Während das

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Kapitel 5 die Strategien der Europäischen Union im Sinne eines Kontextes für die Schweiz skizziert, werden in Kapitel 6 mögliche Ansätze für die Schweiz analysiert. Dabei werden dem Nutzen der Strategien ihre Kosten oder volkswirtschaftlichen Schäden und Verzerrungen gegenübergestellt.

Kapitel 7 zieht die Schlussfolgerungen.

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konjunk tur, wAchstum unD EnErgiEnAchf rAgE

2.1 Entwicklung der Energienachfrage

Rund vier Fünftel der weltweiten Energienachfrage werden durch fossile Ener­

gieträger gedeckt. Dabei gilt Erdöl als bedeutendste Energiequelle mit einem Anteil von mehr als einem Drittel am Gesamtenergieverbrauch. Und das wird noch längere Zeit so bleiben. In ihrem Referenzszenario über die Entwicklung der künftigen Energieversorgung geht die Internationale Energieagentur (IEA) davon aus, dass der weltweite Primärenergieverbrauch bis 2030 um etwa 40 Prozent gegenüber 2007 ansteigt. Das bedeutet, dass der Verbrauch jährlich um 1,5 Prozent ansteigt, von knapp 12 000 Mio. t Rohöleinheiten auf 16 800 t Rohöleinheiten. In diesem Szenario wächst der weltweite Stromverbrauch mit einer Rate von etwa 2,5 Prozent pro Jahr [vgl. iea 2009].

Mehr als drei Viertel des Energieverbrauchsanstiegs werden gemäss der Pro­

gnose auch künftig durch die fossilen Energieträger Kohle, Gas und Erdöl gedeckt. Vor allem wegen ihrer Bedeutung bei der Stromproduktion spielen dabei Kohle und Gas eine zentrale Rolle. Entsprechend dürfte der Anteil des Öls im Primärenergiemix bis 2030 leicht abnehmen, nämlich von heute 34 auf rund 30 Prozent. Dennoch wird der absolute Verbrauch von Erdöl weiterhin

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mit einer Rate von etwa einem Prozent pro Jahr steigen. Das bedeutet, dass der Verbrauch von 85 Mio. Barrel pro Tag (mb/d) im Jahr 2008 auf etwa 105 mb/d im Jahr 2030 ansteigt. Mit einem Anteil von 97 Prozent wird der weitaus grösste Teil der zusätzlichen Erdölnachfrage vom Verkehr ausgelöst. Besonders interessant ist die geographische Verteilung des Energieverbrauchs. Gemäss dem Szenario wird der Erdölverbrauch der OECD­Länder leicht sinken. Das heisst, der Anstieg des Gesamtverbrauchs ist vollständig auf den zusätzlichen Bedarf von Nicht­OECD­Ländern zurückzuführen, allen voran China [vgl. iea 2009]. Das Land beansprucht heute bereits mehr als 10 Prozent des weltweiten Erdölbedarfs, zehn Jahre zuvor waren es nur knapp 6 Prozent [vgl. bp 2010, S. 11]. Zwar bleiben die USA mit einem Anteil von mehr als 20 Prozent vorerst der weltweit grösste Ölverbraucher, doch wurden sie gemäss Schätzungen der IEA 2009 in Bezug auf den Gesamtenergieverbrauch durch China abgelöst.

Dort allerdings stillt mit einem Anteil von etwa drei Vierteln die Kohle den grössten Teil des Energiehungers [vgl. nzz 2010l, S. 23].

Die IEA­Prognose nimmt im Rahmen des Referenzszenarios allerdings an, dass es während dieser Zeitperiode zu keiner fundamentalen Veränderung der Energie­ und Klimapolitik kommt. In einem alternativen Szenario – dem sogenannten 450­Szenario – geht die IEA davon aus, dass strikte und weltweit koordinierte Schritte unternommen werden, damit längerfristig die Treibhaus­

gaskonzentration in der Atmosphäre bei 450 ppm CO2­eq (CO2­Äquivalenten)3 begrenzt wird. Aber auch in diesem Szenario steigt der weltweite Primärener­

gieverbrauch bis 2030 um etwa 20 Prozent. Das entspricht einer mittleren jährlichen Wachstumsrate von etwa 0,8 Prozent – was deutlich unter jener im Referenzszenario ist. Das geringere Verbrauchswachstum ist vor allem auf eine steigende Energieeffizienz bei den Gebäuden, der Industrie, aber auch den Fahr­

zeugen zurückzuführen. Parallel dazu spielen im «450­Szenario» die erneuer­

baren Energien, aber auch die Kernkraft grössere Rollen. Dennoch bleiben im Jahr 2030 die fossilen Energien im weltweiten Primärenergiemix mit einem Anteil von etwa 68 Prozent dominierend. Ein bedeutender Teil der geringeren

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CO2­Emissionen im Vergleich zum Referenzszenario stammen daher aus der CO2­Abtrennung und ­Speicherung (CCS, Carbon Capture and Storage) im Kraftwerkssektor sowie der Industrie [vgl. iea 2009 und Beuret 2009, S. 35].

Struktur der Nachfrage in der Schweiz — Nachdem der Endenergiever­

brauch in der Schweiz im Jahr 2005 einen Spitzenwert erreicht hatte, folgten 2006 und 2007 zwei Jahre des rückläufigen Konsums. Dafür verantwortlich waren vor allem die höheren Temperaturen und die hohen Erdölpreise, wel­

che die gegenläufigen Wirkungen der positiven Wirtschaftsentwicklung so­

wie der Bevölkerungszunahme während dieser Periode kompensierten. Der Negativtrend wurde aber bereits im Jahr darauf gestoppt. 2008 erreichte der Endenergieverbrauch mit etwa 900 000 Terajoule (TJ) einen Höchstwert. Der Effekt der vorerst noch hohen Erdölpreise wurde durch die kältere Witterung sowie die bis im Sommer 2008 relativ starke Wirtschaftsentwicklung und anhaltende Bevölkerungszunahme überkompensiert. Der Verbrauchsanstieg 2008 betraf praktisch alle Energieformate, also Erdölprodukte, Elektrizität, Gas, Holzenergie, Fernwärme, Industrieabfälle und übrige erneuerbare Energien.

Lediglich bei der Kohle kam es zu einem Verbrauchsrückgang, allerdings fand dieser auf sehr tiefem Niveau statt. Kohle macht heute weniger als ein Prozent des schweizerischen Energieverbrauchs aus [vgl. bfe 2007, 2009 und 2010b].

Noch 1970 deckten Erdölbrennstoffe und Erdöltreibstoffe rund vier Fünftel des Endenergiebedarfs in der Schweiz. In absoluten Zahlen blieb der Ölverbrauch bis heute etwa konstant, wobei jedoch der Anteil für Treibstoffe (Verkehr) im Vergleich zu den Brennstoffen (Heizungen) kontinuierlich zunahm. Auf­

grund des insgesamt steigenden Energiebedarfs nahm der Anteil des Öls am Endenergieverbrauch bis heute ab. 2009 lag der Anteil des Öls in Form von Treib­ und Brennstoff noch bei etwa 55 Prozent [vgl. bfe 2010b]. Daneben wird der Endenergieverbrauch vor allem durch Elektrizität (24 Prozent) und Gas (12 Prozent) bestimmt. Ihre Bedeutung nahm in den vergangenen Jahren kon­

tinuierlich zu. So betrug der Anteil von Elektrizität am Endenergieverbrauch

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1980 erst 18 Prozent, jener von Gas 4 Prozent. Die steigende Verwendung von Gas ist vor allem auf eine Substitution im Bereich der Heizenergie zurückzu­

führen, wo vermehrt Gas­ statt Ölheizungen eingesetzt werden. Durch den vermehrten Einsatz von elektrisch betriebenen Wärmepumpen nimmt auch der Verbrauch von Strom für die Raumheizung zu. So stieg ihre Anzahl zwi­

schen 1990 und 2009 von 34 863 auf 160 430 und ihr Gesamtstromverbrauch von 504 auf 1150 GWh [vgl. bfe 2010b, S. 44]. Die restlichen 10 Prozent des Schweizer Gesamtenergieverbrauchs entfallen auf diverse Energieträger, wie Kohle, Holz, Fernwärme, Erd­ und Umgebungswärme, Sonne, Wind, Biogas oder Biotreibstoffe.

Mit einem Anteil von 35 Prozent entfällt mehr als ein Drittel des Energiever­

brauchs auf den Verkehr, weitere 29 Prozent auf die Haushalte, 19 Prozent auf die Industrie und weitere 16 Prozent auf den Dienstleistungssektor. Schlüsselt man diesen Verbrauch nach Verwendungszweck auf, dann stellt man fest, dass ein Grossteil der Energie für die Raumwärme verwendet wird, wobei etwa zwei Drittel davon auf die Haushalte entfallen. Daneben dominieren v.a. der Energieverbrauch der Mobilität, die Prozesswärme sowie die Energie, welche bei Produktionsunternehmen genutzt wird [vgl. Abb. 1]. Die relative Relevanz der Verbrauchergruppen hat sich in den vergangenen 20 Jahren kaum verän­

dert. Seit 1990 dominiert der Anteil der Gruppe Industrie/Dienstleistungen vor dem Verkehr sowie den Haushalten.

Mobilität als wichtige Determinante — Im europäischen Vergleich schnei­

det die Schweiz mit einem überdurchschnittlich hohen Erdölverbrauch pro Kopf ab. Das ist auf den ersten Blick erstaunlich, zumal die Schweizer Wirt­

schaft aus strukturellen Gründen eine relativ geringe Erdölintensität aufweist.

Der Anteil der Schwerindustrie ist gering, und fossile Kraftwerke spielen bei der Stromerzeugung keine Rolle – das einzige Ölkraftwerk der Schweiz in Chava­

lon oberhalb von Vouvry im Kanton Wallis wurde 1999 stillgelegt. Die relativ hohe Bedeutung des Erdöls im Schweizer Energiemix ist in erster Linie auf

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Abb. 1: Energieverbrauch und Verwendung 2006 (in PJ):

Raumwärme dominiert bei der Verwendung

Der Schweizer Energieverbrauch wird vornehmlich durch die Raumwärme sowie die Mobilität bestimmt.

Quelle: Avenir Suisse auf Basis BFE 2008

0 50 100 150 200 250 300

RAUMWÄRME MOBILITÄT PROZESSWÄRME ANTRIEBE WARMWASSER BELEUCHTUNG KLIMA, LÜF TUNG SONSTIGE UNTERHALTUNG

VERKEHR INLAND VERKEHR INLAND DIENSTLEISTUNGEN/INDUSTRIE

DIENSTLEISTUNGEN/INDUSTRIE HAUSHALTE

HAUSHALTE

ENERGIEVERBRAUCH IN PJ

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die historisch starke Verwendung für Heizzwecke zurückzuführen. Das hängt nicht zuletzt mit der im internationalen Vergleich tiefen fiskalischen Belastung des Heizöls zusammen – selbst unter Berücksichtigung der CO2­Abgaben [vgl. Füeg 2006, S. 7]. Allerdings verliert die Verwendung des Erdöls zu Heiz­

zwecken langsam, aber stetig an Bedeutung. Die Verwendung von Gas, der steigende Einsatz von effizienten Wärmepumpen und bessere Möglichkeiten der Wärmedämmung in der Gebäudetechnik haben den Anteil der Brennstoffe am Erdölverbrauch seit 1970 von rund 70 auf 40 Prozent schrumpfen lassen.

Der weitaus grösste Anteil am Erdölverbrauch entfällt heute auf die Mobilität.

Dort sind die Möglichkeiten der Substitution (bisher) weit geringer als im Bereich der Heizenergie. Das Wachstum des Energiebedarfs aufgrund der individuellen Mobilität bestimmt wesentlich die gesamte Energieverbrauchs­

zunahme in der Schweiz. Seit 1970 stieg der Bedarf an Treibstoffen auf etwa das Doppelte an, der Gesamtenergiebedarf nahm dagegen nur um etwa 50 Prozent zu. Unter dem Strich resultierte zwischen 1970 und 2008 eine Zu­

nahme des Pro­Kopf­Treibstoffverbrauchs um 70 Prozent. Dies ist in erster Linie auf eine steigende individuelle Mobilität zurückzuführen. Eigentlich sollte die steigende Energieeffizienz der Fahrzeuge das Verbrauchswachstum bremsen. Verschiedene Effekte wirken dem allerdings entgegen. So stieg das durchschnittliche Leergewicht neu zugelassener Personenwagen zwischen 1996 und 2007 von 1309 auf 1502 kg. Zudem nahm die Leistungsstärke der Motoren im Schnitt um einen Viertel zu. Kurz: die neu zugelassenen Autos waren grösser und stärker. Die beiden Entwicklungen kompensierten zu je rund einem Drittel die Effizienzgewinne moderner Motoren [vgl. Marti et al. 2009, S. 13]. Der Einfluss scheint in der Schweiz besonders stark zu sein.

Daten aus dem Jahr 2004 zeigen, dass in der Schweiz sowohl die bestehen­

den Personenwagen als auch die neu zugelassenen einen deutlich höheren Energieverbrauch aufwiesen als im europäischen Durchschnitt (plus 17 bzw.

plus 20 Prozent) [vgl. bfe 2007b, S. 53]. Auch aktuellere Zahlen zeigen, dass der durchschnittliche Treibstoffverbrauch in der Schweiz höher ist als im

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Ausland. So lag im ersten Halbjahr 2010 die Durchschnittsleistung der ver­

kauften Neuwagen in der Schweiz bei 143 PS, in der Eurozone lag sie bei nur gerade 111 PS.4 Der Trend zu stärkeren und grösseren Autos dürfte – trotz gegenteiliger Argumentation in politischen Debatten – weniger auf die ge­

birgigen Umstände im Land zurückzuführen sein. Das illustriert das Beispiel Österreich, wo 2004 der durchschnittliche Treibstoffverbrauch sogar unter dem EU­Niveau lag. Vielmehr ist davon auszugehen, dass das durchschnitt­

lich höhere Haushalteinkommen den Kauf grösserer und verbrauchsstärkerer Fahrzeuge stützt und damit den Energieverbrauch erhöht [vgl. auch Box 3].

Die im europäischen Vergleich tiefen Treibstoffpreise vor allem beim Benzin unterstützen diesen Effekt in der Schweiz.

Ein Blick in die Zukunft: Mehr Strom durch Elektromobilität? — Auf­

grund der Tatsache, dass Strom als sehr hochwertige und effiziente Ener­

gieform gilt, ist mit einem weiteren Anwachsen des Stromanteils im Ge­

samtenergieportfolio zu rechnen [vgl. auch Kapitel 2.2]. Häufig wird die Elektromobilität als wichtiger möglicher Treiber für ein weiteres, sprunghaftes Anwachsen des Stromverbrauchs angesehen. Noch bestehen allerdings Un­

sicherheiten: Die eigentliche Schwachstelle von Elektrofahrzeugen ist die Batterie. Ein konventioneller Blei­Säure­Akku mit dem Energiegehalt von 50 Litern Benzin würde etwa fünf Tonnen wiegen und wäre für einen Personen­

wagen zu schwer. Besser wären Lithium­Ionen­Akkus, die über eine höhere Energiedichte verfügen und auch bei Laptops verwendet werden. Allerdings sind sie kostspielig, was die Beschaffung eines damit ausgerüsteten Elektro­

fahrzeugs sehr teuer macht. Die Kosten einer Batterie liegen heute bei etwa 1000 EUR pro kWh [vgl. Deutsche Bank Research 2009, S. 11]. Ein effizientes Elektroauto benötigt rund 15 bis 20 kWh für 100 km Fahrleistung. Den hohen Anschaffungskosten stehen allerdings tiefe variable Kosten gegenüber. Einfa­

che Modellrechnungen zeigen, dass die Energiekosten bei Elektroautos unter jenen eines Benzin­getriebenen Fahrzeuges zu stehen kommen. Pro 100 km Fahrleistung belaufen sich die Energiekosten – je nach Kraftstoffpreis – auf

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etwa einen Drittel von jenen bei Diesel­ oder Benzinfahrzeugen. Daneben ist auch der Unterhalt des einfacher konzipierten Elektromotors günstiger:

Ölwechsel, Abgaswartung und diverse Servicearbeiten entfallen, zumal auch der mechanische Verschleiss weit geringer ist.

Ob und vor allem wann die Benzin­ und Diesel­betriebenen Fahrzeuge auf breiter Basis durch Elektrofahrzeuge abgelöst werden, ist aus heutiger Optik dennoch schwer zu beurteilen. Damit das Elektrofahrzeug konkurrenzfähig wird, müssen die Batterien noch günstiger, kleiner und sicherer werden. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass in den nächsten 5 bis 10 Jahren diese tech­

nischen Hürden überwunden werden können. Doch damit sind nicht alle Herausforderungen gelöst. Daneben müssen die (Netz­)Infrastrukturen für die dezentrale Versorgung der Fahrzeuge mit Strom angepasst werden. Wie diese Infrastruktur aussehen wird und wer sie baut und finanziert, ist noch unklar. Schliesslich stellt sich die Frage, ob sich schon in absehbarer Zeit das reine Elektrofahrzeug durchsetzen wird. Auch der Verbrennungsmotor macht Effizienzfortschritte – wenn auch auf tieferem Niveau. Daneben könnte auch die Hybridtechnologie über längere Zeit eine attraktive Alternative darstellen – schon wegen der grösseren Reichweite und der stärkeren Motorisierung. Sie wird häufig als Brückentechnologie zum reinen Elektrofahrzeug angesehen.

Noch sind die Erwartungen an die Verbreitung der Elektrofahrzeuge zurück­

haltend. Schätzungen gehen davon aus, dass in Deutschland bis 2020 nur etwa 2 Prozent aller PKW rein elektrisch betrieben werden [vgl. Deutsche Bank Research 2009, S. 12]. Der Anstieg des Stromverbrauchs wäre entsprechend gering und könnte ohne bedeutende Veränderungen im Kraftwerkspark be­

reitgestellt werden. Das zeigt auch eine einfache Rechnung für die Schweiz.

Würde jeder zehnte Personenwagen elektrisch betrieben, nähme der Strom­

verbrauch um lediglich etwa 2 Prozent zu (Annahme 20 kWh pro 100 km).

Eine rasch steigende Verbreitung der Elektrofahrzeuge ist dennoch denkbar, vor allem im Fall einer expliziten Förderung. So plant China, den Kauf von

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Elektrofahrzeugen in verschiedenen Städten grosszügig zu subventionieren [vgl. nzz 2010h, S. 30]. Bis 2020 soll die Hälfte des chinesischen Autoverkehrs elektrisch motorisiert sein. Hinter der Idee dürften aber weniger Zielsetzun­

gen hinsichtlich des Klimaschutzes als vielmehr strategische Überlegungen in Bezug auf die Industriepolitik stehen.5

2.2 Energie und Konjunktur

Mit den Ölkrisen der 1970er Jahre wird häufig eine physische Mangellage as­

soziiert. Tatsächlich war die Angebotsverknappung nur gering, dafür war der Preisanstieg umso deutlicher. Die Preise sorgten im Wesentlichen für einen Ausgleich von Angebot und Nachfrage. Zwar wurden aus politischen Erwä­

gungen verbrauchsdämpfende Massnahmen – wie die autofreien Sonntage – angeordnet, doch war in der Schweiz keine Entnahme von Öl aus den Pflicht­

lagern nötig, um einen physischen Mangel zu überbrücken. Trotz «Krise» war es also in erster Linie der Markt, der für ein Gleichgewicht sorgte [vgl. Box I].

Transmissionsmechanismen höherer Ölpreise — Steigende Energiepreise gelten aber als Gift für die Konjunktur. Tatsächlich gingen seit den 1970er Jahren Phasen ausgeprägter Ölpreisanstiege üblicherweise mit einer starken Abschwächung der Wirtschaftsleistung einher. Der Einfluss des Ölpreises auf die Konjunktur erfolgt über unterschiedliche Transmissionskanäle. In erster Linie verteuern sich die Importe der ölimportierenden Länder, was zu einer Verschlechterung der Terms of Trade führt. Das heisst, das Austauschverhält­

nis zwischen exportierten und importierten Waren verschlechtert sich, die aussenwirtschaftliche Position wird geschwächt. Die tieferen verfügbaren Haushalteinkommen reduzieren die Nachfrage im Inland und beeinträchti­

gen die Konjunktur. Doch ein solcher nachfrageseitiger Effekt alleine kann das Entstehen einer derart starken Rezession, wie sie während der ersten Ölkrise zu beobachten war, nur ungenügend erklären. Zu gering ist bei entwickelten

(28)

Volkswirtschaften der Anteil der Energiekosten am Bruttoinlandprodukt. So bewegten sich in der Schweiz die nominellen Endverbraucher­Ausgaben für Energie zwischen 1990 und 2009 jeweils in der Bandbreite von 5,1 bis 6 Prozent des Bruttoinlandproduktes (BIP). 1980 – während der zweiten Ölkrise – lagen sie leicht höher, bei 8 Prozent [vgl. bfe 2010b, S. 50]. Darin enthalten sind allerdings auch Ausgaben für Strom, fiskalische Abgaben, Raffinerie­ und Trans­

portkosten sowie Margen von Zwischenhändlern. Jede Erhöhung des reinen Rohstoffpreises bei Öl oder Gas führt demnach zu einer unterproportiona­

len Erhöhung der Endverbraucher­Ausgaben. Ein zweiter Transmissionskanal betrifft die Angebotsseite. Danach führen die höheren Kosten für Energie zu höheren Produktionskosten und damit zu steigenden Preisen. Aber auch hier gilt, dass der geringe Anteil der Energiekosten nur einen relativ geringen Ein­

fluss auf das Angebot und damit die Konjunktur hätte [vgl. Kilian 2008, S. 9].

Der steigende Ölpreis muss daher einen weiteren Einfluss haben, um derart stark auf die Konjunktur zu wirken. Ein dritter möglicher Impact betrifft so­

genannte «Zweitrundeneffekte» bei der Teuerung. Höhere Ölpreise führen zu einem (temporären) Teuerungsschub, der seinerseits eine Lohn­Preis­Spirale in Gang bringen kann. Will die Zentralbank diese Inflation mit einer restrikti­

veren Geldpolitik bekämpfen, droht eine Verstärkung der rezessiven Entwick­

lung. Ein vierter Ansatz zielt auf das Entstehen zusätzlicher nachfrageseitiger Einflüsse, die über die direkten Effekte des reduzierten Haushaltseinkommens hinausgehen. Tatsächlich lässt sich beobachten, dass Konsumenten weitere Reduktionen ihrer Ausgaben vornehmen bzw. mehr sparen. Empirische Un­

tersuchungen aus den USA zeigen, dass mit den höheren Preisen vor allem die Ausgaben für dauerhafte Güter wie Automobile oder Immobilien sinken.

Dies wird teilweise durch die Nachfrage nach verbrauchsärmeren Autos kom­

pensiert. Allerdings hatte dies im US­amerikanischen Kontext bisher nicht unbedingt einen positiven Einfluss auf die Konjunktur. Da die heimische Autoindustrie vor allem verbrauchsstarke Fahrzeuge produzierte, erhöhte sich der Import, was sich entsprechend negativ auf das Bruttoinlandprodukt

(29)

Box I: Die Ölkrisen der 1970er Jahre 1/2

Der Ausbruch des Jom­Kippur­Krieges im Herbst 1973 offenbarte eine zentrale Verwundbarkeit der industrialisierten Gesellschaft. Als Reaktion auf den vierten arabisch­israelischen Krieg drosselten die Länder der Organisation der Erdöl ex­

portierenden Länder (Opec) ihre Fördermengen um (lediglich) rund fünf Prozent.

Diese Massnahme löste an den Märkten ein mittleres Beben aus: Am 17. Oktober stieg der Ölpreis von rund drei auf über fünf USD pro Barrel an. Aus heutiger Sicht und gemessen an den absoluten Zahlen nimmt sich dieser Preissprung vielleicht bescheiden aus, doch handelte es sich um einen signifikanten Anstieg um rund 70 Prozent. In der Folge kam es zu weiteren Preissteigerungen auf über 10 USD – mit entsprechenden Folgen für die Kaufkraft der Konsumenten. Der scharfe Preisanstieg war nicht zuletzt eine Folge der unelastischen Nachfrage nach Öl. Bereits ein leicht sinkendes Angebot führt zu massiven Preissteigerungen.

Weil die meisten westlichen Industrieländer Öl importieren, kam es gleichzeitig zu Veränderungen in den Zahlungsbilanzen. Die Ausgaben für Importe nahmen sprung­

haft zu, was einen entsprechend negativen Einfluss auf die inländische Konjunktur zur Folge hat. Parallel zur Ölkrise zeichnete sich daher eine globale Wirtschaftskrise ab, die beispielswiese in Deutschland, dem verwöhnten Land des Wirtschaftswunders …

auswirkt. Eine verstärkte Reduktion der Ausgaben ist auch auf Seiten der Unternehmen möglich, insbesondere bei den Investitionen. So kann mit den ansteigenden Ölpreisen eine erhöhte Unsicherheit einhergehen, sowohl über die künftigen Produktionskosten als auch über die Nachfrage und damit das Preisniveau. Die höhere Unsicherheit führt damit – in der kurzen Frist – zu einer geringeren Investitionsneigung der Unternehmen. Die empirische Evi­

denz für diesen Einfluss über die Unternehmensinvestitionen ist allerdings gering [vgl. Kilian 2008, 18].

Abnehmender Einfluss der Ölpreise — Heute sind die Auswirkungen steigender Ölpreise weniger gravierend als in den 1970er Jahren. Die Ölin­

tensität von Produktion und Verbrauch hat sich gegenüber 1973 fast halbiert, wodurch auch die potenzielle Beeinträchtigung der Konjunktur durch stei­

gende Ölpreise abgenommen hat [vgl. auch Credit Suisse 2006, S. 2]. Der

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relativ geringere Ölverbrauch pro Wirtschaftsleistung ist auf unterschiedliche Entwicklungen zurückzuführen, insbesondere auf eine höhere Energieeffi­

zienz, eine veränderte Zusammensetzung der verwendeten Energie sowie auf den Strukturwandel im Sinne einer zunehmenden Tertiarisierung der Wirtschaft – also eines steigenden Gewichts des Dienstleistungssektors auf Kosten von Industrie und Landwirtschaft. Eine ausführlichere Diskussion dieser Aspekte folgt in Kapitel 2.3.

Wie stark aber beeinflusst der Ölpreis die Konjunktur? Basierend auf Mo­

dellschätzungen wurde Anfang des 21. Jahrhunderts häufig eine Faustformel

Box I: Die Ölkrisen der 1970er Jahre 2/2

… nach dem Zweiten Weltkrieg, Erscheinungen wie Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit und steigende Sozialausgaben mit sich brachte. Auch für die Schweiz hatte die weltwirt­

schaftliche Rezession gravierende Folgen. So brach das reale BIP 1975/76 um rund 7,5 Prozent ein. Welcher Anteil davon aber genau auf die höheren Erdölpreise zu­

rückzuführen ist, ist nicht klar. Die Auswirkungen der Ölpreiserhöhungen konnten nicht genau von jenen der Immobilienkrise, der schwächeren Weltwirtschaft und der parallelen Inflationsbekämpfung getrennt werden [vgl. seco 2002, S.27].

Die geschockten westlichen Industrienationen waren gezwungen, ihren Energieein­

satz massiv zu drosseln. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde diese Tatsache nicht zuletzt durch die Anordnung von autofreien Sonntagen bewusst. Nur wenige Jahre später illustrierte die zweite Ölkrise erneut die westliche Abhängigkeit von den ara­

bischen Staaten. Im Zuge der iranischen Revolution 1979 sowie des Ausbruchs des irakisch­iranischen Krieges verdoppelte sich der Ölpreis abermals und stürzte die Weltwirtschaft erneut in eine Rezession. Nun allerdings war der Effekt des höheren Ölpreises auf die Konjunktur einiges schwächer als in der Krise zuvor. Mit den von Unternehmen und Regierungen getroffenen Entscheidungen, in energieeffizientere Technologien zu investieren, sowie dem Strukturwandel hin zur Produktion von weniger energieintensiven Gütern nahm die Ölpreissensitivität des wirtschaftlichen Systems offensichtlich ab. Die höhere Energieeffizienz bei Verbrauchern und Produ­

zenten verlieh dem System eine höhere Widerstandsfähigkeit gegenüber steigenden Ölpreisen [vgl. auch lindenberger et al. 2001, S. 273 und 279, sowie stern und cleveland 2004, S. 28].

(31)

angewendet, wonach im OECD­Raum ein permanenter Ölpreisanstieg um 10 USD das reale Wirtschaftswachstum um rund 0,5 Prozentpunkte dämpft und die Inflation um 0,5 Prozentpunkte erhöht. Diese Beeinträchtigung manifes­

tiert sich grösstenteils bereits im ersten Jahr nach dem Ölpreisanstieg. Für die Schweiz wurden etwa ähnliche Werte angenommen. Zwar sind aufgrund der relativ hohen Energieeffizienz die direkten negativen Effekte auf die Konjunk­

tur etwas geringer als in vielen OECD­Ländern, hingegen dürfte der Einfluss einer schwächeren Weltkonjunktur auf den Aussenhandel im schweizerischen Kontext stärker sein [vgl. Schmidbauer 2006, S. 17, und Seco 2004, S. 36/37].

Allerdings wurde die Faustformel zu einer Zeit entwickelt, als der nominelle Ölpreis noch ein relativ tiefes Niveau aufwies (bis 2003 unter 30 USD). Eine aktuellere Untersuchung der Schweizerischen Nationalbank (SNB) schätzt, dass ein temporärer Ölpreisanstieg um 10 Prozent die reale Wirtschaftsleistung in der Schweiz in einem ersten darauf folgenden Quartal um 0,06 Prozent­

punkte senkt – nach einem Jahr sind es sogar knapp 0,1 Prozentpunkte6 [vgl.

Cuche-Curti et al. 2009, S. 35]. Zu einem vergleichbaren Resultat kommt eine empirische Studie, welche den makroökonomischen Einfluss der steigen­

den Ölpreise während der Periode 2003 bis 2008 untersucht. Im betrachteten Zeitraum implizierte eine durchschnittliche jährliche Preiserhöhung um 39 Prozentpunkte einen Rückgang des realen BIP um 0,52 Prozentpunkte [vgl.

Atukeren 2011]. Umgerechnet würde ein Preisanstieg um 10 Prozentpunkte zu einer BIP­Reduktion um etwa 0,13 Prozent führen. Der negative Einfluss auf das reale BIP ist also leicht grösser als in der SNB­Studie. Das dürfte vor allem darauf zurückzuführen sein, dass es sich um einen anhaltenden Ölpreis­

anstieg handelt, während in der SNB­Studie ein Preisschock unterstellt wird, der sich nach einigen Quartalen verflüchtigt.

Die berechneten Zusammenhänge gelten unter der Annahme, dass sich einzig der Ölpreis verändert. Doch gerade während der Zeitperiode 2006 bis 2008, als der Ölpreis Rekordwerte erlangte, zeichnete sich weltweit eine starke Kon­

junktur ab. Davon profitierte natürlich auch das schweizerische BIP – nicht

(32)

zuletzt über höhere Exporte. Getrieben von der wirtschaftlichen Entwicklung nahm auch die globale Energienachfrage zu. Besonders stark entwickelte sich der Verbrauch in aufstrebenden Schwellenländern wie China. Mit anderen Worten: Hochkonjunktur und rekordhohe Energiepreise gingen Hand in Hand.

Dies deutet darauf hin, dass sich der beobachtete Zusammenhang zwischen Ölpreis und Konjunktur in den vergangenen Jahren geändert hat: Während bisher höhere Ölpreise als Auslöser einer Rezession galten, ist neu die starke Konjunktur der Grund für die hohen Ölpreise.

Tatsächlich bestätigen empirische Untersuchungen für die Periode 1991 bis 2003, dass der Einfluss der Veränderungen des Ölpreises auf das OECD­BIP­

Wachstum kaum mehr signifikant ist. Hochgradig signifikant ist dagegen der Einfluss des OECD­BIP auf den Ölpreis [vgl. Seco 2004, S. 36]. Das bedeutet, dass eine starke weltweite Konjunktur den gleichzeitig negativen Einfluss der damit einhergehenden höheren Ölpreise überdecken kann. Umgekehrt aber ist nicht ausgeschlossen, dass ein höherer Ölpreis auch in Zukunft eine Rezession auslösen kann – das illustrieren auch die oben dargestellten Resultate. Das gilt insbesondere dann, wenn der hohe Ölpreis weniger durch nachfrageseitige Einflüsse begründet ist (höhere Ölnachfrage aufgrund einer starken weltwirt­

schaftlichen Entwicklung), sondern vielmehr durch einen angebotsseitigen Schock, welcher zu einer Kontraktion des Ölangebots führt. Solche Ereignisse dürften in erster Linie im Zusammenhang mit politischer Instabilität entstehen.

Evidenz hierfür sind sowohl die beiden ersten Ölkrisen als auch die Invasion Kuwaits durch den Irak im Jahr 1990. Das aber bedeutet, dass trotz der oben festgestellten Umkehrung der Kausalität energiepreisbedingte Konjunkturbeein­

trächtigungen auch in Zukunft möglich sind. Die Wahrscheinlichkeit solcher Energie­Angebotsschocks wird in Kapitel 3 diskutiert.

(33)

2.3 Energie und Wirtschaftswachstum

In der oben dargestellten kurzfristigen konjunkturellen Betrachtung steht in erster Linie der Einfluss von höheren Energiepreisen auf die gesamtwirt­

schaftliche Nachfrage im Zentrum. Bei einer längerfristigen Betrachtung, die sich mit dem Zusammenhang zwischen Energie und Wirtschaftswachstum auseinandersetzt, rückt die Produktionsseite in den Fokus. Dabei stellt sich die Frage, wie die längerfristige Verfügbarkeit von Energie das Wachstum einer Volkswirtschaft beeinflusst. In diesem Kontext interessiert weniger die Beeinträchtigung der kurzfristigen Nachfrage aufgrund von Preissteigerungen, sondern vielmehr die längerfristige Fähigkeit der Unternehmen, Güter und Dienstleistungen zu produzieren.

Seit der Wende zum 20. Jahrhundert gingen Fortschritte der wirtschaftlichen Produktion sowie des Wohlstandes praktisch parallel mit dem Energieverbrauch einher. Der US­Ökonom F. G. Tryon stellte bereits 1927 fest: «Anything as impor­

tant in industrial life as power deserves more attention than it has yet received by economists […] a theory of production that really explains how wealth is produced must analyze the contribution of the element energy» [Tyron 1927].

Die Annahme, dass Wirtschaftsleistung die Verfügbarkeit von Energie voraus­

setzt, basiert nicht zuletzt auf physikalischen Gesetzmässigkeiten. Gemäss den ersten beiden Hauptsätzen der Thermodynamik geschieht nichts ohne Ener­

gieumwandlung und Entropieproduktion. In Bezug auf die wirtschaftliche Produktion bedeutet dies, i) dass jeder Produktionsprozess den Einsatz von Energie voraussetzt, ii) dass Entropieproduktion die Energie «entwertet» (quasi verbraucht) und Wärme­ und Stoffemissionen verursacht sowie dass iii) mensch­

liche Routinearbeit aufgrund der Automation zunehmend durch energiebe­

triebene Maschinen ersetzt wird [vgl. auch Lindenberger et al. 2001, S. 273].

Trotz dieser fundamentalen Erkenntnis wurde in den wirtschaftswissenschaft­

lichen Theorien und Modellen die Relevanz der Energie für das Wirtschafts­

(34)

wachstum lange Zeit vernachlässigt. Die in den 1950er Jahren von Solow ge­

prägte neoklassische Wachstumstheorie fokussierte in erster Linie auf Kapital, Arbeit und technologischen Fortschritt. Letzterer stellt dabei den einzigen Treiber für langfristig nachhaltiges Wachstum dar und setzt – gerade für die Automatisierung – die Verwendung von Energie voraus. Dennoch stand das Thema Energie nicht im Vordergrund. Die Vernachlässigung dieses Faktors ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass weniger die Art und die Struk­

tur der Produktion interessierte, sondern vielmehr die Frage der Verteilung des Volkseinkommens. Ausserdem war das Bewusstsein für die Knappheit von natürlichen Ressourcen kaum entwickelt. Die Relevanz der Energie und anderer nicht erneuerbarer Rohstoffe als Grundlage der Produktion fand erst nach der Publikation von «The Limits to Growth» (1972) sowie im Nachgang zu den Ölkrisen zunehmend Beachtung. Daraus entstand schliesslich eine breite Debatte über die Rolle der Energie für das Wirtschaftswachstum.

Als extreme Szenarien werden die Endlichkeit der fossilen Energien und damit die Gefahr eines Abbruchs des Wirtschaftswachstums einerseits (z.B. Club of Rome oder Peak­Oil­Theorie) sowie die Entkoppelung von Wirtschaftswachs­

tum und Energieverbrauch andererseits diskutiert. Während sich das erste Szenario bisher nicht bewahrheitet hat, gibt es immerhin eine gewisse Evidenz für das positivere zweite Szenario. In den meisten Ländern sinkt die Menge an notwendiger Energie für die Produktion einer Einheit Wirtschaftsleistung [vgl. auch Abb. 2]. Auf globaler Ebene sank die nötige Energie pro Einheit Bruttoinlandprodukt zwischen 1990 und 2006 um 1.6 Prozent jährlich [vgl.

World Energy Council 2008, S. 1].

Der Zusammenhang zwischen Energieverbrauch und Wirtschaftswachstum ist komplex und hängt von unterschiedlichen Einflüssen ab. Um diese zu systema­

tisieren und voneinander zu trennen, ist es sinnvoll, Energie als einen Produkti­

onsfaktor anzunehmen. Das bedeutet, Energie stellt neben den Faktoren Arbeit, Kapital und technischer Fortschritt ein Element in der gesamtwirtschaftlichen

(35)

Abb. 2 Steigende Energieeffizienz – vor allem in China

Nicht zuletzt bei den Grossverbrauchern USA und vor allem China nahm in den letzten 30 Jahren der Energieeinsatz pro Wirtschaftsleistung deutlich ab.

Quelle: Avenir Suisse auf Basis EIA 2008 0

5 10 15 20 25 30 35 40 45

1980 1985 1990 1995 2000 2005

CHINA USA

FRANKREICH

JAPAN

SCHWEIZ

ENERGIEVERBRAUCH PRO BIP-EINHEIT IN MJ PRO USD 2000

(36)

Produktionsfunktion dar. Nun kann der Zusammenhang zwischen Energie und Output im Wesentlichen durch vier Dimensionen bestimmt werden:

i) die mögliche Substitution von Energie durch andere Faktoren wie Kapital und Arbeit, ii) technischen Fortschritt bzw. Innovation, iii) Veränderungen bei der Zusammensetzung der verwendeten Energieträger und iv) Veränderungen bei der Zusammensetzung des Outputs [vgl. Stern und Cleveland 2004, S.

18]. Im Folgenden werden diese Dimensionen einzeln diskutiert.

Geringe Substitution von Energie durch Kapital — Zahlreiche empirische Studien analysierten die Rolle der Energie in der Produktion, insbesondere ob sie als Substitut oder Komplement zum Produktionsfaktor Kapital agiert. Im Falle der Komplementarität verlangt der grössere Einsatz von Kapital gleichzei­

tig mehr Energie. Der Zusammenhang kann wie folgt erklärt werden: Mehr Maschinen und Anlagen benötigen für ihre Herstellung, aber auch ihren Betrieb Energie. Im Falle der Substitutionsbeziehung ist der Zusammenhang umgekehrt: Durch den höheren und verbesserten Einsatz von Kapital im Sinne von Investitionen in Anlagen und Maschinen wird der Energieeinsatz gesenkt.

Sowohl für den einen als auch den anderen Ansatz lassen sich Beispiele aus der Praxis nennen. Schwieriger ist aber eine aggregierte Analyse der Beziehung zwischen Kapital und Energie.

In den diversen empirischen Studien liess sich für beide Ansätze Evidenz fin­

den oder auch dafür, dass es sich weder um Substitute noch um Komplemente handelt [vgl. auch Stern und Cleveland 2004, S. 19/20 sowie Erdmann und Zweifel 2008, S. 116 – 117]. Die divergierenden Resultate lassen sich auf die unzureichende Aussagekraft volkswirtschaftlich aggregierter Daten sowie auf Schwierigkeiten bei der Unterscheidung zwischen der langen und der kurzen Frist zurückführen. Während in der kurzen Frist Kapital und Energie eher Komplemente sind, besteht die Substitutionsbeziehung vor allem längerfris­

tig. Daneben lässt sich der Einfluss des technischen Fortschritts im Sinne von Innovationen statistisch nur sehr schwer von den beiden Effekten isolieren.

(37)

Der separate Einfluss der Innnovation wird im nächsten Abschnitt diskutiert.

Viel deutlicher zeigt sich in der Statistik dagegen die Substitutionsbeziehung zwischen Energie und Arbeit im Sinne von Muskelkraft, was sich in erster Linie auf die zunehmende Automatisierung zurückführen lässt. Diese Sub­

stitution hat nicht zuletzt während einer frühen Phase der Industrialisierung eine zentrale Rolle gespielt.

Innovation senkt und erhöht den Energieverbrauch — Nach weit verbrei­

teter Auffassung hat weniger der Einsatz von Kapital als vielmehr die technische Innovation einen zentralen Einfluss auf den Energieverbrauch. Hierfür gibt es – mindestens aus technischer Optik – offensichtliche Evidenz. So erhöhten technische Innovationen den Wirkungsgrad thermischer Kraftwerke. Das heisst, sie erreichen bei der Energieumwandlung eine höhere Effizienz, es entsteht weniger ungenutzte Abwärme. So haben moderne Steinkohlekraftwerke heute einen Wirkungsgrad von etwa 45 Prozent, 1980 lag dieser noch unter 40 Prozent [vgl. Hirschhausen et al. 2007, S. 66]. Effizienzsteigerungen gab es aber auch bei Automotoren oder bei elektrischen Haushaltgeräten. So sank der Strom­

verbrauch von Geräten wie Gefriertruhen, Kühlschränken und Waschmaschi­

nen zwischen 1985 und 2000 um durchschnittlich über 40 Prozent. Dennoch lässt sich daraus nicht direkt schliessen, dass der aggregierte Energieverbrauch um dieselbe Rate gesunken ist. Trotz effizienteren Haushaltgeräten stieg der Elektrizitätsverbrauch Schweizer Haushalte im selben Zeitraum um rund 10 Prozent [vgl. Grandjean und Meister 2009]. Das Beispiel illustriert, dass der Begriff der Innovation sich nicht nur auf die Effizienzsteigerung im engeren Sinne beziehen darf, sondern breiter gefasst werden muss. Innovationen füh­

ren auch dazu, dass neue Geräte und Anwendungen sowohl in der Produk­

tion als auch im Haushalt Verwendung finden – wer hatte 1970 schon einen Computer, eine Espressomaschine oder einen Geschirrspüler? Oder parallel zur höheren Motoreneffizienz nahm das durchschnittliche Gewicht sowie die Motorisierung der Motorfahrzeuge zu, was den Energieverbrauch erhöhte. Auf aggregierter Ebene zeigt sich denn auch unterschiedliche Evidenz. Aufgrund

(38)

allgemeiner Innovationen – der sogenannten Autonomous Energy Efficiency Increases – werden insbesondere in den Haushalten mehr strombetriebene Geräte verwendet, umgekehrt finden vor allem in der Industrie vermehrt ener­

giesparende Technologien Anwendung [Stern und Cleveland 2004, S. 21, und World Energy Council 2008, S. 3].

Natürlich werden energieeffizienzsteigernde Innovationen nicht zuletzt durch steigende Energiepreise induziert. Dies ist einleuchtend, schliesslich kann in einer freien Marktwirtschaft davon ausgegangen werden, dass höhere Preise den Anlass für energiesparende Innovationen liefern, zumal auch die Zah­

lungsbereitschaft für entsprechende Technologie zunimmt. Allerdings ist es nicht ganz einfach, diesen Effekt in der Realität statistisch zu messen bzw.

zu separieren, um sinnvolle Aussagen bezüglich des Zusammenhangs zwi­

schen Energiepreisen und Innovationen zu machen. Innovationen können schliesslich auch auf die Veränderung von Normen oder auf Förderprogramme zurückzuführen sein – oder auf die oben angesprochenen allgemeinen Inno­

vationen, die Autonomous Energy Efficiency Increases. Dennoch konnte in empirischen Studien ein Zusammenhang zwischen Energiepreisen und der Innovation in höhere Effizienz festgestellt werden. Solche Evidenz gibt es bei elektrischen Haushaltgeräten wie z.B. Klimaanlagen. Eine US­Studie aus dem Jahr 1999 zeigt allerdings, dass lediglich etwa ein Viertel der Effizienzsteigerung seit 1973 auf preisinduzierte Innovationen zurückzuführen war [vgl. Newell et al. 1999]. Relativ offensichtliche Evidenz für den Zusammenhang zwischen Energiepreisen und Innovation liefert am ehesten die Autoindustrie, welche in den vergangenen Jahren mit neuen Technologien (z.B. Hybrid) auf höhere Treibstoffpreise reagierte. Als gegenläufiger Trend zur höheren Effizienz wird häufig auf den sogenannten Rebound­Effekt hingewiesen [vgl. Box 2].

Veränderungen im Energieportfolio — Veränderungen des Gesamtenergie­

verbrauchs können zudem auf Veränderungen der Zusammensetzung der Energieträger zurückzuführen sein. Energieträger haben unterschiedliche

(39)

Box 2: Gegenläufige Wirkung des Rebound­Effekts 1/2

Die Wirkung von effizienzsteigernden Innovationen wird häufig überschätzt. Die tatsächliche Energieeinsparung liegt meist unter dem technischen Potenzial der In­

novation. Dieser Umstand wird häufig mit Rebound­Effekt oder «Khazzoom­Broo­

kes­Effekt» bezeichnet [vgl. z.B. Brookes 1990]. Sollte im Extremfall sogar netto ein höherer Energieverbrauch resultieren, wird dies als Backfire­Effekt bezeichnet. Die (ökonomische) Argumentation stützt sich häufig auf zwei Effekte. In einem ersten direkten reduziert sich am Markt aufgrund der geringeren Nachfrage nach Energie de­

ren Preis, was sich in einer höheren Nachfrage manifestiert. Im Rahmen eines zweiten indirekten Effektes würde der tiefere Preis das verfügbare Einkommen erhöhen, was wiederum zu einer erhöhten Nachfrage nach anderen (energieintensiven) Produkten führt. Daneben werden häufig auch soziopsychologische Einflüsse angefügt, um den Rebound­Effekt zu erklären.

Empirische Studien fokussieren vor allem auf den direkten Einfluss. Die festgestellten direkten Rebound­Effekte (gemessen als prozentuale Verringerung der aus Ingeni­

eurssicht möglichen Energieeinsparung) sind allerdings sehr heterogen. Verschiedene Studien zeigen relativ deutliche Effekte bis zu 30 oder in einigen Fällen gar 50 Pro­

zent [vgl. Madlener und Alcott 2007, S. 71]. Andere kommen zum Schluss, dass die Rebound­Effekte – nicht zuletzt wegen der geringen Nachfrageelastizität nach Energie – klein sind [vgl. auch Howarth 1997]. Auch die Evaluation der Einflüsse von unterschiedlichen nationalen Effizienzsteigerungsprogrammen durch die Inter­

nationale Energieagentur (IEA) weist darauf hin, dass die Erosion von Energieein­

sparungen aufgrund von Rebound­Effekten «relatively modest in most cases» ist [vgl.

iea 2005, S. 36]. Messungen bezüglich des indirekten Effektes gibt es dagegen kaum, zumal es sehr schwierig ist, eine kausale Relation zwischen mikroökonomischen Effi­

zienzsteigerungen und makroökonomischen Veränderungen des Energieverbrauchs herzustellen [vgl. Madlener und Alcott 2007, S. 71].

Aus ökonomischer Sicht ist die Existenz des direkten Rebound­Effektes nichts Be­

sonderes und folgt im Grunde aus der allgemeinen Angebots­Nachfrage­Theorie, die letztlich für alle Güter gilt. In einer vereinfachenden Angebots­Nachfrage­Illustration kann dies dargestellt werden. Durch eine Innovation (die den Einsatz energieeffizi­

enterer Geräte erlaubt) reduziert sich die Nachfrage eines Haushaltes nach Energie um einen bestimmten Betrag. Die geringere Energienachfrage führt im neuen Markt­

gleichgewicht zu einem tieferen Energiepreis. Gerade wegen dieses tieferen Preises sinkt nun der Energieverbrauch nicht um den ursprünglich durch die technische Innovation bestimmten Betrag. Vielmehr hängt die Einsparung von den Angebots­

und Nachfrageelastizitäten ab. Grundsätzlich gilt: Je elastischer die Nachfrage nach …

(40)

Qualitäten im Sinne unterschiedlicher Grenzproduktivitäten. So lässt sich ein elektrisches Gerät nicht direkt mit Kohle betreiben. Vorher muss ein Kohlekraftwerk die fossile in elektrische Energie umwandeln. Geht man dabei von einem Wirkungsgrad von etwa 45 Prozent aus, dann entfällt mehr als die Hälfte der ursprünglichen Energie als Abwärme – sofern diese nicht genutzt werden kann, beispielsweise für Fernwärmeanlagen. Die unterschiedliche Qua­

lität der Energieträger folgt aus unterschiedlichen Faktoren, beispielsweise durch die physische Knappheit, Energiedichte (und damit Transportfähigkeit), Sauberkeit, Möglichkeit der Lagerung, Sicherheit, Flexibilität der Nutzung, Kosten der Umwandlung usw. Je nach Verwendung stehen unterschiedliche Attribute im Vordergrund. So ist die Flugindustrie auf einen in Relation zum Gewicht sehr energiehaltigen Treibstoff angewiesen. Im Allgemeinen werden die Energien nach ihrer Qualität wie folgt geordnet: Elektrizität, Erdgas, Öl, Kohle, Holz [vgl. auch Stern und Cleveland 2004, S. 23].

Die hohe Qualität der Elektrizität resultiert aus der effizienten Energieum­

wandlung, die praktisch ohne Verluste erfolgt. Umgekehrt sind fossile Ener­

Box 2: Gegenläufige Wirkung des Rebound­Effekts 2/2

… Energie, desto geringer ist die Einsparung. Das heisst, falls die Nachfrage nach Energie sehr stark auf den Preis reagiert, dann motiviert der gesunkene Preis eben zu einer höheren Nachfrage – was dem ursprünglichen Einfluss der Effizienzsteigerung entgegenwirkt. Da jedoch beim Energieverbrauch im Allgemeinen von einer tiefen Nachfrageelastizität ausgegangen wird, ist der Rebound­Effekt eher als gering anzu­

nehmen. Auch dürfte die Wahrscheinlichkeit eines Backfire­Effekts marginal sein [vgl. Howarth 1997]. Im skizzierten Angebots­Nachfrage­Schema kann der tiefere Preis nicht zu einer netto höheren Nachfrage führen. Weitere Meachanismen müssten deshalb unterstellt werden. So könnte im Rahmen des indirekten Effektes die Zusatz­

nachfrage bei anderen Produkten den Energieverbrauch erhöhen. Doch ist davon auszugehen, dass dabei auch Produkte mit geringem Energiebedarf enthalten sind.

Eine netto höhere Nachfrage könnte ausserdem entstehen, wenn sich durch die Inno­

vation und die höhere Effizienz nicht nur die Position, sondern auch die Elastizität der Energienachfrage verändert und damit ein neues Verhalten induziert.

(41)

gien in einer globalen Betrachtung die wichtigste Grundlage der Elektrizitäts­

produktion. Dennoch lässt sich umgekehrt nicht daraus schliessen, dass die Produktivität der Elektrizität aus diesem Grund ebenfalls gering ist. Vielmehr gilt, dass Öl­, Gas­ oder Kohlegrosskraftwerke bei der Energieumwandlung weit höhere Wirkungsgrade erlauben als bei einer dezentralen Verwendung, beispielsweise im Rahmen eines Automotors. Tatsächlich gibt es starke Evidenz dafür, dass die Veränderung der Zusammensetzung der verbrauchten Energie zu Einsparungen geführt hat. So lässt sich am Beispiel der USA zeigen, dass in den vergangenen 50 Jahren vor allem die Rolle von Kohle abgenommen hat, während Gas, Öl und vor allem die Elektrizität wichtiger wurden. Diese Entwicklung dürfte wesentlich zu einer höheren Energieeffizienz beigetragen haben [vgl. auch Kaufmann 2004].

Doch die Verwendung höherwertiger Energieformen relativiert gleichzeitig die These von einer grundsätzlichen Abkoppelung von Wirtschaftswachstum und Energieverbrauch. Eine Studie für die USA, welche die Energien nach der oben definierten Qualität indexiert, zeigt einen engen Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und indexiertem Energieverbrauch. Während­

dessen ist der «echte» bzw. nicht indexierte Energieverbrauch nach 1975 weit weniger stark angestiegen als die Wirtschaftsleistung [vgl. Stern 1993]. Mit anderen Worten: Die Veränderung des Energieverbrauchs hat wesentlich zu den Effizienzsteigerungen beigetragen und damit – jedenfalls während einer Transformationsphase – eine scheinbare Abkoppelung von Energieverbrauch und Wirtschaftswachstum angezeigt. Doch auf längere Sicht ist das Potenzial begrenzt. Sobald ein Grossteil der qualitativ schlechteren Energien abgelöst ist, dürfte der Verbrauch von Energie wieder stärker mit dem Wirtschafts­

wachstum einhergehen. Ausserdem gibt es Grenzen der Substitution. So ist Strom weiterhin keine Alternative zum Flugpetrol.

Veränderung des Outputs — Schliesslich wird der Energieverbrauch we­

sentlich durch die Zusammensetzung der Produktion bzw. des wirtschaftli­

(42)

chen Outputs bestimmt. Etwas vereinfacht ausgedrückt: Je höher der Anteil der Industrie in einer Volkswirtschaft ist, desto grösser ist tendenziell der Energieverbrauch, je höher der Anteil der Dienstleistungen, desto geringer ist der Energieverbrauch. Neben der absoluten Grösse des Energieverbrauchs induziert die Branchenstruktur auch Unterschiede bei der Zusammensetzung der verwendeten Energie. Während in der Industrie (v.a. Zement/Beton) fossile Energie zur Produktion von Wärme dominiert, steht bei den Dienstleistungen vor allem der Verbrauch von höherwertiger Elektrizität im Vordergrund. Ab­

bildung 3 illustriert, dass in der Tat ein tendenziell positiver Zusammenhang zwischen Energieverbrauch pro Wirtschaftsleistung und Anteil des Industrie­

sektors existiert. Allerdings illustriert die Abbildung auch, dass Unterschiede in der Energieeffizienz existieren. Obschon die Schweiz einen grösseren Anteil Industrie aufweist, liegt ihre Energieintensität unter jener von Ländern wie Italien oder Frankreich. Dies ist offensichtlich ein Hinweis auf eine relativ hohe Energieeffizienz in der Schweiz.

Gerade auf nationaler Ebene ist der Aspekt der Struktur der Wirtschaftsleis­

tung von besonderer Bedeutung. Und insbesondere in kleineren Ländern wie der Schweiz könnten bereits die Ansiedelung und der Wegzug einzelner Industriezweige einen spürbaren Einfluss auf den Gesamtenergieverbrauch haben. Dennoch ist nicht davon auszugehen, dass selbst im Falle eines kom­

pletten Wegzugs der (energieintensiven) Industrie eine Entkoppelung zwi­

schen Energie und Wirtschaftswachstum stattfindet. Eine Entkoppelung würde sich lediglich während einer Transformationsphase abzeichnen. Auch der Dienstleistungssektor ist auf Energie angewiesen, so dass sein Wachstum einen steigenden Energieverbrauch impliziert – wenn auch auf tieferem Niveau [vgl.

auch Stern und Cleveland 2004, S. 24]. Aus einer breiteren Perspektive stellt sich natürlich die Frage, ob das steigende Gewicht des Dienstleistungssektors in den entwickelten Ländern und eine damit einhergehende «Abschiebung»

energieintensiver Industrien in die Schwellenländer eine sinnvolle Entwick­

lung ist. Zum einen muss davon ausgegangen werden, dass dort Umwelt­ und

(43)

Abb. 3: Grösse des Industriesektors und Energieverbrauch (2006)

Länder mit einem hohen Industrieanteil wenden tendenziell mehr Energie pro Wirtschafts- leistung auf. Allerdings zeigt die Abbildung, dass Länder wie die USA oder Frankreich trotz geringerem Industrieanteil mehr Energie pro Wirtschaftsleistung aufwenden als die Schweiz.

Quelle: Avenir Suisse auf Basis Weltbank und EIA

% VON BIP

ENERGIEINTENSITÄT IN MJ PRO USD (2000)

INDUSTRIEANTEIL IN % DES BIP

KANADA

F INNLAND NORWEGEN AUSTRALIEN

USA

LUXEMBURG FRANKREICH ITALIEN DEUTSCHLAND

SCHWEIZ GROSSBRITANNIEN

IRLAND KANADA

F INNLAND NORWEGEN AUSTRALIEN

USA

LUXEMBURG FRANKREICH ITALIEN DEUTSCHLAND

SCHWEIZ GROSSBRITANNIEN

IRLAND

3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14

15

10 20 25 30 35 40 45

Imagem

Abb. 1:  Energieverbrauch und Verwendung 2006 (in PJ):
Abb. 2  Steigende Energieeffizienz – vor allem in China
Abb. 3:  Grösse des Industriesektors und Energieverbrauch (2006)
Abb. 4:  BIP und Energieverbrauch: Positiver Zusammenhang
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Referências

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