Geographica Helvetica 1979
-
Nr. 2 Ludwig EllenbergDie
Prägung Japans durch
das
Klima
1.
Einleitung
"Guten Tag"
heisst
auf Japanisch "konnichi
wa".Dieser Gruss wird im Sommer
häufig ersetzt
durch"atsui
desu, ne?" heissist
es,nicht
wahr?) und im Winter durch "samui desu, ne?"kalt
ist
es,nicht
wahr?). Japan hat erschöpfendheisse Sommer und beissend
kalte
bis empfindlich kühle Winter. Die Temperaturschwankung(hier:
die
Differenz
derMonatsmittelwerte
von Augustund Januar)
ist
um 10-
15oC grösser als inMit¬
teleuropa
(Abb.l).
"Bambus im Schnee" (M. SCHWIND1967)
ist
eineaussagekräftige Assoziation
zumKlima von Japan.
HoniUmlMI
kllMlMrMer
il
ii!
¦SIS 3 I
III
!il
!l5 81=Abb.l:
Temperaturschwankungen.Vergleich
vonStationen Japans mit Stationen
Afrikas/Europas
auf
gleicher
Geogr.Breite
Im
Frühling
und Sommer werden den japanischenInseln
tropische
Luftmassen von Süden und Süd¬westen
zugeführt.
DieMitteltemperaturen
stei¬
gen auf 26
-
28°C in Kyushu underreichen
inHokkaido 18
-
22°C. Ein grosserTeil
des Landesist
im Sommer so heiss wie äquatornahe Gebieteund der Norden immerhin noch wärmer als
Mittel¬
europa zur selben
Zeit.
Im Herbst
verändert
sich das Windregime; dieWinde wehen aus dem sich zusehends abkühlenden
ostsibirischen
Raum. Wohl wird die Kälte derLufünassen beim Ueberstreichen der 300
-
700 kmbreiten
Japan Sea etwasgemildert,
doch sinkendie
winterlichen
Temperaturen in Japan, dessenHauptinseln
zwischen 32° und 44° Nliegen,
we¬sentlich
tiefer,
als es imHinblick
auf die Brei¬ tenlage zu erwarten wäre. DieTieflands-Mittel¬
temperaturen betragen im Januar in Hokkaido -5
-
-10°C, in Zentral-Honshu 0-
4°C undbleiben
nur im aussersten Süden über 10°C.
Es
ist
also ein ausgeprägter Sommer-Winter-Ge¬gensatz der Temperaturen
festzustellen
und einestarke Abnahme der
jährlich
zugeführten Wärme¬ mengen von Süden nach Norden. Diesüdlichsten
Inseln Japans sind von
Korallenriffen
gesäumt;im Nordosten Hokkaidos
erreicht
Treibeis
beinahealljährlich
die Küste.Japan, der
gebirgige
Archipel, ist
ganzjährig
humid. Der Gang der Niederschlägeist allerdings
nicht
ausgeglichen. Wenn imFrühling
diekalten
Luftmassen nach Norden zurückgeschoben werden
und die
Polarfront
über das Land nach Nordostenwandert,
treten
im Grenzbereich dertropisch¬
pazifischen
und dersubpolar-sibirischen
Luft
verstärkte
Niederschläge auf. Esist
die Regen¬zeit bai-u.
Umgekehrt drängt im Herbst die nor¬dische
Kaltluft
dietropisch-pazifische
nach Süden und die Regenzeitshurin
quert das Land,im südlichen
Teil überlagert
undgefolgt
vonTaifunen und damit
heftigen
Regengüssen. Die Sommerwinde sind für das ganze Land Niederschlags¬spender; die Winterwinde hingegen
nicht.
In Hon¬shu laden sie ihre über der Japan Sea aufgenom¬
mene
Feuchtigkeit
in Formreicher
Schneefällebeim
Auftreffen
aufs Land und dem Steigen an denGebirgshängen ab. Die
pazifische
Seitebleibt
während
dieser
Zeit weitgehend trocken und wol¬kenfrei.
Um in der Folge die Prägung Japans durch das
Kli¬
ma
regional
differenziert
betrachten
zu können,empfiehlt
sich eine einfache Gliederung Japansin
vier
Klimaprovinzen (Abb.2):Südprovinz:
-
Sommer: heiss,niederschlagsreich,
schwül-
Winter:mild,
imTiefland
dauerndfrostfrei,
massige Niederschläge
relativ
kleine
Gegensätze zwischen den einzelnenJahreszeiten; subtropischer
frost-
und schnee¬freier
Teil
JapansJapan Sea Provinz Honshus:
-
Sommer: heiss bis warm,niederschlagsreich,
schwül
-
Winter: mild biskühl,
hohe Schnee-Nieder¬schläge
schneereicher
Teil
JapansDr. Ludwig
Ellenberg,
Institut
für Geographie,Pazifik
Provinz Honshus:-
Sommer: wie Japan Sea Provinz Honshus heiss bis warm,niederschlagsreich,
schwül-
Winter: zwar mild bis kühl, aber im Gegensatzzur anderen Seite Honshus sonnig und
schneearm
Nordprovinz (Hokkaido):
-
Sommer: warm und feucht-
Winter:kalt
und lang; im Westen undZentral¬
teil
schneereich, kurzeVegetations¬
zeit
Für
alle
vier
Klimaprovinzen, besonders aber fürdie beiden auf Honshu gelegenen
gilt,
dassvier
Jahreszeiten
tiefgreifend unterschiedlicher
Prä¬gung entstehen. So verwundert es
nicht,
dassdie
Jahreszeiten
injapanischer
Prosa undLyrik
mehr als eine Kulisse
darstellen.
Ganzoffen¬
kundig wird das Bewusstsein für die Stimmung
der
Jahreszeiten
in den Haikus, den17-silbigen
Kurzgedichten.
Bitte,
mach dochPlatz,
dass ich Bambus pflanzen kann,
alter
Kröterich
Chora 1726-1781"S'ist
die Schwülenur",
sagte sie und
fing
dabeistill
zu weinen an.Totgetreten
liegt
einer Krabbe Leichnam da
Morgendlicher Herbst
Mit dem
letzten
Zahntau ich meinen Pinsel auf
-Kalte Winternacht
Kigin 1623-1705
Shiki 1866-1902
Buson 1715-1783
2. Prägung des
Reliefs
Die
utopisch
anmutende Topographie auf japa¬nischen
Holzschnitten
mag zwarnicht
vollkommenwirklichkeitsgetreu
sein,stellt
aber den we¬sentlichsten
Eindruck heraus: Japanist
vom Sü¬den bis etwa zum 40.
Breitengrad,
alsoinner¬
halb des
alten
Siedlungsraums, ein Gebirgslandmit grossen Höhenunterschieden auf engem Raum
und nur
kleinen
Ebenheiten. In Kyushu, Shikokuund dem
westlichen
undzentralen
Honshufallen
im Innern der Inseln
steile
Hänge,tiefeinge¬
schnittene Kerbtäler, grobblockige Talalluvionen
und sehr kurze Uebergänge von Talhang zu Talbo¬
den auf.
Drei
Viertel
des Landes sindstärker
geböscht als 15° (M. SCHWIND 1967). Bei denvielen
Stratovul¬
kanen, die das
Relief
Japanscharakterisieren
und der
seit
dem Mesozoikum nie zur Ruhe gekom¬ menentektonischen
Bewegung überrascht dieseTatsache
nicht.
Esist allerdings
darauf hinzu¬weisen, dass die
Steilheit
der Hängenicht
aufVulkane beschränkt
ist
undteilweise
nicht
aufgeologische, sondern auf
klimatische
Ursachenzurückzuführen
ist.
EinGrossteil
der Nieder¬schläge geht als Starkregen nieder und
trifft
auf
tiefgründig
zersetztes Material
(heisse, feuchte Sommer!), aufrelativ
frische vulka¬
nische Lockerproduktc oder gar auf Tcphra
(ver-130°
i
winterkalte Jordprovmz
HOKKAIDO
V
F\
I46°E-42°
schneereiche
IW^j^
42°n-Japan Sea - Prov
^
ti
URA NIPPON
j schneearme
^ Pazifikprovinz
OMOTE NIPPON -34°
*
*0$
34°-K
frostfreie Südprovinz
0 400 km
« 6 138°
i
146°
Abb.2: Klimaprovinzen
witterte
und dadurch verlehmte Asche). Kurze aber starkeAbtragungsleistungen
der Wildbächein den Gebirgen und der Flüsse in den grösseren
Talungen sind die Folge. Das
Relief
ist
einweitgehend
fluvial
gestaltetes
und deractivity
degree, die Veränderung des
Reliefs
proZeitein¬
heit, ist
generell wesentlich
grösser als inMitteleuropa.
Für Japan als Lebensraum der Menschen
ist
diestarke Erosion im Innern ein
Hindernis, -
mandenke nur an die Anlage von Siedlungen, Reis¬
terrassen
und Strassen an den Hängen. Aber anden Rändern der Inseln sind durch Ablagerung der
ausgeräumten Massen Deltas und durch die Küsten¬
strömungen
vertriftete
schmaleTieflandbänder
entstanden. Ohne diese Ebenheiten hätte sich
Japan
nicht
zum heutigen Gigant inweltwirt¬
schaftlicher
Hinsicht entwickeln
können.Hokkaido und der Norden Honshus (Töhoku) wirken
in Bezug auf das
Relief
unjapanischweitläufig
und grosszügiggestaltet.
Flache Hänge und Mul¬dentäler
sindviel häufiger
als im Süden. Auchdies
ist
klimatisch
zuinterpretieren.
Hokkai¬do
ist
weitgehendfrei
von Taifunen und damitmorphologisch
viel
weniger durchplötzliche
Ab¬flussereignisse
geprägt. Ausserdem wurde esviel
stärker
als der Süden während derpleistozänen
Kaltzeiten
durch Gletschergestaltet
und in deneisfreien
Gebieten bis zum damaligen Meeresspie¬gel hinab
intensiv
durchperiglaziale
Solifluk¬
tion überformt,
tlokkaido und Töhokustellen
we¬niger ein rezent
gestaltetes
fluviales
Relief
dar als ein
(letzt)kaltzeitliches
Glazial-
undPeriglazialrelief.
3. Honshus zwei Seiten 4. Vegetation
Die
Pazifikseite
Honshusist
das dynamischsteGebiet Japans. Hier reihen sich die Städte To¬
kyo, Kawasaki, Yokohama, Shimizu, Nagoya, Gifu,
Kyoto, Osaka, Kobe, Okayama mit den sich ver¬
dichtenden Agglomerationen dazwischen aneinan¬
der. Hier war der Schauplatz
aller
grossenkul¬
turellen
Leistungen Japans und der Auseinander¬setzungen zwischen Tenno und Shogun. Hier be¬
gann die
Industrialisierung
Japans und vonhier
aus wird Japan heutegesteuert.
Diese Seite Hon¬shus
heisst
Omote Nippon. "Omote"heisst
"vorne".Japans
Fensterseite
blickt
auf denPazifik,
nicht
auf
Festlandasien.
Die Seite Honshus, die zur Japan Sea hin ent¬
wässert,
heisst
Ura Nippon. "Ura"heisst "hin¬
ten". Ura Nippon
ist
das vergessene,vielerorts
sehr
traditionelle,
wirtschaftlich
weniger wich¬tige
und langsamere Japan. HonshusHinterseite
liegt
demasiatischen Kontinent
gegenüber. Ja¬pan hat quasi die Tür
hinter
sich zugemacht.Dies
ist
für eine kontinentnahe Insel einebei¬
nahe einmalige Gegebenheit.
Die Asymmetrie Honshus wurde
tektonisch-morpho-graphisch
erklärt.
Omote Nippon hatfast
durch¬gehende Küstenebenen; das
Tiefland
von Ura Nip¬pon hingegen
zerfällt
in mehrere Kammern, dienicht
ohneweiteres miteinander
verbunden wer¬den können. Diese Erklärung
ist
zwarrichtig,
nur genügt sie
alleine
nicht
aus. Dieunter¬
schiedliche
Inwertsetzung der beiden Seiten Hon¬shus wurde in
erster Linie
klimatisch
erzwungen.Die Sommer sind in beiden
Teilen ähnlich,
dieWinter aber grundverschieden. Omote Nippon
bleibt
im Winter weitgehendschneefrei.
Die Kom¬munikation
ist
dauerndeinfach;
der Verkehr wirdkaum erschwert. Der Winter in Ura Nippon
ist
da¬ gegen eine Zeit dertotalen
Schneeblockade. Erbeginnt
nicht
mitFrost,
sondern mitSchneefall.
Es
schneit
mehrere Wochen langfast
ohne Unter¬bruch. Im
Tiefland
bauen sich Schneedecken von2 m und mehr auf, die drei bis
vier
Monate über¬dauern. In den Nordjapanischen Alpen sind Schnee¬
dicken von
einigen
Metern die Regel und bei Ver¬wehungen sind auch 10 m keine
Seltenheit
(Mitt.
von S. IWATA). Die meisten Häuser haben
auffal¬
lend
steile
Dächer, damit der Schnee abrutschenkann; in
vielen
Bauernhäusernist
der Eingangim Sommer im
Parterre,
im Winter im 1. Stock.Der Verkehr wird von November an erschwert und
bricht
in den Wintermonatenoft
zusammen. Aus¬ser für den
Wintersport,
einem Zweig japanischerFreizeitgestaltung
mit hoher Wachstumsrate, hatUra Nippon für Japan wenig Bedeutung,
nicht
ein¬mal als
Pionier
land. Katastrophal kann sich imFrühling
und Frühsommer die Schneeschmelze aufdie
kleinen
Ebenen und die flussnahenSiedlun¬
gen auswirken. Ura Nippon
ist
das "yuki no kuni"von Kawabata, das Sclineeland Japans. Es
ist
eineder schneereichsten Regionen der Erde und dies
ist
eine Tatsache, der auch eine führende Indu¬strienation
nicht
voll
gewachsenist.
Der starke
Abfall
der Wärmemengen von Südwestennach Nordosten bedingt eine enge Scharung der
Vegetationszonen (M. NUMATA 1974)
- viel
engerals
beispielsweise
an der Westseite Eurasiens.Die
Tiefländer
Kyushus, Shikokus, West- undZen-tral-Honshus
gehören in die Zone der Lorbeer¬wälder, der immergrünen Camelietae japonicae.
Von den
einstigen
Wäldern sindallerdings
nurnoch äusserst
kleine Relikte
beishintoistischen
Schreinen und
buddhistischen
Tempelnübrigge¬
blieben.
Esgibt
nur wenigeVegetationstypen
auf der Erde, die
derart stark
zurückgedrängtwurden.
Die Wälder der montanen Stufe Zentral-Honshus
und der planaren und
collinen
Tohokus zeigenimmergrüne Arten wegen der längeren und
stärke¬
ren
Winterkälte
nur in ihrem Unterwuchs. DieBäume bestehen aus
vielen
sommergrünen Arten(Fagetea
crenatae).
Nach der Zeit der Taifune,wenn die Winde
nicht
stark wehen, die Herbst¬ niederschläge abgeklungen sind und die Frösteerst
zögerndeinsetzen, verfärben
sich dieseWälder äusserst bunt. Das
nordöstliche
Omote Nip¬pon gehört zu den schönsten
Herbstlandschaften
der Erde. Es ähnelt darin und
allgemeinklima¬
tisch
dem Nordosten der USA.Hokkaidos Wälder und die die Waldgrenze bildende
Stufe auf den
weiter südlich
gelegenen Inselngehören zur
Vaccinio-Picetea-japonica-Zone.
Ge¬gen
Winterkälte
resistente
Nadelbäume dominie¬ren. Ergänzt werden sie durch Birken und andere
Laubbäume, die monatelang unter Schnee begraben
sein können. Der Wald
ist
nur selten hochstäm¬mig.
Dichter
Bergbambus (sasa sp.)bildet
denUnterwuchs. Die Wälder
stellen
einen starkenKontrast zu den beiden anderen Waldtypen dar.
Weit
unterhalb
der Waldgrenze schon setzen anStellen,
dienicht dicht
bewachsen sind (Rut¬schungen, Umland von Fumarolen, Rodungen),
Peri¬
glazialformen
mit rezenterFormungsaktivität
ein,und zwar
nicht
nur Bülten (earth hummocks), son¬dern auch
Terrassetten
(sorted steps) undstel¬
lenweise sogar Streifenböden (sorted
stripes).
Die Untergrenze der
periglazialen
Stufeist
inJapan also
viel
schwieriger
zuermitteln
alsbeispielsweise
in den europäischen Alpen, denPyrenäen oder Karpaten. Dieses Phänomen
ist
mitdem ausgeprägten Jahresgang der Temperatur zu
erklären.
Die warmen feuchten Sommer lassen denWald noch in Höhen gedeihen, die während der
kalten
Jahreszeiten bereits
frostwechselindu-zierter
Formung unterworfen sind (L. ELLENBERG1974a, 1977) Aehnliches kennt man aus
Sibirien
und Nordkanada mit einer noch
viel
grösserenTemperaturschwankung, wo
Periglazialformen
undWald einander
nicht
ausschliessen wie in denGebirgen mit
kleiner
Temperaturschwankung, son¬dern im gleichen Areal vorkommen.
Die Waldgrenze
sinkt
von 2500 m inZentral-Hon-shü rasch auf ca. 800 m in Nordost-Hokkaido ab.
stellt
einenauffallenden
Gegensatz zuvielen
anderen Gebirgen der gemässigten
Breiten
dar,wo
oft
eine Wald- und eine Baumgrenzeunter¬
schieden werden. Bei diesem Phänomen
ist
der Grundnicht
einunmittelbar
klimatischer.
DieWaldauflösung im Bereich der obersten Waldstufe
ist
oft
eine Folge derAlmwirtschaft;
die Gren¬ze wäre von Natur aus nur ein sehr schmaler Gür¬
tel
(H. ELLENBERG 1966). Die anthropogene Be¬einflussung
drückt die Grenze hinab undlockert
die obersten Waldbestände auf. In Japan
fehlt
traditionell
-
wie in ganz Ostasien-
die Gross¬viehhaltung.
Ueberdies wäre eineAlmwirtschaft
europäischer Prägung unmöglich, denn es fehlen die dafür notwendigen
Trogschultern
(schwächereund
nicht
so weit hinabreichendeglaziale
Prä¬gung Honshus als der europäischen Alpen!) und
die Steilhänge
bieten
für
eineneventuellen
Vieh-Auftrieb
besondere Probleme. Ausserdem wird dielandwirtschaftliche
Fläche in dentiefgele¬
genen Tälern ökonomischer mit hochwertigerenProdukten
bestellt
als mit Gras für die Winter¬fütterung
von Kühen. Nur Hokkaido eignet sichfür die Grossviehhaltung und
natürlich
wurdedort damit begonnen; ob
langfristig
erfolgreich,
bleibt
noch abzuwarten.Ueber der Waldgrenze steht die Bodenbedeckung
in Abhängigkeit der Dicke und der Andauer der
Winterschneedecke. Windexponierte Hänge und Gra¬
te sind dauernd
frei
von Schnee. Pflanzen wach¬sen
hier
nicht;
esist
das Gebiet derStruktur¬
böden. Normal
exponierte
Hänge sind mit Lat¬schendickicht
(Pinus pumila) überzogen und Mul¬den zeigen
oft
Bültenfelder
und perennierendeSchneeflecken. Die rezente Schneegrenze über¬
ragt aber
selbst
der 3776 m hoheFuji
Sannicht.
Der
Vertikalabstand
von der Wald- zur Schnee¬grenze
beträgt
1300-
2000 m. Manvergleiche
diesen Wert mit anderen
ganzjährigen
humiden Ge¬bieten
der gemässigtenBreiten,
die einen weni¬ger extremen Jahresgang der Temperatur aufwei¬
sen (K. HERMES 1955).
5. Rahmen für die
Landwirtschaft
Reis
ist
dasseit
alters
herwichtigste
Anbau¬produkt Japans. Da Bewässerung
ganzjährig fast
überall
möglichist,
werden dienaturgeogra¬
phischen Grenzen für die
Verbreitung
desReis-anbaus in
erster Linie
durch dasRelief
und dieTemperaturverhältnisse
gesetzt (Abb.3). Ankli¬
matisch bevorzugten
Küstenstreifen
im Süden des Landes sind zwei Reisernten pro Jahr die Regel.Im übrigen
Teil
von Kyushu, Shikoku und West-Honshu sind zwar auch zwei Ernten möglich, dochlässt
man in der kühlenJahreszeit nicht
Reis,sondern Weizen oder Gemüse wachsen. Im grössten
Teil
Honshusist
nur eine Ernte pro Jahr zu er¬ reichen. Imwinterlich
schneearmen Omote Nippon können in diesem Bereich unddort,
wo Weizenauf den Reis
folgt,
die Felder durchflächenhaf¬
te Bodenabtragung gefährdet werden. Ausgelöst
wird sie durch Shimobashira (JIYU GAKUEN SCIENCE
GROUPE 1937, 1940; L. ELLENBERG 1974b).
Shimobashira (Shimo Reif; bashira Säule) ent¬
steht,
wenn dernicht
durch Schneeisolierte,
feuchte poröse Boden nachts
oberflächlich
ge¬friert.
Eispartikelchen bilden
sich in der ober¬sten Bodenkrume;
kapillar
hochgesaugtes Wassergefriert
zumillimeterdünnen
aber mehrereZenti¬
meter langen Eisnadeln, die die oberste Krume
anheben. Kammeis (pipkrake)
ist
zwar auch inMitteleuropa
bekannt; da dort jedoch der Bodenim Winter nach Frost
nicht
regelmässig wieder tagsüberauftaut
oder aber schneebedecktist,
findet
dasAuffrieren
nicht
häufigstatt.
In Omote Nippon kommen bis zu 40 Nächte mit Shimo¬bashira zwischen Oktober und März vor! Der Wind
hat dann ein
leichtes Spiel,
diegelockerte
undangehobene Bodenkrume tagsüber von den
pflanzen¬
freien
Ackerflächen
abzuwehen. Bis zum 2. Welt¬krieg
war das "mugi fumi" Weizentreten) einewichtige
winterliche Tätigkeit
für
die Bauern:der Boden wurde nach einer Frostnacht wieder
festgetreten.
Heutesetzt
man Walzen für diesenZweck ein.
In Töhoku, Süd- und
Zentral-Hokkaido
korrmt Reiszwar noch vor, wird aber mit jeder Fahrtstunde
in
nördlicher
Richtungunwichtiger.
Der Reisan¬bau
ist
hier
nureinige
Zehner von Jahren oderhöchstens hundert Jahre
alt.
Er wurdeerst
mög¬lich,
nachdemschnell reifende
Sorten gezüchtetwaren, die
nicht
zuerst in Saatbeeten herange¬zogen und dann umgepflanzt werden mussten, son¬
dern die
direkt
ausgesät werden konnten. Da das japanischeAlltagsleben
ohne Reis kaum denk¬bar
ist,
wird esverständlich,
dass Hokkaido alsSiedlungsraum für Japaner zunächst
nicht
in Fra¬ge kam. Die
dorthin
zurückgedrängten früherenAusschl«Blich TrockenfeWkultur
Reisanbaumöglich.abersehrstarker AnledvonTrockenl,.Mkultur NaBfeldkulturmiteine'
|NaBleldkullurmit2Ernten, davon eine Reisernie
INaBleldkuliurmitiwei Roisernten desReisanba
Abb.3: Reisanbau (nach M. SCHWIND 1967)
Bewohner der
Inselkette,
die Ainus, wurden zu Ende desletzten
und zu Beginn dieses Jahrhun¬ derts systematischaufgerieben.
Zeitgleich
und noch jünger als die Ausrottung derIndianer
inNordamerika war diese
rücksichtslose
Ausweitungdes japanischen Agrarraums;
allerdings
wurdeof¬
fiziell
hierüber
nur wenig bekannt.Dass Hokkaido heute in
vieler
Hinsicht
als Pio¬nierland
Japans zugelten
hat, muss meiner Mei¬nung nach zu
allererst
mit seinem etwas rauherenKlima
erklärt
werden.6. Jahresgang der
Sterblichkeit
In Japan sterben
nicht
jeden Taggleichviel
Men¬schen;
überblickt
man den Jahresgang der Sterb¬lichkeit
(K. KATAYAMA and M. MOMIYAMA 1969, 1972), sotritt
der Winter und früheFrühling
alsZeit
besonders
vieler
Todesfälle
gegenüber dem Som¬mer hervor. Das
Verhältnis
ist
130 : 70 für dieSumme
aller
Todesfälle
und 140 : 60 für die Kin¬dersterblichkeit.
Man kennt diesen Jahresgangder
Sterblichkeit
ausItalien
oder Spanien, under war noch in den Zwanziger Jahren dieses Jahr¬
hunderts in der Schweiz, in England, Deutsch¬
land und in den USA
festzustellen,
wenn auch dieUngleichverteilung
niemals sofrappierend
grosswar. Warum
ist
der Winter in Japan diekritische
Zeit für die gebrechlichen Alten und dieklei¬
nen Kinder?
Die Antwort wurde in der
Einleitung
dieses Ar¬tikels
bereits
angedeutet. "Samui desu, ne?"kalt
ist
es,nicht
wahr?) drückt mehr aus alsein vorübergehendes
Frösteln
zu Winterbeginn. Esillustriert
eher dasAusgeliefertsein
an eineharte
Jahreszeit.
Die Häuser sind im sommerheissen
Teil
Japans denlangen feucht-schwülen Wetterlagen gut angepasst.
Leichtes Baumaterial wie Holz, Glas,
Binsen-
undReisstrohgeflecht,
poröseZiegel,
Dachpappe,Blech, Papier und Karton werden verwendet.
Rit¬
zen und Fugen bleiben
unverdichtet
und die ein¬ geschossigentraditionell
gebauten Hütten sindmeist etwas
gestelzt,
so dass die Luft unter demHaus und durch die
möbelfreien
Räumestreichen
kann. Von bai-u bis shurin
bringt
jederLuft¬
hauch ersehnte Kühlung und
ist
nötig,
damit dieKleider,
Wände und Bödennicht stockig
werdenund verschimmeln. Abgesehen davon, dass dieses
Baumaterial
leicht
Feuerfängt,
ist
der japa¬ nischeBaustiel
erdbebengerecht.Der
kalten Jahreszeit
ist
man demgegenüberfast
schutzlos preisgegeben. Die
kalte Aussenluft
sickert
ungehindert ins Innere. In Tokyo sindim Januar +2° C am Morgen in den Zimmern keine
Seltenheit!
KleineOelöfelchen,
die nachts ausAngst vor Erdbebenerschütterungen
abgeschaltet
werden, vermögen wenig dagegen zu schützen.
Heizbare Schlafdecken sind (noch)
nicht
weitverbreitet.
Der Kotatsu (eine mit einerTisch¬
platte
überdachteVertiefung
im Boden, die mit einer Wärmelampe geheiztwird,
in die man dieBeine
hineingleiten
lässt
und wo die Wärme mitschweren Decken zwischen
Platte
und Tatami ge¬halten
wird)ist
zwar angenehm, hat aber einenunguten
Lagerfeuer-Effekt,
denn der Oberkörperbleibt
ausserhalb der Wärme.Ein
deutliches
Wintermaximum derSterblichkeit
gilt
allerdings
nicht
für den äussersten Süden und Norden des Landes. Dortist
dasVerhältnis
zwischen
Winter-
undSommersterblichkeit
höch¬stens 110 : 90. Diese an prosperierende west¬
liche
Industrieländer
erinnerndenVerhältnisse
sind
nicht
überraschend: in Süd-Kyushu und Hok¬kaido
ist
der Winter keineJahreszeit
vermin¬derter Lebensqualität.
Der Südenbleibt
ganz¬jährig
mild und der Norden wirdderart
kalt,
dass ausreichende Heizung (meist
offener
Kaminin der
Mitte
des Wohnraumes) lebensnotwendigist.
Die geheizten Räume machen den Winter inHokkaido zu einer
Jahreszeit,
die weit angeneh¬mer
ist
alsbeispielsweise
in Tokyo.In Korea schützt man sich
seit
Jahrhundertendurch eine Fussbodenheizung (Ondol). In der
ver¬
tieft
angelegten Küchebleibt
der Herd im Win¬terhalbjahr
dauernd an; der abziehende Rauchwird unter den Wohn- und Schlafkammern durchge¬
leitet.
Das Ondol-System hat übrigensbewirkt,
dass Korea kaum noch Hochwälder
besitzt,
dennviel
Holz und Holzkohle werden für die langekalte
Jahreszeit benötigt.
Wäre eineUebertra-gung dieser Fussbodenheizung vom
tektonisch
sta¬bilen
Korea auf das erdbebengefährdete Japanmöglich, so wäre der Jahresgang der
Sterblich¬
keit
ohne eineWinterspitze.
Nachdenklich mag stimmen, dass der
Industrie¬
gigant Japan es bis heute noch
nicht
erreicht
hat (noch
nicht für nötig erachtete?),
dasssei¬
ne Bürger im Winter wirksam vor Kälte geschützt
sind.
7. Schluss
Die Prägung Japans durch das Klima
ist
viel
stär¬
ker, als man es bei einem so
stark
vom Menschen in Besitz genommenen Land erwarten würde. Vor¬ angehend wurde angesprochen, wie sich das Klimaauf die Formung des
Reliefs auswirkt,
warum dieJapan Sea Seite Honshus noch heute
weltabgeschie¬
denwirkt,
welche Waldtypen wo entstanden sind, warum rezentePeriglazialformen
in der obersten Waldstufenicht
die Ausnahme, sondern die Regeldarstellen,
welcher Rahmen für dieLandwirt¬
schaft
besteht,
warum Hokkaido erst spätjapa-nisiert
wurde und warum im Winter in Honshu mehr Menschen sterben als im Sommer. DieBeispiele
für die Auswirkungen des Klimas lassen sich be¬
liebig
vermehren. Das könnte zu einerUeberbe-wertung der Prägung durch das Klima
verleiten
und zu einem
einseitigen
geographischen Deter¬minismus
Deshalb sei abschliessend darauf hingewiesen,
dass
viele
Akzente Japans auch ganz anders ge¬deutet werden
sollten.
Die Prägung Japans durch die Geologie, durch Shintoismus und Buddhismus,durch die Ferne zu anderen
Industriezentren,
durch das Desaster des
verlorenen
Weltkriegesund andere Aspekte sind
ähnlich
berechtigt
und94
Literatur
ATLAS OF JAPAN,
Physical,
Economic andSocial,
Tokyo 1974
ELLENBERG, L.: The
periglacial
stage in Europe(especially
the Alps) and Japan-
acom-parison,
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tan
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1967WALTER, H. und LIETH, H.: Klimadiagramm
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1960Literaturbesprechungen
FLUECHTER,Winfried: Stadtplanung in Japan. Prob¬
lemhintergrund,
gegenwärtiger Stand,kritische
Bewertung.
Mitteilungen
desInstituts
für
Asien¬kunde, Nr. 97, 125 S., 6 Abb., 7 Tab., 9
Bilder,
Selbstverlag
desInstituts
für Asienkunde, Ham¬burg, 1978. DM
15,-Im
dichtbesiedelten
japanischenInselreich
(113 Mio. Einw./370 000 km2) sind raumordnendeMassnahmen eine
conditio
sine qua non, zumalsich 57 % der Bevölkerung auf nur 2,2 1 der Ge¬
samtfläche
konzentrieren
(1975). Abererst
mitder
Sensibilisierung
des Umweltbewusstseins seitEnde der 60er Jahr hat ein
Demokratisierungspro-zess
eingesetzt,
der nunallmählich
dasInteres¬
se an
öffentlichen
Angelegenheiten zu wecken be¬ginnt.
Mit dem Planungsgesetz von 1968(prakti¬
ziert
seit
1970) sind gewisseplanerische
Werk¬ zeuge geschaffen worden.Grösstes Hindernis für eine
fortschrittliche
Stadtplanung bedeutet heute das Fehlen einer
wirksamen Regionalplanung. Nach dem
Scheitern
der Tanaka-Konzeption ("Umgestaltung des japa¬
nischen
Archipels",
1972) hat der anhaltende Ballungsprozess die Probleme in denverstädter¬
ten Gebieten
weiter
verschärft.
Stadtplanungist
darum kaum mehr als Anpassungsplanung. Sie hat
bisher meist nur Tatbestände gutgeheissen. Pla¬
nerische
Tätigkeit
vermochtenicht
Konzepte zurealisieren
-
sie konnte nur Vorgängeillustrie¬
ren.Der Autor
stellt
vor allem geographische, d.h.raumwirksame
Teilbereiche
von Verstädterung undStadtplanung in den
Mittelpunkt.
Probleme wieFlächennutzung, Flächensicherung, Bebauungsbe¬
grenzung und
Planungskoordination
werden behan¬delt,
Grundstückstruktur
und Bauauflagen, Flä¬chenbenutzungsplanung,
städtische
Infrastruktur
Zentrumsbildung oderKoordination
vonStadt-
undRegionalplanung
dargestellt.
Die
Ineffizienz
der Stadtplanung wird in 7 Punk¬ten zusammengefasst:
-
Priorität
des Wirtschaftswachstums währendlanger Zeit
1 Grosse, ungebremste Bevölkerungsballungen
-
MangelndeDurchsetzungskraft
der Planungsorgane-
Unzureichenddetaillierte
Planungsziele-
Teils
zwielichtiger
Einfluss
grosserKapital¬
gesellschaften
-
Misstrauenprivater
Grundeigentümer-
Fehlen einer wirksamen Regionalplanung.Das Büchlein
ist
eine sehrkritische -
aber durchwegspositive -
Stellungnahme zu einer fastunlösbaren