Ein Vierteljahrhundert Kasseler Erinnerungen
Erlebtes, Erstrebtes und Gedachtes Hans Hoche
Band III-2
Ein Vierteljahrhundert Kasseler Erinnerungen
Erlebtes, Erstrebtes und Gedachtes
Band III Teil 2
Hans Hoche
Meinen Kasseler Freunden und Bekannten gewidmet!
Kassel 2023
Impressum:
Hoche, Hans (1872-1957)
Ein Vierteljahrhundert Kasseler Erinnerungen – Erlebtes, Erstrebtes und Gedachtes 2023
Transkribiert und herausgegeben von Helmut Bernert, Kassel, auf Grundlage des Digitalisats einer Reproduktion des Originaltyposkripts
Kassel, Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel, 34 1951 B 1124[3,2
https://orka.bibliothek.uni-kassel.de/viewer/image/1549031358564/1/
doi:10.17170/kobra-202303137627
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Dritter Band Zweiter Teil
Kultur und Geselligkeit . . . [195] - 1 Immmntimes Musizieren . . . [252] - 59 Ausklang . . . [290] - 101 Anhang: Harry de Garmo – In memoriam . . . [I - XXIII] - 189
„Beethoven-Abend“ (eingeklebter Zettel). . . [259] - 214
Tafel mit Zeitungsausschnitten und Buchtitel. . . [zwischen 334+335] - 215 + 216 Verzeichnis der Bildtafeln. . . 217 Personenregister. . . 219
[195]
Kultur der Geselligkeit.
O, Jugend, glückliche Zeit der Illusionen! Mit von grossen Hoffnungen und Erwartungen geschwell- ten Segeln stürmst Du hinaus in den Ozean des Lehens. In Gedanken baust Du Dir eine glänzende Zukunft auf und im Schimmer des Ideals leuchten die Bilder auf, die eine nimmermüde Einbildungs- kraft Dir ausmalt! Im Herzen des jugendlichen Menschen vermögen selbst Enttäuschungen, die sich leider nur zu bald einstellen, den Glauben an eine einmal früher oder später doch eintretende Ver- wirklichung heiss ersehnter Ziele nicht zu erschüttern, wenngleich je älter man wird, solche Wünsche in umso bescheidenerer Form auftreten. Reicher an Illusionen als an Erfüllungen war auch mein Leben. Aber zu einem meiner nur ungern aufgegebenen Ideale gehörte stets der Wunsch, einst in meinem Hause eine durch hohe geistige und künstlerische Atmosphäre veredelte Geselligkeit zu pflegen oder wenigstens, wenn mir dies unerreichbar blieb – wie ich wohl schon im Unterbewusstsein ahnte – in Kreisen verkehren zu können, wo eine solche Atmosphäre zu finden wäre. Die in meinem Elternhaus gepflegte Geselligkeit stand nicht auf dem ersehnten hohen Niveau, wenn auch sich dort schon geringe Spuren von dem zeigten, was mir als Ideal vorschwebte. In den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderte war die Geselligkeit, wie ich sie als junger Mensch in Breslauer Familien des bürgerlichen Mittelstandes kennen lernte, zu gewissen Formen erstarrt und auch in anderen grösseren und kleineren Städten Deutschlands dürfte mit geringen Änderungen das mir aus eigener Anschauung bekannt gewordene Beispiel geselligen Verkehrs typisch geblieben sein. Soweit der Verkehr zwi- schen befreundeten und bekannten Familien in Betracht kam, konnte man ruhig von einer Me- chanisierung der Geselligkeit sprechen. Man ging in Gesellschaft und war infolgedessen genötigt, selbst Gesellschaften zu geben. Das Prinzip „do, ut des“ war eine Selbstverständlichkeit und die Hausfrauen suchten sich in dem, was auf die gedeckte Tafel gebracht wurde, geradezu zu überbieten.
In Officiers- und Beamtenkreisen ging dies oft so weit, dass die Familien sich monatelang ein- schränken mussten, um nur, wenn die Reihe an sie kam, die Mittel zur Verfügung haben, um, wie es hiess, standesgemäss aufwarten zu können. Was gegen diesen Stil der Geselligkeit hauptsächlich einzuwenden war, das war die traurige Tatsache, dass das Schema oft nicht den wirklichen Verhält- nissen entsprach. Ja, nicht mit Unrecht sprach man häufig von einem glänzenden Elend jener Kreise, die sich den auf Abfütterung eingestellten Gastereien, die zu jener Zeit eben im Schwange waren, nicht gut entziehen konnten. Der Materialismus, der das Hauptkennzeichen in den letzten Jahrzehnten vor dem Weltkriege in Deutschland nun einmal war, prägte sich deutlich dieser Art Geselligkeit auf.
Schon als junger Mensch fand ich wenig Geschmack an dieser Form der Geselligkeit. Gewiss wurde auch hierbei das Gespräch, das durchaus nicht immer auf einem seichten Niveau zu stehen brauchte, gepflegt. Auch hier vertiefte die gegenseitige Unterhaltung die Bekanntschaften, aus denen zuweilen Freundschaften erwuchsen. Wenn aber der Sinn der Geselligkeit nur die Freude an der Mitteilung und
Aussprache ist, so bedurfte es nicht dieser grossen Gastereien, bei denen es auch oft recht steif zuging. In Hamburg wurde ich durch den Sohn des Hauses eines Hamburger Exporteurs in den „Jour fixe“ der Familie [196] eingeführt. Hier wieder eine ganz andere Form der Geselligkeitskultur, die mir auch nicht gerade sehr sympathisch war. Gewiss war hier der Verkehr viel zwangloser. Für die leiblichen Bedürfnisse sorgte ein kaltes Büffet, aber die sehr zahlreiche Gesellschaft schwirrte fast dauernt durcheinander. Hin und wieder wurde die sehr lebhafte Unterhaltung der einzelnen Gruppen durch musikalische Vorträge von oft zweifelhafter Güte unterbrochen, die aber jenen unwillkommen war, denen die Fortsetzung ihrer Diskussionen wertvoller schien als die Konzentration auf diese Vorträge. Wo bei solchen Gastereien ein snobistischer Anstrich vorherrschte, da wurden für solche Vorträge auch Berufskünstler gegen Honorar hinzugezogen, ohne dass man indes den Eindruck gewinnen sollte, dass es sich um bezahlte Künstler handle. Aber in wirklich musikalisch und künst- lerisch empfindenden Familien dominierte in den Gesellschaften die Pflege der Musik und wenn dort neben Berufskünstlern feingeschulte Dilettanten wirkten, konnten schon wertvolle Eindrücke zustandekommen. Eine so geartete Geselligkeitspflege kam meinen Idealen schon erheblich näher.
Die Hoffnung auf Erfüllung meines Wunsches in meinem eigenen Heime eine Gesellschaft gleich gesinnter Menschen und gleichgestimmter Seelen als Gastgeber einst bewirten zu können, verblasste mit meinem zunehmenden Alter immer mehr, denn abgesehen davon, dass meine materiellen Verhält- nisse mir kaum den Zugang zu solchen Lebensfreunden verhiessen, erwies sich auch die stets schwankende Gesundheit meiner Frau als ein wesentliches Hemmnis. Was mir also die Wirklichkeit niemals – wenigstens in der ersehnten Form – zu bescheren schien, das musste mir die Einbildungs- kraft im Spiele der Gedanken und der Phantasie einigermassen ersetzen. In der Kulturgeschichte der Völker blätternd, suchte ich im Zuge der Jahrhunderte die Gesellschaften auf, deren verfeinerte Geselligkeitskultur mich besonders anzog und bei Ihnen kehrte ich – wenigstens im Geiste – ein. Von der Phantasie beflügelt, suchte ich mir den Ablauf geselliger Zusammenkünfte berühmter und unberühmter Menschen lebhaft vorzustellen. So musste ein harmloses Gedankenspiel, zu dem meine Einbildungskraft Zuflucht nahm, einigen Ersatz für ein kaum realisierbares Ideal bieten. Den gesel- ligen Formen nachzuspüren, wie sie sich bei unseren ältesten Urahnen – vielleicht aus der Zeit des Diluviums oder der Pfahlbauten – ausgebildet hatten, reizte mich allerdings kaum. Soweit ging also mein kulturhistorischer Eifer nicht. Gern übersprang ich daher die vielen Jahrtausende, in denen sich jegliche Kultur nur mit Hilfe vorgeschichtlicher Funde und einem guten Teil Einbildungskraft rekonstruieren lässt. Eine durchaus vorstellbare Geselligkeit solcher primitiven Menschen war ja nun nicht gerade das, was mich angezogen hätte, aber in der Welt der Antike mal als stummer Teilnehmer den geistreichen Gesprächen auf den berühmten Symposien Platos zu lauschen, erschien mir schon reizvoller. Ob zwar die Unterhaltung sich in Wirklichkeit so abspielte, wie es in dem von mir stets mit grossen Entzücken gelesenen Gastmahl des grossen Dichterphilosophen dargestellt wird, ist mehr als fraglich und schliesslich auch nebensächlich. Kaum zweifelhaft ist es aber, dass ähnliche Gesprä- che in jenen Kreisen üblich waren. Sich diese Zusammenkünfte vorzustellen, ist der Phantasie ein grosser Spielraum gelassen. Wie künstlerische Phantasie aus dem unklar Überlieferten annähernde Wirklichkeit zu formen weiss, dafür hat in seinem berühmten in der Berliner Nationalgallerie hängenden Gemälde „Das Gastmahl Platos“ der Malerpoet Anselm Feuerbach eine [197] interessante
Lösung gefunden. Um nun erst einmal die prominenten Gesellschaften der Antike aufgesucht zu haben, lud ich mich auch als Gast bei römischen Gastmählern ein. Warum nicht einmal schnell bei dem berühmten Maezenas, als gerade vielleicht sein Schützling Horaz seine neuesten Oden vorlas, vorsprechen? Doch bei allem künstlerischen und geistigen Hochstand der Antike fehlte die Wirklich- keitsnähe der Menschen der Antike. Unserem modernen Empfinden stehen sie eigentlich zu fern.
Eher schon fühlt man den Herzschlag des modernen Menschen in der vielgepriesenen italienischer Renaissancezeit. Hier stand ja auch die Wiege des „Salons“. Hier entfaltete sich bereits die Gesellig- keitskultur zu hoher Blüte. Hier trat auch zum ersten Male die Frau in den Mittelpunkt des geselligen Lebens. Ein eigner Reiz muss es schon gewesen sein, in den grossen Gesellschaften, die in Caraggi oder in dem durch Goethe’s Tasso dichterisch verklärten Ferrara veranstaltet wurden, zu verkehren.
Zeitgenössische Schriftsteller wie Vasari und Aretino wissen genug von dem Glanz zu erzählen, den diese Feste ausstrahlten, von der geistigen Atmosphäre, die man dort atmete. Man denke allein an die Medici, an Cosimo und Lorenzo di Medici; letzterer ein glühender Bewunderer Platos wollte sogar in Florenz eine platonische Akademie gründen. Cosimo aber war der Begründer der berühmten Symposien in Careggi, während Lorenzo, ein Geniesser im edelsten Sinne des Wortes, ihnen ein weltmännisches Gepräge gab. Nicht übel erschien mir auch der Gedanke, mich einmal als Gast an dem viel gerühmten Musenhof der hinsichtlich ihrer Moralität höchst umstrittenen Lucrezia Borgia hineinzuträumen, jener Frau, die in der Überlieferung der einen Zeitgenossen als von Dichtern besungene, schönste, tugendhafteste und klügste Frau der Renaissance galt, in der Überlieferung der anderen als die gemeinste Hetäre, ja, als die Messaline Italiens erscheint. Wenn dann aber das berühmte Bild Tizians der „prima donna del mondo“ der Isabella d’Este mit dem anmutsvollen und geistreichen Ausdruck in meiner Erinnerung auftauchte, dann lockte mich noch mehr dieser berühmte Salon. Dort hätte ich dann die prominenten Geister der Zeit getroffen, die diese Frau dank ihrer hohen geistigen und musikalischen Fähigkeiten an sich zu fesseln wusste. Kaum wird mit grösserer Be- geisterung über eine heutige Sängerin – eine Prima donna der Gegenwart – gesprochen werden als Zeitgenossen diese offenbar allseitig verehrte Markgräfin von Mantua Isabella d’Este in preisender Lobrede feierten:
„Wenn sie singt – so heisst es in Trissinos Retratti – und besonders wenn sie zur Laute singt, dann glaube ich, dass Orpheus und Amphion, welche durch ihrer Gesang die unbelebten Dinge angelockt haben, erstaunt gewesen wären über dieses Wunder.
Und ich zweifle nicht, dass keiner von ihnen es ähnlich verstanden hätte, die Harmo- nien so genau zu beobachten, dass nirgend der Rhythmus gestört würde, sondern dass der Gesang mit seinen Hebungen und Senkungen im Einklange und gleichzeitig die Lautenbegleitung dem Gesang angepasst war und die rhythmischen Bewegungen mit dem Gesang und den Griffen der beider Hände genau übereingestimmt haben.
Wenn ihr sie also ein einziges Mal singen gehört hättet, so wäre es euch gewiss ebenso ergangen wie jenen, welche die Sirenen singen hörten. Vaterland und eignes Heim wären eurem Sinn entschwunden. Und wenn auch eure Ohren mit Wachs verschlossen gewesen wären, so wäre doch dieser Gesang in sie gedrungen. – –“
[198] Ihr brachten aber auch die Dichter die neusten Manuskripte zur Beurteilung. Ihr Salon wurde das erstrebenswerte Vorbild der kleineren Salons der vielen italienischen Fürstenhöfe. Selbst die venezianischen Kurtisanensalons, denen weniger witzige Causerie oder Kultus der Musen sondern mehr erotische Abenteuer das besondere Gepräge gaben, ahmten dennoch ihr Beispiel nach.
Aber selbst da, wo man in Geist, Literatur und im Musendienst schwelgte, muss man auch gut bewirtet worden sein, denn je nach ihrer Einstellung schildern die Chronisten ihre Eindrücke in ganz verschiedener Weise. Einer von ihnen – Autensio Laudo – sicherlich ein Feinschmecker, der auch am Musenhof zu Ferrara verkehrte, hält sich mehr an die realen Genüsse und weiss nur von ihnen zu erzählen, wenn er schreibt: „Was soll ich hier von dieser prächtigen Stadt Ferrara sagen als, dass sie hinsichtlich der Würste, Süssigkeiten, Kräuter, Früchte und Gemüse der erste Platz der Welt ist und dass man hier allein den herrlichen Wein von Albervelli in seiner ganzen Vorzüglichkeit trinken und die schönsten Fische essen kann.“ In der Stadt Ferrara, wo es von Dichtern und Künstlern wimmelte, lebte man also nicht nur von geistigen Dingen und musikalischer Unterhaltung, sondern verstand auch diese durch ausgewählte Speisen und Getränke angenehm zu würzen. So spiegelt sich die ganze hohe Renaissancekultur in den grossen und kleinen Salons der italienischen Fürstenresidenzen wieder.
Als ich in Paris einige Monate in der Rue St. Honoré gegenüber der Eglise St. Roch wohnte und fast täglich diese Strasse, auf der zur Revolutionszeit ständig der Karren mit den der Guillotine verfallenen Opfern vorbeirollte, sozusagen historisch erschauernd, durchschritt, kam ich häufig an dem Hause vorbei, wo einst vierzig Jahre lang Madame Geoffrin ihren berühmten Salon hielt, der in dem Bilde „Eine Soirée bei Madame Geoffrin 1755“ (bekannter Stich von P. L. Debucourt) der Nachwelt einen Begriff von dem Gesellschaftsleben jener Zeit gibt. Die berühmtesten Köpfe jener Periode, Philosophen, Literaten und Politiker sind auf diesem Bilde zu entdecken. Hier erst in Paris erlebte der Salon seine grösste Blüte. Auch hier sind es wieder die klugen ehrgeizigen Frauen der reichen Kreise, die sich in der Pflege einer verfeinerten Geselligkeitskultur zu überbieter suchten. Die Marquise de Rambouillet, die sich von dem ihr nicht mehr zusagenden Hofleben zurückgezogen hatte, kommt wohl das Verdienst zu, die grosse Epoche der grossen Pariser Salons eingeleitet zu haben. Mit ihren Töchtern eröffnete sie jenen Salon, in dessen Unterhaltungen dem Gebrauch und der Gewöhnung anstössiger Dingen und Worte eine Schranke gesetzt war. Ja, aus dem Hotel von Rambouillet sollen die Gäste wie einst vom Gastmahl Platos gesättigt und mit gestärkter Seele hinweggegangen sein. Bei den Brüdern Concourt, die mit Fleiss und Ausdauer aus Archiven jenes Jahrhunderts geschöpft haben, kann man nachlesen, wie jede Gesellschaft, jeder Salon in Paris seine eigene Nuance hatte. Im Salon um das Jahr 1730 herum war noch der intime Charakter der Versamm- lung gewahrt. Man traf sich mehr en famille. Dreissig Jahre später erweiterte sich schon der Kreis der Gesellschaft beträchtlich. Die Vergnügungen wurden rauschender und gipfelten in prunkvollen Bällen. Der Geist fand Vergnügung, ja, man war geradezu erfinderisch in der Form, die Vergnügun- gen des Geistes mit denen der Freuden des Tanzes und der Tafel sinnig zu vereinigen. So hatten die köstlichen Soupers bei Präsident Henault, die von dem berühmten Lagrange gekocht wurden, in der Pariser Ge-[199]sellschaft nicht geringe Anziehungskraft und waren oft Gegenstand der Unterhal-
tung. So fand im Hotel Rambouillet und in anderen Pariser Salons gallischer Esprit und gallische Lebensfreude ein weites Feld der Betätigung. In fast ausschliesslichem Masse blieben die Salons das Reich der Frauen. Hier bot sich ihnen Gelegenheit, ihre Fähigkeiten und Talente zu entfalten. Durch Heranziehung berühmter Gäste gaben sie sich selbst ein höheres Relief. An Eleganz, an opulenten Soupers, an rauschenden Festen suchten sie sich gegenseitig zu übertreffen. Die Literatur und Philosophie nahmen die mehr geistig eingestellten Frauen in ihre Obhut. In jenem berühmten Salon der Marquise de Rambouillet lasen die Autoren ihre neusten dramatischen Erzeugnisse vor. Ihnen kam es sehr wesentlich auf das Urteil der schöngeistigen Damen an, die sie stets in den Salons versammelt fanden. Bei Madame Geoffrin wurden sogar von der Censur verbotene Theaterstücke aufgeführt. Den Gästen ihrer Diners bot Madame de Brionne die Zerstreuung einer Vorlesung. Bei ihr gab Marmontel zum ersten Mal jene moralischen Erzählungen bekannt, die so viel schöne Augen mit Tränen erfüllten. Im 18ten Jahrhundert gab es noch keine Öffentlichkeit in unserem heutigen Sinne.
Deshalb nahmen Dichter und Künstler, denen heute die Presse den Weg ebnet oder ihnen wenigstens ebnen sollte, Zuflucht zu den Salons, die sich ihnen öffneten und wo sie tatsächlich auch Förderung fanden. In Salon des Prinzen von Conti setzte der junge Mozart die dort versammelte hoch aristokrati- sche Gesellschaft in Erstaunen und liess sie in Entzücken geraten, wie es auch das Bild von Michel Barthélemy der Nachwelt in anschaulicher Form verkündet. Als honnête homme mit den erforderli- chen gesellschaftlichen Verbindungen fand man leicht Eingang in die vielen Salons des Adels und wohlhabenden Bürgertums und bei einer Rundreise durch die Pariser Salons des 18ten und 19ten Jahrhunderts hätte man bald herausgefunden, dass diese auf alle Geschmacksrichtungen abgestimmt waren. Wem es auf den eisigen Höhen einer Unterhaltung, wo nur philosophische Probleme gewälzt wurden, nicht ganz geheuer war, wen es mehr nach tändelnder Unterhaltung, nach politischen und gesellschaftlichen Klatsch, nach Anknüpfung zarter Bande oder nach kulinarischen Genüssen gelüstete, der wäre nie in Verlegenheit gekommen. In der Pariser Gesellschaft war es allgemein bekannt, wo man gerade den Salon fand, der der besonderen Geschmacksrichtung des Suchenden entgegenkam. Auch ich hätte gerne einmal den Zauber auf mich wirken lassen, dem die Gäste der berühmten Salons von Französinnen wie einer Marquise de Rambouillet, einer Madame de Sévigny, Comtesse de Sassenage, Comtessc de Brionne, der Marquise de Sablé, der Ninon de Lenclos, der Herzoginnen de Maine, de Grammont, de Villeroi, der Malerin Vigée de Lebrun unbedingt verfielen, aber wer einmal das Brillantfeuerwerk gallischen Esprits als Deutscher ausgekostet hat, der würde sich auf die Dauer in Pariser Salons nicht heimisch fühlen. Da erscheinen die bekannt gewordenen Wiener und Berliner Salons als Ideal doch erstrebenswerter, denn auch in Wien wie in Berlin gab es in der Gestaltung der gesellschaftlichen Kultur eine Tradition. Wohl hatte man sich äusserlich in das Pariser Vorbild gehalten, denn an den deutschen Höfen des 18ten Jahrhunderts war ja vielleicht mit Ausnahme des Weimarer Hofes überall der französische Lebensstil zu finden. Aber in den vornehmen und geistig bedeutenden deutschen Familien, die sich den Luxus eines Salons gestatten konnten, kamen auch [das] deutsche Gemüt zur Geltung und der tiefer schürfende deutsche Geist gab der Geselligkeit in einzelnen [200] Fällen ein von den Pariser Salons sich scharf unterscheidendes Gepräge. In den Wiener Salons fand die Musik ihre besondere Pflege. In der Landstrasse 261 bewohnte der grosse Magnetopath Mesmer, der väterliche Freund Mozarts, ein schönes prächtiges
Haus, das sogar in einem Versailles nachgebildeten Garten ein richtiges Naturtheater barg. In diesem parkartigen Garten fand im September 1768 die Premiere von Mozarts Jugendoper „Bastien und Bastienne“ statt. Wahrscheinlich hat der kleine Mozart diese erste deutsche Operette, die er in Aufträge Mesmers geschrieben hatte, selbst dirigiert. Nach Mozarts Erzählungen stand Mesmers reiche Tafel täglich seinen Freunden und Bekannten offen. Hier wurden auch die neuesten Quartette, Arien und Sonaten eines Haydn, Mozart und Gluck, die alle intime Freunde Mesmers waren, aus der Taufe gehoben. Hier hörte man die neuesten Werke der italienischen Komponisten Puccini und Righini. Wer aber beim Hofrat Raphael Georg Kiesenwetter von Weissenbrunn, einem bedeutenden Musikgelehrten und guten Sänger, verkehrte, konnte dort nur die Musik von Palestrina, Allegri, Scarlatti, Bach und anderen alten Meistern hören. Hier waren die damals modernen Meister – und wären es auch die besten unter ihnen gewesen – verpönt, aber diesen standen wieder andere Salons, wie beispielsweise der des Ritters von Spaun, einem feinsinnigen Liebhaber der Tonkunst, offen. In seinem Salon wurde sozusagen Franz Schubert entdeckt. Hier war der ständige Treffpunkt der Schubertgemeinde, die sich vielleicht hier eigentlich erst konstituierte. Schuberts Intimus, Max von Schwind, hat einen solchen Schubertabend, an dem Vogl, der einstige Tenor an der Wiener Oper, Schubertsche Lieder sang, in einem bekannten Bilde für die Nachwelt festgehalten. Die Wiener Gesellschaften, in denen Schubert und sein engerer Freundeskreis im Mittelpunkt des Interesses standen, hiessen damals Schubertiaden. In einer Tagebuchnotiz belichtet kurz Franz von Hartmann den Verlauf einer solchen Schubertiade. Liest man sie, so ist man sofort mitten in der Atmosphäre des damaligen Wiener Gesellschaftslebens:
„15. Dezember 1826: Ich gehe zu Spaun, wo eine grosse Schubertiade ist. Beim Eintritt werde ich von Fritz unnachsichtig und von Haas sehr naseweis empfangen.
Die Gesellschaft ist ungeheur. Das Arnethische, Witteczekische, Kurzrockische, Pompische Ehepaar, die Mutter der Frau des Hof- und Staatskanzleikonzipisten Witteczek, die Doktorin Watteroth, Betty Wanderer, der Maler Kupelwieser und seine Frau, Grillparzer, Schober, Schwind, Mayrhofer und sein Hausherr Huber, der lange Huber, Derffel, Bauernfeld, Gaby (der herrlich mit Schubert à 4 mains spielte), Vogl, der fast 30 herrliche Lieder sang, Baron Schlechte und andere Hofkonzipisten und -sekretäre waren da. Fast zu Tränen rührte mich, da ich heute in einer besonders aufgeregten Stimmung war, das Trio des 5. Marsches, das mich immer an meine liebe gute Mutter erinnert. Nachdem das Musizieren aus ist, wird herrlich schnabe- liert und dann getanzt. Doch bin ich gar nicht zum Courmachen aufgelegt. Ich tanze zweimal mit der Betty und einmal mit jeder der Frauen von Witteczek, Kurzrock und Pompe. Um 12 1/2 begleiten wir, nach herzlichem Abschied von den Späunen und Enderes, Betty nach Hause, und gehen zum Anker, wo noch Schober, Schubert, Schwind, Derffel, Bauernfeld, beisammen waren. Um 1 Uhr aber besuchen wir mit dem sehr lebenslustigen und musizierfreudigen Schubert und seinem Freundeskreis noch andere Bürgerhäuser des damaligen Wien, wo man sich vornehmlich von der Musik gefangen nehmen liess. Hier dürfen wir das Haus der Geschwister Fröhlich und des Hofbeamten und Schöngeistes Ignaz [201] Sonnleithner nicht übergehen.
Überall wechselten gesellige Unterhaltung und Spiel mit Tanz, aber auch mit dem Vortrage von Dichtungen und musikalischen Vorträgen ab. Bei Fröhlichs war auch Grillparzer ständiger Gast. Ja, wenn Grillparzer sich vereinsamt fühlte und sein Stimmungsbarometer auf „trübe“ stand, suchte er nur zu gern die heitere Geselligkeit im Hause des Kaiserlichen Rathes Fröhlich auf, dessen liebliche Tochter Kathi sein Herz erobert hatte. Dort traf er aber auch mit Beethoven, Schubert, Karl Maria von Weber und anderen bedeutenden Musikern zusammen. Der bebrillte Franz Schubert, der stets am Flügel sass und seine eben gerade entstandenen Lieder aus den Manu- skripten begleitete, verschmähte es auch nicht, zum Tanze aufzuspielen.[“]
In Wien gab es genug Familien, die ihr Haus den Musik- und Kunstliebenden öffneten. Gerade durch Schubert haben solche Familien musikgeschichtliche Bedeutung gewonnen. Wer wüsste sonst etwas von einem Cajetan Siannatasio del Rio, dem Inhaber einer Knabenerziehungsanstalt . In dessen Familie waren die Töchter Fanny und Anna die musikalischen Hausgeister. Auch hier wurden viele Schubertlieder gesungen und sogar Schuberts einzige Oper mit Klavierbegleitung „der häusliche Krieg“, ehe sie auf den Brettern, die die Welt bedeuten, erschien, aufgeführt. Aber wie in anderen grossen Städten gab es auch in Wien Salons, in denen die musische Einstellung nicht vorherrschend war, ja, in denen die Unterhaltungen und Gespräche kein besonders hohes Niveau erreichten. In solche Salons muss Madame de Stael geraten sein, denn bei ihrem Besuche von Wien war sie ganz entsetzt über die geisttötende Öde und Langeweile in den österreichischen Salons. „So ist unmöglich“
so sagt sie, „in diesen zahlreichen Gesellschaften etwas zu hören, was über den Kreis der her- gebrachten Sprache hinausreicht. Eine solche Unterhaltung gestattet nicht die Entwicklung einer Idee und verwandelt die Sprache in ein Gezwitscher, das man ebenso den Menschen wie den Vögeln beibringen kann“.
Ähnliche bittere Erfahrungen beim Besuch von Gesellschaften hat sicherlich auch Göthe in seinem langen Leben gemacht. Sie dürften ihn wohl zu den vielsagenden Epigramm veranlasst haben.
„Aus einer grossen Gesellschaft heraus Ging einst ein stiller Gelehrter nach Haus.
Man fragte: ‚Wie seid Ihr zufrieden gewesen?‘
‚Wärens Bücher‘, sagte er, ‚ich würde sie nicht lesen‘.[“]
Es war in der Zeit der Aufklärung, im letzten Viertel des 18ten Jahrhunderts in Wien, zur Zeit Josephs des Zweiten, als der Salon der Familie von Greiner der Wiener Geselligkeit einen besonderen Glanz verlieh. Dieser Salon repräsentierte insofern einen geselligen Mittelpunkt der Aufklärung, als hier sich alles traf, was damals in Wien Rang, Name, Geist und Laune zu geistiger Unterhaltung hatte. Auch Mozart verkehrte in diesem Kreise des öfteren. Wäre Madame de Stael schon damals in Wien erschienen, als der Greinersche Salon glänzte, dann wäre sicherlich ihr so absprechendes Urteil über die Wiener Salons in der von ihr zu sehr verallgemeinerten Form nicht gefällt worden. Die hohe
gesellige Kultur, die im Hause ihrer Eltern die bekannte Wiener Schriftstellerin Caroline Pichler, Frau des Regierungsrates Andreas Pichler, geb. von Greiner, erlebte, konnte sie in ihrem späteren Leben nicht entbehren. Der Eltern Neigungen, ja deren feine Geistigkeit war als Erbgut auf die begabte Tochter übergegangen. Ihr Wiener Be-[202]suchszimmer wurde in der Romantiker- und Biedermeierzeit der berühmte Treffpunkt von Männern des Romantikerkreises, wie z. B. u. A. Gentz, Friedrich von Schlegel, Adam Müller, Zacharias Werner, Clemens Maria Hofbauer, die ja meist zugewandert waren. Nach Herkunft, Gesinnung und Kultur eine Patrizierin verleugnete Caroline Pichler nicht die charakteristischen Eigenschaften einer Urwienerin. Nicht nur durch ihren bewegli- chen Geist, sondern auch durch ihre Herzensgüte wie ihren angeborener Charme zog sie ihre Gäste an, und hielt ihr Salon auch keinen Vergleich mit den berühmten Berliner Zirkeln aus, so war er diesen wohl an Wärme und Intimität überlegen.
Die alt gewordene Caroline Pichler erlebte auch noch den Niedergang des Wiener Salons. In ihren hinterlassenen Aufzeichnungen hat sie ihren darauf hinzielenden Beobachtungen Ausdruck verliehen, die eine gewisse Melancholie atmen und geradezu wie ein Epitaph auf die einstige Blüte der Wiener Salons wirken.
Sie hatte nämlich die Beobachtung gemacht, dass ganz entgegen den früheren Gewohnheiten der Geselligkeit in Wien jetzt die Männer und besonders die höher gebildeten alle gemischten Gesell- schaften flohen. „Es ist“ – wie sie sagt – „als litten sie alle an der Salonscheue wie an einer geistigen Wasserscheue. Auch suchen sie die Einwirkung der Salons auf die Geister als etwas Verfluchendes und Erschlaffendes darzustellen und wohl mag das, was man jetzt Salonleben nennt, solche Wirkung hervorbringen. – Ich besuche die Salons seit Jahren nicht mehr; früher aber wirkten die Gesell- schaften, die Soiréen hier und auch in Paris nicht so, nicht erschlaffend, nicht abspannend. Gebildete Frauen, geistreiche und gelehrte Männer, vielgereiste Fremde, Künstler usw. versammelten sich in denselben. In lebhaften Gesprächen über interessante Gegenstände berührten sich die Geister, Witzfunken sprühten, energische oder eigentümliche Ansichten wurden geäussert, fanden Teilnahme oder Widerspruch. Es war ein lebendiges Aufeinanderwirken der Geister, das oft Gedanken entwi- ckelte oder Gesichtspunkte aufstellte, weiche neu und merkwürdig erschienen. Gedichte wurden gelesen, die neuesten Erscheinungen in der Literatur besprochen, Kunstwerke vorgezeigt, zuweilen Musik gemacht. So waren die Abendunterhaltungen in den zwanziger und dreissiger Jahren in Wien und so mussten sie nach dem, was wir unter anderem durch Madame de Stael wie durch ihre Zeitge- nossen wissen, nur vielleicht in grösserem Stile in Paris gewesen sein …“
Eine geistige Geselligkeit hohen Ranges konnte man übrigens auch in den Berliner Salons geistvoller Frauen bei Dorothea Veit, Henriette Herz, bei der Rahel Levin, der späteren Frau von Varnhagen, finden. Hier trafen sich Prinzen, Edelleute, Diplomaten, Künstler, Dichter mit Schauspie- lern und Schauspielerinnen, denen sonst der Eingang in vornehme Bürgerhäuser oder aristokratische Familien infolge gesellschaftlicher Vorurteile jener Zeit versagt blieb. Hier umfing die sich zwanglos gebenden Gäste der Zauber geistvoller Unterhaltung. War auch hier nicht wie in Wien die Musik die
Dominante in der Unterhaltung, so wurde sie doch nicht vernachlässigt. Jene Frauen hatten das ernste Streben, die Bildung und Kunst der bedeutenden Männer ihrer Zeit, die sie auch stets bei sich sahen, sich zu eigen zu machen. Mit ihnen verband sie der Wunsch, tiefste philosophische und ästhetische Fragen zu besprechen. An ihren Arbeiten nahmen sie beratenden und tätigen Anteil. Schliesslich betätigten sie sich auch selbst als Schrift-[203]stellerinnen. In diesen berühmten Berliner Salons fanden Göthe und die Romantiker schneller Eingang als in manchen deutschen Familien, die Träger stolzer Namen waren. Der Unterhaltungston jener empfindsamen Zeit, die Gesprächsthemen selbst, die Gefühlsseligkeit und die Überschwenglichkeit, ja, das Schwelgen in erhabenen Gefühlen, alles dies würde heute kaum noch nach unserem Geschmack sein. Vielleicht würden wir heute manches belächeln, was damals mit dem Ernste innerster Überzeugung ausgesprochen und empfunden wurde.
Und doch ging es in diesen Salons manchmal nicht ganz gefühlvoll zu. Nicht immer schwelgte man in erhabenen Empfindungen. Dann und wann mag auch mal ein Zötchen erzählt worden sein. Aber dass solche Entgleisungen nicht einrissen, dafür sorgten die Damen des Hauses, ja, selbst ein Hohen- zollernprinz, der genialische Ludwig Ferdinand von Preussen, ein ständiger Gast bei Henriette Herz, musste, als der sonst so ritterliche und so musikalische Fürst sich einmal gehen liess und sich auch eine Zote leistete, von Henriette Herz massregeln lassen, die, wie sie sagte, solches in ihrem Kreise nicht dulden könne. Gerade Henriette Herz ging ganz in der Geselligkeit auf. Auf ihren weiten Reisen hatte sie genug Vorbilder für ihren Salon gefunden. In ihrem Tagebuch machte besonders der Salon der gelehrten, aber alten und hässlichen Signora Dionigi in Rom auf sie grossen Eindruck. „Das ist etwas“ – so schreibt sie – „was wir in Berlin und überhaupt in Deutschland nicht kennen. Mit Essen und Wein können wir es allenfalls erzwingen, mit Verstand und einer Öllampe wie hier gewiss nicht!“ – Das verrät zur Genüge, dass man bei Henriette Herz und sicherlich auch in den anderen Berliner Salons gut gegessen haben wird und versteht dann vielleicht die Anziehungskraft, die diese Salons ausgeübt haben, noch besser, denn ein gutes Mahl verschmähen auch selbst die geistig eingestellten und idealgesinnten Deutschen nicht. In dieser Beziehung muss auch Göthes Mutter keine allzu günstigen Erfahrungen gemacht haben, wenn sie einmal in ihrer ursprünglichen Art und etwas im Zorne schreibt: „Den meisten meiner Landsleute ist der Bauch ihr Gott …… und ihre Bacchanalien sehen der Langeweile so ähnlich wie ein Tropfen Wasser dem anderen“.
Erst in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts stirbt allmählich der traditionelle Salon in Berlin und im übrigen Deutschland aus. Lebensstil und Lebensformen ändern sich. Die Vereinsgesel- ligkeit, das Klubleben, die Zusammenkünfte in behaglich eingerichteten Gasthäusern und die Öffentlichkeit gewinnt immer mehr an Boden. Die Männer pflegen sich an Stammtischen zur Tafelrunde und Diskussion zu versammeln, die Damen finden sich in Kaffee- und Teegesellschaften zusammen und aus dem gesellschaftlichen Leben verschwindet allmählich der eigentlich literarische Salon als massgebender Faktor. Doch überall da, wo bei hervorragenden Persönlichkeiten – seien es Männer oder Frauen – das Bedürfnis nach einer durch Kunst und anregendes Gespräch veredelten Geselligkeit überhaupt nach schöngeistiger Unterhaltung vorhanden ist, wo ein betontes Verlangen nach der Pflege guter Haus- und Kammermusik besteht, fanden sich immer wieder Kreise, aus denen Salons herauswuchsen, die denen der guten alten Zeit nicht nachstanden. Nicht immer ist dafür
Wohlstand unbedingte Voraussetzung. In einem grossen, aber niedrigen Mansardenzimmer war es, wo der Berliner Kunstgelehrte Franz Kogler in einem von seiner Frau Klara geleiteten Salon einen ganzen Schwarm aufstrebender junger Leute um sich vereinigte. Dort traf man in ihren Sturm- und Drangjahren [204] Männer wie Jacob Burkhardt, den Dichter Geibel und den Maler Adolf Menzel wie andere Gelehrte und Künstler. Auch in späterer Zeit haben noch verschiedene Berliner Salons eine gewisse Berühmtheit erlangt. Der Salon der Museumsdirektors von Olfers, wo Hermann Grimm seine Essays vorlas und wo der junge stürmische von Wildenbruch für die ersten Früchte seine Muse warb und verständnisvolle Zuhörer fand.
Im Jahre 1891 gedenkt Ernst von Wildenbruch in seinem Nachruf auf Hedwig von Olfers, die 91 Jahre alt wurde, in dankbarer Erinnerung an eigne gesellige Freuden in ihrem Hause des Lebens in den von ganz Berlin gekannten gelben Olferschen Saales: „… Jeden Mittwoch war offener Abend – so sagt Wildenbruch – und dann versammelte sich in den freundlichen Räumen der gesamte Glanz von Berlin, Häupter der Wissenschaft, Spitzen der Kunst, Würdenträger, Männer und Frauen aller Kreise. …“
Von dem Kasseler Dichter und Schriftsteller Altmüller wurde die ebenfalls aus Kassel stammen- de Sophie Junghans in das Haus des in Kassel geborenen und in Berlin wirkenden Professors Hermann Grimm eingeführt. In den höchsten Tönen ehrlicher Begeisterung spricht Sophie Junghans von der ihr unvergesslich gebliebenen Gattin Hermann Grimms, der Frau Gisela, einer Tochter der berühmten Freundin Göthes, der Bettina von Arnim. In Grimms Teegesellschaften war Sophie Junghans mit interessanten Persönlichkeiten zusammengetroffen, unter anderem mit dem grossen Historiker Theodor Mommsen, über die sie ausführlich berichtet. Auch dem jungen Emerson, dem Sohne des geistreichen amerikanischen Essayisten, der durch den amerikanischen Gesandten Georg Bancroft bei Hermann Grimm eingeführt wurde, begegnete sie dort. Aber noch manch andere Berliner Salons verdienen Erwähnung wie derjenige der Frau von Helmholtz, des Ägyptologen Lepsius, wo die bescheidene Bewirtung sprichwörtlich war.
In seinen prachtvoll geschriebenen Lebenserinnerungen „Ich schwöre mir ewige Jugend“ erzählt der Hofprediger Johannes Kessler, wie man durch reinen Zufall in einen schöngeistigen Berliner Salon von hohem Rang, der von einem Manne kränklichen Aussehens mit etwas verwachsenem Rücken und ohne hochtönenden Namen unterhalten wurde, geraten konnte. Eine Zeit lang war der spätere Hofprediger im kaiserlichen Hause Prinzenerzieher und wohnte im Winter mit den Prinzen im Berliner Stadtschloss. Um einige ihn besonders interessierende Bücher zu erhalten, suchte Kessler den Bibliothekar der kaiserlichen Hausbibliothek Walter Robert Tornow auf. Wie gern er auch die Einladung dieses kleinen unansehnlichen verwachsenen Männleins, zu dessen Donnerstagabenden zu kommen, annahm, so versprach er sich kaum einen gesellschaftlichen Gewinn davon. Welche Überraschung er aber dann doch erleben sollte, das lassen wir ihn nun selbst erzählen, zumal diese anschauliche Schilderung des Selbsterlebten in wirksamster Weise meinen kleinen Streifzug durch berühmte Berliner Salons ergänzt.
„In der damaligen „Berliner Gesellschaft“ die zu einem erheblichen Teil von Zugezogenen der verschiedenen Berufe erweitert worden war, gab es Kreise, die eine ganz besonders wertvolle Geselligkeit pflegten, in der nicht das Materielle, sondern das Geistige vielfach das Schöngeistige überwog. Männer wie Helmholtz, unter den Gelehrten; Anton von Werner unter den Künstlern; die Brüder Gossler unter den Ministern u. a. waren ihre Vertreter, ihre Häuser waren geistige Zentren, ihre Abende ästhetische Erfrischungen im Getriebe [205] der Grossstadt. Einer ihrer geistreichsten Vertreter war Robert Tornow (Verwalter der Kaiserlichen Hausbibliothek). Schon seine Wohnung war eine Überraschung. Diese hochgewölbten Zimmer, deren Fenster hinausblickten auf die Spree und auf das Denkmal des Grossen Kurfürsten, waren das denkbar Geschmackvollste. Die alten Möbel die Bilder, die Bücherregale, die Kunstsammlungen, alles stand in voller Harmonie, und über allem war eine wohltuende Behaglichkeit ausgebreitet. Aber eine noch grössere Überraschung war der Freundeskreis der sich hier zusammenfand. Ich traute meinen Augen nicht, als ich diese verschiede- nen Männer und Frauen sah, die sich hier zusammenfanden und zum Teil auch noch nach anderen Festlichkeiten in spätester Abendstunde eintrafen: Vertreter der Wissenschaft, der Kunst, des Heeres, der Diplomatie, der Hofgesellschaft. Wenn ich Namen nenne wie Mommsen, Helmholtz, Hermann Grimm, Siemens, Ernst Curtius, Marie Olfers, Graf Pourtalès, Graf Harrach, so sind das nur verein- zelte unter den vielen, die man hier traf.
Die grösste Überraschung war er selbst! Walter Robert Tornow, der Magnet dieses Kreises. Man empfand es ja zunächst als einen schmerzlichen Kontrast: dieses grosse geschmackvolle kunsterfüllte Wohnung und ihr Mittelpunkt, der kleine verwachsene unschöne Bibliothekar. Aber sehr bald löste sich dieser Widerspruch. Nachdem man sich in den verschiednen Gruppen unterhalten und musiziert hatte, wurde der Gastgeber gebeten, etwas von seinen Arbeiten mitzuteilen. Er zeichnete in genialen Strichen die Gestalt Michel Angelo’s als Dichter und las dann einige seiner Sonette, die er in meisterhafter Weise übersetzt hatte. Jetzt hatte ich den Eindruck einer besonderen Persönlichkeit, eines Mannes von reichen Geistesgaben, von scharfen Urteilsvermögen, von dichterischem Schwung und von einer grossen Herzensgüte. …“
Die bekannte Schriftstellerin Maria von Bunsen gedenkt in ihren alten Tagen wehmütig der vielen Häuser des einstigen kaiserlichen Berlins, wo sie ständig als Gast geweilt und in ihrem Geist lässt sie die vielen kunstliebenden und literarisch interessierten Persönlichkeiten, mit denen sie in Berliner Salons zusammentraf, an sich wieder vorüberziehen. Viele Jahrzehnte lang hat Maria von Bunsen, selbst eine geistvolle Dame, die Geselligkeit in jener Berliner Gesellschaft, wo sich Geburt- sadel mit dem Geistesadel und der Künstlerschaft gern zusammenfand, genossen, und sie darf als kompetente Kennerin der hierfür in Betracht kommenden Kreise gelten. In ihren Erinnerungen gedenkt sie natürlich auch des einst sehr berühmten Salons der Gräfin Schleinitz, der Gattin des Hausministers, der späteren Gräfin Wolkenstein. Als Richard Wagner noch um Anerkennung für seine genialen Werke rang, fand er in der Reichshauptstadt in der Gräfin Schleinitz eine überzeugte Anhängerin und Vorkämpferin, die in ihrem Salon, der auch durch ein Gemälde von Menzels Künstlerhand verewigt ist, mit grösstem Erfolg für Wagner’s Sache warb. So stand das Hausministe-
rium geradezu im Brennpunkt der damals noch so notwendigen Propaganda für Wagner’s Lebens- werk und Maria von Bunsen äussert sogar die Ansicht, dass hauptsächlich der interessanten Gräfin Schleinitz zu liebe der alte Kaiser Wilhelm I. zu den ersten Bayreuther Festspielen reiste. Die Tradition der Berliner literarischen Salons hat sich bis in die neuste Zeit erhalten. Auf anregende Geselligkeit wie geistvolle Gespräche durfte man immer an bestimmten Tagen in den Gesellschaften der klugen und verständnisvollen Frau Cornelia Hoetzsch, der Gattin des einst sehr bekannten Politikers und Historikers, [206] der Familie von Raumer und – im Grunewald bei Frau Andreae wie bei Herrn und Frau von Nostitz-Wellwitz rechnen. Ja, selbst in unserem Jahrhundert gab es noch beim Grafen und der Gräfin Oriola einen Kreis der sich regelmässig in diesem gräflichen Hause versammelte, um Klassiker und moderne Dramen mit verteilten Rollen zu lesen. Die Reihe der Berliner Salons könnte man ad infinitum bis in die neuste Zeit fortsetzen, denn in allen Kreisen der gebildeten Gesellschaft wird man immer eine gewisse Sehnsucht nach einer vornehmen Geselligkeits- kultur finden. In den Salons spiegelt sich stets die Kultur der Zeit die Bildungs- und Interessensphä- ren der sich in ihnen versammelnden Kreise wider. Wie in dem einstigen preussischen Hausministeri- um, in dem Salon der Gräfin Schleinitz, diese bei ihrer grossen Leidenschaft für die Wagner’sche Musik die ganze Geselligkeit auf den Wagnerkult abgestimmt hatte, Wagner aber wohl selbst kaum sichtbar wurde, schuf sich dieser selbst da, wo er wie seinerzeit in Paris unter den kümmerlichsten Verhältnissen leben musste, schnell einen Salon, in dem er natürlich der Mittelpunkt war.
Nicht zu weit von den Champs d’Elysées hatte Richard Wagner sich in der Rue Newton ein kleines Haus mit einem Gärtchen gemietet und bescheiden eingerichtet. Direct neben seinem reizend und behaglich möblierten Arbeitskabinet stiess das Musikzimmer, das, wenngleich e[s] klein war durch ihn und seinen Kreis künstlerische Bedeutung gewann.
Interessante Köpfe des geistigen und künstlerischen Paris, wie u. a. auch der Dichter Baudelaire, in dem rasch improvisierten Pariser Salon Richard Wagner’s zu finden, durfte man sicher sein. Auch die damals in Paris lebende Malvida von Meysenbug kam hier zum ersten Male mit Wagner in Berührung und aus diesem ersten Zusammentreffen erwuchs lebenslange Freundschaft.
Selbstverständlich war Wagner auch der Mittelpunkt in dem durch ihn ganz besonders berühmt gewordenen Züricher Salon der von ihm angebetenen Mathilde Wesendonck. Bei Mathilde Wesen- donck schien die Renaissance wieder aufzuleben, denn begeisterte Teilnehmer glaubten sich in ihrem Kreise in ein zweites Ferrara versetzt.
In Wagner’s Villa Wahnfried in Bayreuth hielt seine Gattin Cosima in dem stimmungsvollen Bibliothekzimmer intime Zirkel ab, die auch nach Wagner’s Tode beibehalten wurden, sicherlich aus Tradition, bis zur Gegenwart.
In der in den dreissiger Jahren des 19ten Jahrhunderts viel gelesenen und von August Lewald herausgegebenen Zeitschrift „Europa“ erschien unter dem Titel „Pariser Amüsements“ ein Artikel,
der einen gewissen V. Freudenfeuer zum Verfasser hatte. Niemand ahnte, dass sich hinter diesem Pseudonym der damals zum ersten Male in Paris weilende und daselbst in bitterer Not lebende Richard Wagner verbarg. Wie [es ?] wirklicher Galgenhumor war, der ihm diesen ausgefallenen Pseudonym eingegeben hatte, so hatte er auch weniger aus Eitelkeit als aus purer Geldnot, wie er es dem befreundeten Herausgeber eingestand, den betreffenden Artikel eingesandt, dessen Auszug aber hier umsomehr Interesse erwecken dürfte, als er in die musikalische Atmosphäre der Pariser Salons der höheren Welt jener Zeit, in die wohl auch Richard Wagner Eingang gefunden hatte, einen flüchtigen Einblick gewährt. Als gewandter Prosaiker wandelt Richard Wagner hier ganz in den Spuren eines Heine und Börne, denen er an Humor und Sarkasmus in keiner Weise nachsteht.
[207] „Von der entschiedensten Wichtigkeit ist die Erscheinung und das Wirken des Virtuosen in den S a l o n s der h ö h e r e n W e l t , denn er ist dort gemeiniglich der einzige Mann von Profession. Die Sänger des Salons bestehen gewöhnlich aus Dilettanten oder richtiger, aus Di- lettantinnen, derer es sehr viele gibt, da es allen leicht erscheint, im Gesang zu dilettieren. Sie singen meistens Romanzen von Demoiselle Puget (– sehr populäre Verfasserin kleiner Lieder und Roman- zen –); einen besonderen Hang zur Schwärmerei verraten sie jedoch dadurch, dass sie vorzüglich gern religiöse Sachen singen, als da sind: kleine Ave Marias oder à la vierge – schlechtweg – in zwei- bis dreistimmigen, am liebsten aber einstimmigen Chören. In der Tat wird der Salon dadurch oft zum Beetsaal, und dieser Drang ist gewöhnlich so tief und wahr, dass man dabei auf alle irdischen Genüsse als Tee und sonstige Erfrischungen mit strenger Abstinenz verzichtet. Wer daher eben mit weltlichen Gesinnungen und Begierden einen solchen Salon betritt, sieht sich gewöhnlich zu einer trüben Entsagung genötigt; alles drängt ihn nur auf Genüsse einer höherer Sphäre hin. In der Tat macht denn aber auch ein solcher frommer Gesang einen verklärenden Eindruck, denn in der Regel lässt er sich vernehmen, wenn eben die Qual und Not auf dem höchsten Punkte ist, wenn die furcht- bare Presse der Salongäste sich zum verderblichen Knäuel zusammengedrängt hat, wenn die Hitze auf dem Grad der libyschen Wüste angelangt ist, da ertönt dann plötzlich solch ein brünstiges Gebet zur Jungfrau, von unsichtbaren Dilettanten angestimmt, denn aus dem entsetzlichen Gedränge vermag, ausser den Allervordersten, sie kein Sterblicher zu erblicken. Die Wirkung ist gewöhnlich unbe- schreiblich, wenn jene süssen, ein- oder zweistimmigen Akkorde in sanfter Zerknirschung über die Häupter der in Todesnot betenden Menschheit dahinziehen; Viele entwinden sich dann in der Regel der Knäuel und entschliessen sich, auf der Strasse, bessere Menschen zu werden. Die zurückbleiben- den hartnäckigeren Sünder bedürfen aber noch anderer Offenbarungen und erwarten deshalb mit Obstination eine Romanze von Demoiselle Puget; ist diese vorgetragen, so geht gewöhnlich wieder- um ein grosser Teil von ihnen in sich und davon. – – – – – – –“
Was sich in dem Geselligkeitsleben der beschriebenen Art in Paris, Wien, Berlin und anderen grossen Städten abspielte, fand man schliesslich auch in kleineren Städten, ja, auf dem Lande in Schlössern und grossen Gutshöfen. Überall ist der Geselligkeitsform der Charakter des jeweiligen Milieus aufgeprägt. Wenn man sich bemüht, Typen für das Gesellschaftleben und die Geselligkeits- kultur aufzuzeigen, liegt es wohl nahe, auch den Musenhof zu Weimar in den Kreis der Betrachtung zu ziehen, und der ganze gesellige Betrieb um Goethe herum ist interessant genug, um auch hier
gestreift zu werden. Wer in der einschlägigen Literatur bewandert ist, der hat das Gesellschaftsleben in diesem Kulturkreise miterlebt, wo neben Persönlichkeiten wie Goethe, Wieland und in begrenztem Masse auch Schiller der Herzog Karl August sowie viele bedeutende Frauen, die Herzogin Amalie, Frau von Stein, Corona Schröter, die Jagemann, Johanna Schopenhauer, die Mutter des Philosophen, eine nicht zu unterschätzende Rolle spielten.
Im Juli 1791, also im gleichen Jahre, oder bald darauf, als das [208] Hoftheater in Weimar, dessen Leitung Goethe übernahm, gegründet wurde, war es auch, als die Herzogin Amalie ihre Freitagabende und damit einen Salon ganz individueller Art eröffnete. „In ihrer Wohnung ver- sammelten sich“ – wie es in der bekannten Goethe-Biographie des Engländers L e w e s heisst –
„zwischen fünf und acht Uhr der Herzog, die Herzogin Luise, Goethe mit seinem Kreis und einige wenige begünstigte Freunde vom Hofe, um von irgend einem Mitglied eine eigene Arbeit vortragen zu hören. Jede Art von Etikette war verbannt, die Mitglieder setzten sich, wie sie kamen, nur für den Vortragenden war ein besonderer Platz bestimmt. Einen Abend trug Goethe seinen Bericht über die Familie Cagliostro’s vor, ein andermal sprach der über Optik, Herder las über Unsterblichkeit, Bertuch über chinesische Farben und englische Gartenkunst, Böttiger über antike Vasen, Hufeland über sein Lieblingsthema, die Kunst, lange zu leben, und Bode gab Bruchstücke aus seiner Überset- zung des Montaigne. Wenn der Vortrag zu Ende war, setzte man sich um einen grossen Tisch in der Mitte des Zimmers, nahm Kupferstiche oder eine interessante literarische Neuigkeit zur Hand und führte eine freundschaftliche Unterhaltung. Das waren ungezwungene, angenehme und interessante Gesellschaften.“
Aber werfen wir auch einmal viele Jahre später einen Blick in eine Gesellschaft bei der sehr wohlhabenden, geistig bedeutenden und freigebigen Mutter des Philosophen Schopenhauer, die allerdings mit ihrem Sohne nicht besonders harmonierte und noch weniger Verständnis für sein philosophisches System hatte, denn tief verletzte sie ihn, als sie über seine Doktordissertation „Die vierfache Wurzel des Satzes vom Grunde“ meinte: „Das sei wohl etwas für Apotheker“. Der damals noch im Aufstieg begriffene junge Denker blieb ihr die Antwort nicht schuldig, indem er ihr sagte, dass ihre Werke längst Makulatur sein werden, wenn seine Gedanken Allgemeingut der Menschheit geworden sind. Nun, diese Voraussage ist auch in vollem Umfang eingetroffen. Die zu ihrer Zeit ausserordentlich verbreiteten Romane Johanna Schopenhauer’s sind seit vielen Jahrzehnten verges- sen, während Schopenhauer’s von den Zeitgenossen bekämpfte Philosophie sich nicht nur behauptet, sondern einen Siegeszug sondergleichen durch die ganze Welt angetreten hat. Aber, wie dem auch sei, Johanna Schopenhauer verstand, angenehm und anregend zu wirken durch die Art, wie sie sich mitteilte und wie sie ihre Gäste empfing. Im Mittelpunkt ihres geselligen Kreises stand Goethe, der sie sehr schätzte und fast stets an ihren Abenden teilnahm. Gern las Goethe bei ihr vor. Seine
„Mitschuldigen“ wurden bei ihr mit verteilten Rollen gelesen. Einmal las er schottische Balladen oder aus Calderons „Standhaften Prinzen“, übrigens ein Werk, das sich bei Goethe ganz besonderer Wertschätzung erfreute. Über Goethes Vorlesen spricht sich Johanna Schopenhauer in einem Brief an ihren Sohn in recht anschaulicher Form aus und gibt überhaupt von Goethes persönlichem
Eindruck eine so plastische Schilderung, dass man gern sich mal den berühmten Mann, mit Frau Schopenhauers Augen gesehen, vorstellt.
„Goethe verlässt mich nicht, er hat jeden Abend seinen „standhaften Prinzen“ standhaft vor- gelesen, bis gestern, wo er ihn zu Ende brachte. Es ist ein wunderbares Wesen drum, und es sind wahrlich Stellen drin, die gerade ins Herz dringen, und wo es mir anfängt, möglich zu erscheinen, dass man Calderon neben Shakespeare nennt. Aber wieviel Wust, Haupt- und Staatsaktionen sind mit hinein-[209]gewebt, und dann das ganze südliche Wesen, das Farbenspiel, das Spiel mit Bildern und Tönen, die unsere nördlicher Naturen gar nicht ansprechen. Indessen ist’s doch ein hoher Genuss, von Goethen dies lesen zu hören; mit seiner unbeschreiblichen Kraft reisst er uns alle mit fort. Obgleich er eigentlich nicht kunstmässig gut liest, er ist viel zu lebhaft, er deklamiert, und wenn etwa ein Streit oder gar eine Bataille vorkommt, macht er einen Lärm wie in Drury Lane, wenn’s dort eine Schlacht gab, auch spielt er jede Rolle, die er liest, wenn sie ihm eben gefällt, so gut es sich im Sitzen tun lässt, jede schöne Stelle macht auf sein Gemüt den lebhaftesten Eindruck, er erklärt sie, liest sie zwey-dreymal, sagt tausend Dinge dabei, die noch schöner sind, kurz es ist ein eigenes Wesen, und wehe dem, der es ihm nachtun wollte. Aber es ist unmöglich, ihm nicht mit innigem Anteil mit Bewunderung zuzuhören, noch mehr, ihm zuzusehen, denn wie schön alles dies seinem Gesichte, seinem ganzen Wesen lässt, mit wie einer eigenen hohen Grazie er alles dies treibt, davon kann niemand einen Begriff sich machen. Er hat etwas so rein einfaches, so Kindliches. Alles was ihm gefällt, sieht er leibhaftig vor sich; bei jeder Scene denkt er sich gleich die Dekoration und wie das Ganze aussehen muss. Kurz, ich wünsche, Du hörtest das einmal.“
Aber auch alle literarischen Grössen versammelten sich in ihrem Haus, und zierten ihre Tafel- runde. Jeder trug zur Erheiterung und Belehrung der Gäste bei. Bisweilen erschien aber auch der schon sehr alte Wieland, der aus seiner Übersetzung des Cicero vorlas. Mit grossem Stolz konnte sie an ihren Sohn schreiben, dass der Zirkel, der sich Sonntags und Donnerstag um sie versammle, wohl in Deutschland nirgends seinesgleichen hat.
Aber aus der Anfangszeit der berühmten Gesellschaften bei Madame Schopenhauer liegen aus [sic; ? uns] Äusserungen von Goethe vor und nach dem gerechten Grundsatz „Audiatur et altera pars“
mag auch Goethe zu Worte kommen. In einem Brief an Knebel vom 25. November 1808 spricht er sich über den Ablauf dieser „Jours fixes“ in folgender Weise aus:
„Bey Frau Hofrath Schopenhauer sind der Donnerstag und der Sonntag jeder auf seine Art interessant: der erste wegen vieler Societät, wo man eine sehr mannigfaltige Unterhaltung findet, der zweyte, wo man wegen kleinerer Societät genötigt ist, auf eine concentrierte und concentrierende Unterhaltung zu denken; und was Du Dir kaum vorstellen könntest, in kurzem wird unser geselliges Wesen eine Art von Kunstform kriegen, an der Du Dich gelegentlich selbst ergetzen sollst.“
Wohl länger als anderthalb Jahrzehnte haben die Teeabende im Salon der Hofrätin Schopenhauer fast immer den gleichen Verlauf genommen, etwa wie Johanna Schopenhauer es an ihren Sohn berichtet:
„Um halb sechs versammeln sie sich. Wie trinken Thee, plaudern, neue Journale, Zeichnungen, Musikalien werden herbeygeschafft, be-[210]sehen, belacht, gerühmt, wie es kommt. Alle, die was neues haben, bringen es mit; die Bardua zeichnet irgend einen als Karrikatur, Göthe sitzt an seinem Tischchen, zeichnet und spricht. Die Junge Welt musiziert, wer nicht Lust hat, hört nicht hin. So wird’s neun, und alles geht auseinander und nimmt sich vor, nächstens wiederzukommen. ………“
Natürlich haben die Teilnehmer an den Gesellschaften während dieses langen Zeitraumes häufig gewechselt, aber lange Jahre sah man wohl immer dort dieselben Gestalten. So werden von Johanna Schopenhauer als ständige Gäste aufgeführt Meyer, der sog. Kunschtmeyer, Goethes Kunstsachver- ständiger, Fernow – beide auch gar interessant, und doch jeder anders – dann Bertuchs, Dr. Stephan Schütze, ein sehr mittelmässiger Dichter, aber sonst sehr gescheidt, Dr. Riemer, der bei Goethe im Hause ist, auch ein sehr gebildeter Kopf, dann die gute Ludecus, die als Amalie Berg manchen recht hübschen Roman geschrieben hat. An ihrem Teetisch war eben ein Kreis versammelt, wie ihn in geistiger Hinsicht vielleicht Jahrhunderte nicht wieder zusammenbringen werden, Goethe war die alles belebende Seele desselben, neben diesen in unaussprechlicher Liebenswürdigkeit Wieland und Einsiedel; was Weimar damals nur an geistreichen gelehrten und bedeutenden Männern und ge- bildeten liebenswürdigen Frauen enthielt, schloss, von jeden Beiden angezogen, sich der Gesellschaft an, die überdem durch die vielen merkwürdigen Fremden, welche, um Goethe und Wieland in der Nähe zu sehen, bei Frau Johanna Schopenhauer Zutritt suchten, an Zahl, mehr noch an Bedeutung und Interesse unendlich gewann.
Jedenfalls gab es kaum einen Salon in Deutschland, über den man sich selbst heute noch eine deutlichere Vorstellung machen kann, als über den der Weimarer Hofrätin, denn in fast allen zeitge- nössischen Aufzeichnungen der dauernden oder nur vorübergehenden Teilnehmer ist er irgendwie erwähnt und je nach der geistigen Einstellung der Einzelnen oder je nach der Aufnahme, die der eine oder andere dort gefunden hat, wird er über alle Massen gerühmt oder manchmal auch in etwas ironischer Färbung über ihn berichtet. Wohl schon nach einem Jahrzehnt hatte dieser Salon die ursprüngliche Anziehungskraft, zumal sich der älter werdende Goethe allmählich ganz zurückzog, verloren, und dies ist auch aus den von Dr. Stephan Schütze herrührenden Aufzeichnungen zu spüren.
Denn gerade diesem Dr. Stephan Schütze verdanken wir viele Einzelheiten über die berühmten Teegesellschaften der Hofrätin Schopenhauer. So schrieb er auch u. A.
„Zuletzt sah man fast die ganze vornehme Welt Weimars hier versammelt. Es drängte sich durch alle Zimmer nicht selten bis zum Überfüllen. So schmeichelhaft dies auch für die Wirtin sein musste, so wich dadurch die Gesellschaft doch allmählich von ihrer Bestimmung und Gestalt ab. Manches Müssige und Leere wurde mit eingeschwärzt, indes mancher Dichter, mancher Künstler sich schweig- sam in den Hintergrund verlor“.
Schliesslich wurde ja auch Frau Schopenhauer älter, viele alten Freunde waren weggestorben, an originellem Reiz büssten die Gesellschaften bei ihr ein, sie klammerte sich aber an die ihr lieb
gewordenen Gewohnheiten, wenn auch vielleicht manche ihrer Gesell-[211]schaften, wie ihre unmittelbare Umgebung, in ihren letzten Weimarer Jahren einen Zug ins Skurrile bekamen. Man möchte dies beinahe für möglich halten, wenn man sich an den Brief eines Dichters aus dem Kasseler Kulturkreis hält. Dieser Brief, den unterm 8. August 1824 der romantische Dichter Ernst von der Malsburg, von dem unweit Cassel befindlichen Escheberger Musenhof an Ludwig Tieck richtete, spiegelt in komisch-origineller Form die Atmosphäre wider wie sie von einem dichterisch veranlagten Gaste im Hause der Johanna Schopenhauer und ihrer Tochter Adele empfunden wurde:
„… Glücklicher lief ich bei der Schopenhauer ab (die Arnim nennt sie Hopfenschauer). Thee, Morgenfahrt nach Belvedere wieder Thee und Abschied, bezeichnen die Hauptpunkte meines Lebens in ihrem Haus. Bey der Frau und ihrer ganzen Art empfand ich wieder dieselbe Gattung von Anmuth, wie das erstemal, gleichsam ein kühlwarmes und durchsichtiges Gemütsbad ohne Schwüle und Tiefe;
ihre sehr verbindliche Freundlichkeit tanzte wie eine angenehme Libelle um die verschiedenen Brunenquellchen meiner dankbaren und diplomatischen Seele. Mein süsser Gerstenfreund (Müller v.
Gerstenbergk) setzte sich mit seinem Malzgenossen (ein Tröpfchen Wasser auf Ihre Mühle und für Ihr Biergedicht) in chemisch-äugelnde Wahlverwandtschaft, aber mit entsetzlichem Geistesgepolter rasselte und stolzierte die Tochter, alle Schellen und Orgelzüge ihres Genius aufgezogen, durch und umher. Diese Bekanntschaft war mir neu, und ich gestehe, im Anfang entsetzlich, fast lächerlich, dann in Momenten wieder recht leidlich, sodass ich zwischen Schrecken und Verwunderung, manchmal auch tragischem Mitleid und Angezogenheit auf- und abschwankte. Es ist etwas sonderba- res mit solchen Geistreichen; man wird sehr häufig von Erstaunen angefallen, wie bei einem kunstrei- chen Uhrwerke auf einem Marktthurme, aber auf einmal, und da, wo man sich bewandert glaubt, erscheinen sie Einem ganz unwissend oder einfältig, und so ging es mir recht oft bei dieser berühmten Adele. ………“
Ob diese Gesellschaften und die Art, wie sie sich unterhielten, ganz nach dem Geschmack des modernen Menschen sein würden, darf füglich bezweifelt werden. Man zeichnete gemeinsam, schwelgte in Empfindsamkeit, las dramatische Werke mit verteilten Rollen, stellte gern lebende Bilder und spielte leidenschaftlich gern Theater. Natürlich wurde auch die Musik nicht vernachläs- sigt. Wie man auch über das Musikverständnis Goethe’s urteilen mag, seine Musikliebe ist sicherlich nicht zu bezweifeln, und wie gern er in seinen eigenen Gesellschaften immer die bedeutenden Künstler seiner Zeit bei sich sah, so ging schon immer sein Wunsch dahin, eine eigene Hauskapelle zu gründen, um ständig Hauskonzerte in seinem Heime veranstalten zu können. Im Herbst 1807 ist ihm dies endlich geglückt. Zunächst gewann er einige Sänger und Sängerinnen vom Theater für seinen Plan, die dann zweimal in der Woche unter Leitung des Geigers Karl Eberwein bei ihm übten.
Vor geladenen Gästen gab er schon im Januar 1808 das erste Konzert mit seinem eignen Singechor.
Gewöhnlich wurden seine Hauskonzerte mit Werken der Musica sacra eingeleitet, dann folgte andere ernste Musik und schliesslich fehlte auch das heitere Genre nicht. Diese Hauskonzerte machten Goethe die grösste Freude und standen bei ihm obenan und über allen anderen Geselligkeitsfreuden.
Auch bei der sonst sehr verwöhnten Weimarer Gesellschaft fanden sie viel Gegenliebe. Manchmal
waren bei diesen intimen Veranstaltungen mehr als 50 Zuhörer versammelt. An den Donnerstagen probte man, an den Sonntagvormittagen fand die Aufführung statt. Goethe schreibt:
„Die Donnerstage waren kritisch, didaktisch, die Sonntage für [212] jeden empfänglich und genussreich.“ (Goethe’s ges. Werke Bd. 27 S. 276.)
Misshelligkeiten im Theater wirkten ungünstig auf diesen kleinen Goethe’schen Musikzirkel und hatten schliesslich dessen im Jahre 1812 oder 1813 erfolgende Auflösung zur Folge. Nur das Ehepaar Eberwein blieb dem schon alternden Dichter treu und fuhr fort, ähnliche Konzerte, von denen uns auch Eckermann berichtet, in Goethe’s Haus zu arrangieren. Das Bestreben Goethe’s, sich auch in der Musik stets auf dem Laufenden zu erhalten, gibt sich auch in der Tatsache kund, dass er sich einmal acht Tage lang von dem jungen Mendels[s]ohn, den er sehr schätzte, bekannte Klavierliteratur, um sie genauer kennen zu lernen, vorspielen liess. Übrigens entfaltete sich auch in damaliger Zeit in dem benachbarte Jena eine sehr anziehende Geselligkeit in den Familien interessanter Persönlichkeiten, an denen auch das Jena zu Goethes Zeit reich war. In den Familien Paulus, Loder, Hufeland und Fromann suchte man durch Veranstaltung von geselligen Zusammenkünften geistige Befriedigung, liess es aber auch an leiblicher Erquickung nicht fehlen, und kleine Maskeraden, die dort üblich waren, brachten auch die nötige heitere Stimmung. Ein Sammelplatz geistvoller Geselligkeit war das Dresdener Haus des Schiller’schen Freundes Körner, dessen kluge Frau über sehr gewandte gesellige Formen, aber auch über einen beissenden Witz verfügte. Als Freunde dieses Hauses begegneten sich dort Künstler und Dichter, Bürgerliche und Adlige. Als Weimar seine zweite grosse Kunstepoche unter Franz Liszt erlebte, hatte es auch einen berühmt gewordenen Salon oben auf der Altenburg bei der Fürstin Wittgenstein, der geistreichen und lebhaften Freundin des berühmten Pianisten und Komponisten. In diesem Salon lag natürlich der Hauptakzent auf der Tonkunst. Hier gingen die Hausfreunde der Fürstin, fast alle Schüler des grossen Meisters, die aus aller Welt nach Weimar pilgerten, aus und ein und schufen eine erlesene Atmosphäre. Ja, man konnte wohl sagen, dass sich hier das geistige und künstlerische Deutschland ein Rendez-vous gab. Aber auch bedeutende Aus- länder fanden den Weg zur Altenburg. In der Memoirenliteratur wird dieser Salon stets in Tönen höchster Begeisterung gepriesen, und wenn man nur einige Namen derer hört, die hier sich trafen und regelmässige Gäste waren, kann man sich leicht einen Begriff machen, welche Anregungen diese Soiréen in jenem schlossartigen Gebäude jenseits der Ilm, geboten haben mögen. Dort verkehrten u. A. Hans von Bülow, von Bronsart, Joachim Raff, Peter Cornelius, Anton Rubinstein, Klindworth, Tausig, Lassen, Joseph Joachim. Von Paris kamen öfters Hector Berlioz, die Viardot-Garcia. Dann waren aber auch Robert Franz, Vieuxtemps, Siloti häufige Gäste der Altenburg. Der Dichter Jou- kowski aus Russland, Friedrich Hebbel, die Maler Kaulbach und Max von Schwind, die Bildhauer Rietschel und Donndorf, die Schriftstsl1er Gustav Freytag, Auerbach, Gutzkow, Saphir, Roquette, Hackländer, Bodenstedt, Hoffmann von Fallersleben, Georg Ebers und sogar Goethes einstige Freundin Bettina kehrten hier ein, und neben der geistig bedeutenden Fürstin wirkte die hinreissende und suggestive Persönlichkeit Liszt’s mit seiner unerschöpflichen Güte in diesem wahren Musenhofe als anregendes und beherrschendes Element. Wenn der sonst so herbe Hebbel, auch ein gern gesehe-
ner Gast auf der Altenburg, so kennzeichnende Worte prägte wie „Hier wurde das Gespräch von selbst zum Goldgewebe, wei1 die Harmonie in der Luft lag“ – so genügt das, um sich eine zutreffen- de Vorstellung von einem wirklich idealen Salon zu machen.
[213] In einem Brief vom 11. Juli 1858 an Debrois sprach sich Hebbel über seinen Aufenthalt in der Altenburg in ähnlicher Weise, aber eher noch begeisterter und poetischer aus:
„Ich habe“ – so schreibt er – „sehr schöne Tage in Weimar verlebt, vorzüglich aber auf der Altenburg bei der Fürstin Wittgenstein. Wie es sich mit Franz Liszts Musik verhält, kann ich als Laie nicht wissen; aber einen Kreis hat er um sich gebildet, wie ich auf Erden noch keinen sah. Mir war zumut, als ob ich mich auf einer Insel in Äthers Höhen befände, so floss hier das individuellste Denken und Empfinden, wie Goldfäden, die nicht einen Augenblick vereinzelt für sich existieren, zur wunderbarsten Harmonie zusammen; es war noch das Spinnen des Menschen, aber ein Weben der Luft ……“
Bei grosser Gesellschaft spielte Liszt nur selten. Wenn er sich aber – wie Hebbel auch in seinen Tagebüchern erzählt – entschloss seine Ungarischen Rapsodien zu spielen, dann war er am Klavier ein Heros. Die junge Fürstin in polnisch-russischer Nationaltracht und goldenen Troddeln schlug die Notenblätter um und fuhr ihm dabei zuweilen durch die langen, in der Hitze des Spiels wildflattern- den Haare. Hebbel fand dies traumhaft phantastisch.
Auf meinem Gang durch berühmten Salons möchte ich auch noch mich in München etwas näher umsehen und einen Salon würdigen, der auch sozusagen historisch geworden ist. In den hochkünst- lerisch und behaglich eingerichteten Heim des Dichters Paul Heyse herrschte die vornehmste Kultur der Geselligkeit, die wohl auch als ideal gelten konnte. Heyse selbst gedenkt in seinen Erinnerungen der wundervollen Sonntagskonzerte in dem Gartensaal bei Fanny Hensel in Berlin, zu denen ihr Bruder Felix Mendels[s]ohn von Leipzig oft herüberkam und durch sein herrliches Spiel den Saal in einem Tempel verwandelte, in welchem – wie Heyse sagt – eine enthusiastische Gemeinde jeden Ton wie eine himmlische Offenbarung einsog.
Eingedenk dieser Jugendeindrücke mag ein so stilvoller Formkünstler, wie es Heyse war, stets danach gestrebt haben, dereinst auch bei sich ähnliche Musikabende zu veranstalten. Ihm erlaubten es glückliche äussere Umstände, seine Jugendwünsche zu verwirklichen.
In seiner bekannten Münchener Villa war in der Tat Heyse’s Salon Jahrzehnte lang ein gesell- schaftlicher Mittelpunkt prominenter Künstler aus allen Kunstgebieten, die sich mit zahlreichen Kunstfreunden aus dem grossen Heyse’schen Bekanntenkreise um den Dichter scharten. Auch hier herrschte der zwangloseste Verkehr, wie er nur im Münchener Milieu, wo ein Zelebritätenkultus nicht gedeiht, denkbar ist. Ein intimer Zauber muss über den in diesem Dichterheim regelmässig abgehalte- nen Musikabenden gelegen haben, zumal schon die Schönheit der künstlerisch ausgestatteten Wohnräume ein wahres Behagen ausströmten.
In nicht minder zwangloser Weise muss es aber auch in den bekannten Symposien des Königs Max von Bayern nach den zeitgenössischen Berichten hergegangen sein. An diesen Symposien nahmen Heyse mit anderen Dichtern und berühmten Gelehrten regelmässig teil. Bei [214] Bier und belegten Brötchen wurde hier nach den berühmten Mustern der Medici interessante Konversation über die verschiedensten Themata gepflegt, ja, sogar wissenschaftliche Probleme aller Art erörtert.
Ein erlesener Kreis von Gelehrten und Künstlern gab sich auch in den gastlichen Räumen des grossen Chemikers Justus von Liebig regelmässig ein Rendez-vous.
Da tauchten neben den Künstlerköpfen eines Kaulbach und Piloty bedeutende Gelehrte, wie der Therapeut Pfeufer und der Anatom Bischof auf. Von Pfeufer wusste man, dass in allen kulinarischen Angelegenheiten er mindestens ebenso grosser Sachverständiger war als in der Therapie, auf wel- chem Wissenschaftsgebiete er weiten Ruf genoss, und von Bischof lief das Gerücht um, dass er ein Meister im Brauen wohlschmeckender Bowlen sei.
In den „harmlosen Plaudereien eines alten Müncheners“, nämlich des Freiherrn von Volderndorff wird auch der Salon Dönniges gepriesen. Frau von Dönniges hatte den Mut, die Berliner Theeabende auch in München einzuführen, aber nicht der dünne Thee, noch dünnere poetische Vorträge mit kaltem Aufschnitt und noch kälteren schöngeistigen Gesprächen wurden importiert, sondern es gab, wie es in diesen Plaudereien hiess – als physikalische Grundlage dieses Abends treffliches Souper mit bajuvarischem Bier oder eine vom Hausherrn gebraute Bowle. Keine Berühmtheit kam nach Mün- chen, ohne im Salon der Frau Franziska von Dönniges sich einzufinden.
Nicht nur an den historisch gewordenen Stätten findet sich Geselligkeit von hohem geistigem Range, sondern auch überall da, wo Geburt, Bildung und Wohlhabenheit, ja, nicht zuletzt, auch die Vorliebe, Gäste bei sich zu sehen und zu bewirten, die ersten Voraussetzungen dazu bieten. Unzäh- lige Salons hat es sicher gegeben – und es gibt sie auch heute noch – die zwar keinen Chronisten fanden, in denen aber nicht minder hohe Geistigkeit, gepaart mit froher Geselligkeit vertreten waren, ja, vielleicht mögen diese der Öffentlichkeit verborgen gebliebenen Salons die historischen in dieser oder anderer Hinsicht noch übertroffen haben. Wohl in allen früheren Residenzen der deutschen Fürsten wird ein mehr oder weniger anregendes Gesellschaftsleben geherrscht haben, insbesondere da, wo bei den Landesherren die geistigen und künstlerischen Interessen dominierten.
Wie es in dieser Beziehung in der einstigen Residenz K a s s e l gewesen war, das verdiente auch einmal kulturhistorisch beleuchtet zu werden. Der höfische Glanz prägte sich sowohl in der Land- grafen- als auch in der Kurfürstenzeit dem ganzen Gesellschaftsleben auf, aber in vielleicht noch höherem Grade fiel ein Abglanz des Hofes auf die ganze Umgebung in dem kurzen Interregnum Jérôme’s, dessen Prachtliebe, Zerstreuungssucht und Begabung, immer neue Sensationen zu erfinden, bei einem grossen Teil des hessischen Adels viel Gegenliebe fanden. Der einst am Kasseler Hof- theater tätig gewesene und später an der Wiener Hofburg berühmt gewordene Schauspieler Ludwig Gabillon äusserte sich einmal dahin, dass nach der Meinung des Barons von der Malsburg unter