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Die Hymnischen Stücke im Amosbuch

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Academic year: 2021

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Rainer Kessler**

Resumo: as três partes hínicas em Am 4,13; 5,8-9 e 9,5-6 se ligam ao texto profético mais

antigo. Elas ampliam as suas afirmações numa dimensão cósmica: a injustiça social, denunciada por Amós, ameaça a existência do cosmos. Somente Deus pode salvá-lo, caso as pessoas acolherem o anúncio do profeta.

Palavras-chave: Livro de Amós. Crítica Social. Hinos. Ecologia. Cosmos.

D

ass Amos der schärfste Kritiker sozialen Unrechts unter den Propheten des alten Israel ist, lässt sich nicht bestreiten. Unter den Monografien, die diesem Thema gewidmet sind, nimmt die deutschsprachige Dissertation von Haroldo Reimer aus dem Jahr 1992 bis heute einen herausragenden Platz ein (REIMER, 1992). Haroldo hat das Thema der Sozialkritik nie aufgegeben. Aber er hat es um ein weiteres zentrales ethisches Thema ergänzt, das Thema der Ökologie. Einige seiner Beiträge dazu hat er 2006 in einem Sammelband zusammenge-fasst (REIMER, 2006). Auf den folgenden Seiten möchte ich den Blick auf die hymnischen oder doxologischen Stücke im Amosbuch lenken und zeigen, dass mit ihnen die Sozialkritik des Amos in eine ökologische Perspektive gerückt wird. Damit grüße ich den lieben Freund und geschätzten Kollegen zu seinem Jubiläum.

DIE HYMNISCHEN STÜCKE IM AMOSBUCH*

–––––––––––––––––

* Recebido em: 09.11.2015. Aprovado em: 14.12.2015.N.d.E.: Tradução do resumo e das palavras-chave feitas por Ivoni Richter Reime

** Professor de Antigo Testamento na Faculdade de Teologia da Universidade de Marburgo/ Alemanha e Research Fellow na University of the Free State em Bloemfontein, África do Sul. E-mail: KesslerR@staff.uni-marburg.de

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DIE DREI HYMNENSTÜCKE IM AMOSBUCH

An drei Stellen sind im Amosbuch kurze Texte eingefügt, die sich stilistisch und inhalt-lich vom übrigen Text abheben und zugleich untereinander deutinhalt-liche Verwandt-schaft zeigen (4,13; 5,8f; 9,5f). Drei Elemente sind es, die die Texte abheben und untereinander verbinden: der Partizipialstil, der ein typisches Merkmal von Hymnen ist; ihr Inhalt, der nicht allein, nicht einmal überwiegend auf die Ge-sellschaft, sondern auf die Schöpfung und den Kosmos gerichtet ist; und das Element „Jhwh (der Gott der Heere) ist sein Name“.

In der kritischen Forschung besteht wenig Zweifel, dass diese Texte nicht auf den Pro-pheten Amos selbst zurückgehen. Sie gehören vielmehr einer späten, viel-leicht sogar der letzten Redaktion des Buches an. Ob die drei fraglichen Texte auf einen einzigen Hymnus zurückgehen, wie vermutet wurde, oder ob sich ihr Verfasser einfach bekannter hymnischer Aussagen bedient, kann hier nicht untersucht werden (vgl. CRÜSEMANN, 1969, S. 97-106).

Die Frage, der ich nachgehen will, ist eine doppelte. Zum einen frage ich, welchen Zusammenhang die eingefügten Stücke mit ihrem näheren Kontext haben. Zum andern möchte ich versuchen herauszufinden, wie sich durch diese Stücke die Lektüre des Amosbuches als ganzen verändert. Zunächst sind zur Annäherung an die erste Frage die Stücke als einzelne in den Blick zu nehmen.

Am 4,13

Der Text enthält vier Aussagen im Partizipialstil, die ich mit Buchstaben markiere:

Ja, siehe!

(a) Der die Berge bildet und den Wind schafft, (b) der den Menschen kundtut, was sein Plan ist, (c) der Morgenröte zu Dunkelheit macht

(d) und tritt auf die Höhen der Erde – Jhwh, Gott der Heere, ist sein Name.

Die vier Halbzeilen des Textes verbinden auf knappem Raum unterschiedliche Motive. (a) Zunächst ist von der Schöpfung die Rede, wobei der Parallelismus von „bil-den“ und „schaffen“ sonst nur noch bei Deuterojesaja begegnet (WOLFF, 1969, S. 263). (b) Die nächste Halbzeile spricht von Gottes Offenbarung an die Men-schen. (c) Dann folgt wieder eine Aussage, die sich auf den Kosmos bezieht. Aber es geht nicht um dessen Erschaffung, sondern um die Fähigkeit Gottes, in ihn einzugreifen, sodass aus Licht Finsternis wird. (d) Die letzte Halbzeile greift

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noch einmal ein neues Motiv auf, die Theophanie Gottes, wie die nächste, fast wörtliche Parallele in Mi 1,3b belegt.

Kommt man von der Lektüre von Kap. 1-4 zu unserer Stelle, findet man viele Motive in dem Hymnenstück wieder. (a) Wiederholt werden bestimmte Berge genannt: Zion und Karmel (1,2), der Berg oder die Berge von Samaria (3,9; 4,1) und der Hermon (4,3). Später im Buch stehen einmal der Berg von Samaria und der Zion in Parallele (6,1). Von Bergen in dieser Allgemeinheit spricht aber erst der Schluss (9,13). Die konkreten Berge werden in unserem Halbvers also ins Allgemeine gehoben. Ähnlich verhält es sich damit, dass Jhwh als Schöp-fer von Bergen und Wind „sowohl für das Beständige und Verläßliche … als auch für das Bewegte und Überraschende in dieser Welt … verantwortlich“ ist (JEREMIAS, 1995, S. 58). Hier wird das, was über ihn als Verursacher von Naturkatastrophen in 4,6-10 ausgesagt wurde, auf den Grund zurückgeführt, dass er Schöpfer und Herr der Elemente ist.

Auch der zweite Halbvers (b) enthält eine solcher Verallgemeinerung. In 3,1-8 sind die Israeliten angeredet, zu denen Jhwh seine Propheten schickt (3,1.7). Dies wird in 4,13 dahin verallgemeinert, dass er den Menschen (kollektives ’ādām) seinen Plan kundtut (JEREMIAS, 1995, S. 58f).

Die Aussage vom Verdunkeln der Morgenröte (c) bringt ein bedrohliches Element in den Text, wenn man sie so versteht, wie es in der Übersetzung oben zum Aus-druck kommt. Alternativ könnte man auch übersetzen: „der zur Morgenröte die geflügelte Sonnenscheibe macht„ (WHITLEY, 2015). Dann stünde der Vers in Parallele zum Element (a) und würde Jhwh als Schöpfer des täglichen Sonnen-lichts preisen. Das bedrohliche Moment käme dann noch nicht im Element (c), sondern erst in (d) in den Text hinein. So oder so zeigt die Zeile ein Phänomen, das für die Hymnenstücke kennzeichnend ist: Sie sind untereinander verkettet, in unserem Fall durch die Lichtsymbolik. Das nächste Hymnenstück in 5,8 variiert und erweitert die Aussage. Außerdem ist auf die Licht-Finsternis-Me-taphorik in Bezug auf den „Tag Jhwhs„ in 5,18.20 zu verweisen.

Mit dem letzten Halbvers (d) wird in knappen Worten das Motiv der Theophanie Jhwhs eingespielt. Für kundige Leserinnen und Leser klingt damit ein ganzer Motiv-komplex an, der wiederum eine Reihe von Aussagen im Amosbuch ins Allge-meine hebt. Es sind vor allem zwei Momente, die regelmäßig mit dem Auf-treten Jhwhs verbunden sind. Das eine ist das Beben der Berge, das andere das Ausgehen von Feuer von der Gottheit (Ri 5,4f; 2 Sam 22,8f = Ps 18,8f; Jes 43,19; 64,1; Hab 3,6; Ps 50,3; 68,3.9). Beides findet sich auch in Amos, das Beben in 1,1; 2,13 und das Feuer als Strafdrohung im Völkergedicht Am 1-2. Indem in Am 4,13 aus dem Theophaniekomplex das Treten auf die Höhen der Erde herausgegriffen wird, entsteht ein weiterer Effekt. Denn die „Höhen„ bezeichnen nicht nur das geografische Phänomen der Berge, sondern

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auch die Kulthöhen (KOCH, 1974, S. 509-513). Besonders deutlich wird der Zusammenhang in Mi 1,2-7, wo es zunächst mit denselben Worten wie in Am 4,13 heißt, Jhwh trete auf „die Höhen der Erde„, und dann „die Höhen„ in V. 5 auf Abgötterei in Jerusalem gedeutet werden. In Am 4,13 werden auf diese Weise die kritischen Worte gegen israelitische Heiligtümer (3,14; 4,4f; später im Buch dann 5,5; in 7,9 ausdrücklich als „Höhen Isaaks„ benannt) in die hymnischen Aussagen über Jhwh hineingenommen. Dass das freilich für alle Hymnenstücke gilt und diese insgesamt einer „Bethel-Interpretation der Jo-siazeit„ zugeschrieben werden müssten (so WOLFF, 1969, S. 135-137), geht zu weit.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass sich das erste Hymnenstück in Am 4,13 inhaltlich auf seinen Kontext bezieht. Dabei sind die semantischen Bezüge ganz schwach, nur die Berge und die Höhen haben Anhalt im übrigen Text. Der Grund dafür liegt im Wesen dieses kurzen Verses. Er hebt die konkreten Aussagen ins Allgemeine. Er unterlegt sie, überhöht sie, umfasst oder um-mantelt sie mit doxologischen Aussagen über Gott, in denen er als Schöpfer und Offenbarer gepriesen wird (a und b). Zugleich werden die konkreten, auf Israel bezogenen Kritiken und Bedrohungen des umstehenden Textes in eine kosmische und universale Perspektive gestellt (c und d).

Hat 4,13 also in gewisser Weise den ganzen Amostext im Blick, so ist der Anschluss an die unmittelbar davor stehende Einheit doch besonders eng. Das Kehrver-sgedicht 4,6-12 blickt in V. 6-11 zurück auf eine Folge von Katastrophen, die das angeredete Israel getroffen und doch nicht zu seiner Umkehr geführt ha-ben. Darauf folgt, „mit typischem ‚darum‘ eingeleitet, das schneidend scharfe Gerichtswort in V. 12„, das wohl besagt, „daß eine nochmalige Verweigerung der Umkehr den Tod der gesamten Gemeinde bedeuten würde„ (JEREMIAS, 1995, S. 54). Dazu soll sich Israel auf eine Begegnung mit seinem Gott vor-bereiten. Und genau daran schließt das Hymnenstück in V. 13 an, das mit „Ja, siehe!„ (wie Mi 1,3) eingeleitet wird.

Am 5,8f

Wieder lassen sich verschiedene Aussagen unterscheiden:

8 (a) Der Siebengestirn und Orion macht, (b) der Dunkelheit zum Morgen umstürzt und den Tag zur Nacht verfinstert, (c) der die Wasser des Meeres ruft und sie ausgießt über die Erde – Jhwh ist sein Name –

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9(d) der Verwüstung bringt über Starke,

sodass Verwüstung über Festungen kommt.

Die vier Partizipien nehmen das bedrohliche Element, in das 4,13 übergeht, auf. Sie prädizieren in sich steigernden Folge Jhwh als einen, der dynamisch in die Welt eingreift, sie damit bedroht und doch letztlich ihre Ordnung aufrecht er-hält. In der ersten Aussage von Jhwh als Schöpfer der Gestirne (a) geht es um mehr als nur um die Erschaffung der himmlischen Welt, die die der irdischen Welt, für die Berge und Wind stehen (4,13), ergänzt. Vielmehr legt der ba-bylonische Hintergrund nahe, dass hier Jhwh bewusst die Rolle Marduks als des Beherrschers des Siebengestirns übernimmt. Wer die Gestirne beherrscht, garantiert die Ordnung der Welt. Das Ende der Herrschaft über die Sterne wäre das Chaos (ALBANI, 1999).

Im Element (b) geht es wie in 4,13 wieder um Licht und Finsternis. Der Versteil spricht von mehr als dem natürlichen Wechsel von Tag und Nacht. Jhwh „stürzt kelheit zum Morgen um“ – ein Moment der Hoffnung für die, die in Dun-kelheit sind. Aber die Bewegung geht auch in die andere Richtung. In 8,9 wird mit demselben Verb „verfinstern“ eine Sonnenfinsternis angekündigt, in der alten Welt eine der bedrohlichsten Himmelserscheinungen überhaupt. Zu-gleich wird der Bezug zu den Aussagen über den Tag Jhwhs hergestellt, der Finsternis und nicht Licht ist (5,18.20).

Auch das dritte Element (c) bleibt im Bereich dessen, was wir heute als Natur be-zeichnen. Aber stärker noch als in der Licht-Finsternis-Metaphorik des vor-hergehenden Versteils enthält die Aussage über die Wasser des Meeres ein dynamisches Moment. Denn vielfach belegt ist die Vorstellung vom Meer als einer feindlichen Macht, die durch Gott gewaltsam im Zaum gehalten werden muss (Jes 50,2; Ps 89,10; Hi 26,12 u.ö.). Wenn in Am 5,8 Jhwh der ist, der die Wasser des Meeres über die Erde ausgießt, dann hat er das Meer längst be-zwungen. Er ist unbestrittener Herr auch über das Meer, wie in der letzten Vi-sion, wo er fähig ist, der Urschlange auf dem Meeresgrund zu befehlen (9,3). Aber er bedroht zugleich die Erde durch Gewitterstürme oder gar eine neue Sintflut. Im Übrigen ist darauf zu verweisen, dass der Versteil in 9,6 wörtlich wiederholt wird.

Das Element Am 5,9 (d) nimmt, getrennt durch die Worte „Jhwh ist sein Name“, den bedrohlichen Charakter von V. 8 auf, wendet ihn jetzt aber auf die gesell-schaftlichen Verhältnisse. Der Vers bezieht sich direkt auf den voranstehenden Text, doch auch hier so, dass das Konkrete verändert und ins Allgemeine ge-hoben wird. In 3,9-11 erscheinen in einer Bedrohung der samarischen Ober-schicht sowohl das Wort šôd („Verwüstung“) als auch die Wurzel āz („Stärke, der Starke“). Dort wird die „Verwüstung“ den Samariern zugeschrieben: Sie

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häufen Gewalt und Verwüstung in ihren Häusern auf, d.h. sie plündern die Armen gewaltsam aus. Nun ist es Jhwh selbst, der „Verwüstung“ bringt. Er bringt sie den Starken und den Festungen, nicht mehr nur wie in 3,9-11 der Stadt Samaria, sondern nun ausgeweitet als universales Handeln Jhwhs. Wie beim ersten Hymnenstück lässt sich zu 5,8f resümieren, dass das im übrigen Text

angelegte konkrete Handeln Jhwhs zu einer kosmischen und universalen Per-spektive erweitert wird. Anders als 4,13, das im Kontext als Abschluss von 4,6-12 zu stehen kommt, sprengt 5,8f die ursprüngliche Einheit von V.7+10 auf. Dabei schließt V. 8 stichwortmäßig an V. 7 an. Während die in V. 7 Be-schuldigten „das Recht in Wermut umstürzen“, ist nach V. 8 Jhwh der, „der Dunkelheit zum Morgen umstürzt“. Zugleich erhält die vielfach beschriebene konzentrische Struktur von 5,1-17 im Hymnus eine neue Mitte: A V. 1-3 – A‘ V. 16f Totenklage / B V. 4-6 – B‘ V. 14f Die Suche zum Leben / C V. 7 – C‘ V. 10f Sozialkritik (V. 13 ist ein weisheitlicher Kommentar) / D V. 8f der Hymnus als Zentrum.

Am 9,5f

Im letzten der hymnischen Stücke ist das erste Element (a) stark ausgeweitet. Von den vier Halbversen enthält nur der erste ein Partizip, während die übrigen drei mit finiten Verben die Folgen des göttlichen Handelns angeben.

5 Und Adonaj Jhwh der Heere –

(a) der die Erde berührt, dass sie wankt – und alle trauern, die sie bewohnen, sie steigt an insgesamt wie der Nil und sinkt wieder wie der Nil Ägyptens –;

6 (b) der im Himmel seine Stufen baut

und sein Gewölbe über der Erde gründet, (c) der die Wasser des Meeres ruft

und sie ausgießt über die Erde – Jhwh ist sein Name.

Die erste Aussage (a) spricht vom Wanken der Erde. Was in 4,13 nur indirekt durch das Theophaniemotiv zu assoziieren war, wird jetzt offen ausgesprochen. Das Beben, nach 1,1 und 2,13 in Israel geschehen bzw. für Israel angedroht, in 9,1 von den Schwellen eines israelitischen Jhwh-Heiligtums ausgesagt, wird jetzt zur universalen Bedrohung. Was in der hymnischen Tradition die Stimme Jhwhs hervorruft (Ps 46,7), wird hier auf sein „Berühren“ zurückgeführt. Die

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Folge wird in ein fast wörtliches Zitat aus 8,8 gekleidet. Dieser Vers schließt die Einheit 8,4-8 ab (eher als integraler Bestandteil, so Gese (1989), denn als Zusatz, wie die meisten vermuten). In 8,4-6 wird mit deutlichen Anklängen an 2,6-8 die Sozialkritik des Amos wiederholt. Die Strafansage bleibt dagegen ganz blass und spricht nur davon, Jhwh werde „ihre Taten“ nie vergessen. Wichtiger ist dem Text die Veranschaulichung des kommenden Verderbens. Sie besteht in der Trauer der Landesbewohner und dem Steigen und Fallen des Landes vergleichbar den Schwankungen des Nils. Selbst wenn āæræā in 8,8 noch mit „Land“ zu übersetzen ist (GESE, 1989, S. 62), weitet die Rede vom Steigen und Fallen die Vorstellung in kosmische Dimensionen aus. Genau dies nimmt 9,5 auf, wo nun āæræā eindeutig die Erde als Ganze meint. Sie steigt und fällt, und auch die Trauernden sind nicht mehr die Bewohner des Landes, sondern der Erde.

Der wankenden Erde wird im zweiten Element (b) die Festigkeit des himmlischen Heiligtums Jhwhs entgegengestellt. Die Stufen, die Jhwh im Himmel baut, dürften pars pro toto für seinen Thron stehen, zu dem üblicherweise Stufen hinaufführen (1 Kön 10,19f = 2 Chr 9,18f). Der Vorstellung des Verses liegt ein dreistufiges Weltbild zugrunde. So wie die Erde über den Wassern und Strömen des Urozeans „gegründet“ ist (Ps 24,2), so ist das himmlische Heilig-tum über der Erde „gegründet“. Wenn das irdische HeiligHeilig-tum erbebt, wie die voranstehende vierte Vision (9,1-4) sagt, wenn die Erde wankt, wie es im er-sten Element (a) unseres Hymnenstückes heißt, dann bleibt als fest gegründet einzig das himmlische Heiligtum Gottes.

Doch auch dies ist ambivalent. Es bedeutet Stabilität. Aber das himmlische Heiligtum ist auch der Ort, von dem aus Jhwh drohend eingreifen kann. Das sagt das letzte Element (c), eine wörtliche Wiederholung von 5,8b. Jhwh ist der Herr über die bedrohlichen Wasser des Meeres. Aber er kann sie auch nutzen, um der Erde eine neue Flut zu bringen.

Stärker als die anderen Hymnenstücke ist 9,5f mit seinem Kontext verbunden (PAAS, 2002, S. 259-261). Das liegt daran, dass in diesem Kontext ab 8,4 bereits die Ausweitung ins Universale und Kosmische, die die Hymnen charakterisiert, angelegt ist. Deshalb kann 9,5 den Schluss von 8,4-8 direkt zitierend über-nehmen. Auch die letzte Vision in 9,1-4 weitet das Geschehen, indem sie von einer (unmöglichen) Flucht hinauf in den Himmel und hinunter zum Mee-resgrund spricht. Schließlich bindet 9,5f mit dem Motiv des „Trauerns“ an den Eingangsvers des Amosbuches zurück. Denn wie in 9,5 die Erdenbe-wohner „trauern“, „trauern“ nach 1,2 die Weideplätze der Hirten, wenn Jhwh vom Zion brüllt. 1,2 und 9,5f legen somit eine Klammer um das Amosbuch (KOCH, 1974, S. 530-534 bezieht 1,2 in seine Untersuchung der hymnischen Abschnitte ein).

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Allerdings folgt auf 9,6 noch der Schluss des Amosbuches in 9,7-15. Dies leitet direkt zur zweiten der eingangs gestellten Fragen über, nämlich welche Funktion die Hymnenstücke im Amosbuch haben.

AMOS IN UNIVERSALER PERSPEKTIVE

So wenig wir über den historischen Propheten Amos im Einzelnen wissen, dürfte doch sicher sein, dass er im Nordreich Israel vor dessen Untergang 722 v.u.Z. ge-wirkt hat. Seine Kritik zielt auf die sozialen Missstände vor allem in Samaria (so ausdrücklich in der Sammlung 3,9 – 4,3) und den Kult der Nordreichsheili-gtümer, von denen Betel und Gilgal genannt werden (3,14; 4,4; 5,5). Das Ende des Nordreichs durch die assyrische Eroberung führt zum Nachdenken über dieses Geschehen, das wir konzentriert in 7,1 – 8,3 finden. Die erste Frage, auf die eine Antwort gesucht wird, ist: Wie kann es sein, dass die Armen und Elenden, die von der israelitischen Oberschicht ausgebeutet und unterdrückt wurden, nun erneut durch Jhwhs Strafgericht zu Opfern werden? Sie wird in den Visionen beantwortet. Jhwh wollte den „kleinen Jakob“, also die Geringen in Israel, verschonen (so im Anschluss an Schwantes, 2004, S. 31-39 und Rei-mer, 1992, S. 160-215). Doch die Übermacht der Vergehen der Oberschicht hat die Katastrophe, in deren Sog alle – auch die unschuldigen Opfer von einst – hineingezogen wurden, unausweichlich gemacht.

Allerdings bleibt eine Hoffnung – das ist die zweite Frage, die in 7,1 – 8,3 bearbeitet wird. Amos wird vom Priester Amazja aus Israel ausgewiesen und nach Juda geschickt. Indem der Priester zu ihm sagt: „Dort sollst du prophezeien!“, gibt er unbewusst die Richtung der Hoffnung an. Wenn nämlich Juda anders als Israel auf die Worte des Amos hört, ist Rettung möglich (STEINS, 2010, S. 94). Wenn aber Juda nicht hören würde, müsste das nicht nur zum Untergang Judas, sondern zu einer universalen Katastrophe führen. So sagen es 8,4 – 9,4. Ausdrücklich wird die Sozialkritik des Amos wiederholt. Aber die Folge der Missstände würde nicht nur ein Gemeinwesen treffen – in Am 2,6-16 das Nordreich Israel, jetzt Juda –, sondern hätte kosmische Auswirkungen (8,7f, vgl die Auslegung oben). Würden die Worte des Amos auch in Juda abge-wiesen, gäbe es einen Hunger nach Jhwhs Wort, der unstillbar wäre (8,11f). Indem Jhwh selbst sein irdisches Heiligtum zum Wanken brächte, wäre die Ordnung der Welt aufs äußerste gefährdet (9,1-4) (zur Begründung dieses Ver-ständnisses von Am 7-9 vgl. KESSLER, 2016).

Doch es kommt nicht zum Äußersten. Dies begründen die hymnischen Stücke, und dies entfaltet der Amosschluss in 9,7-15. Die hymnischen Stücke beziehen sich, wie wir gesehen haben, auf ihren Kontext. Sie spielen knapp an die Sozialkri-tik des älteren Textes an, besonders in 5,9 mit dem Motiv der „Verwüstung“,

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die Jhwh über die Starken bringt, und mit dem Stichwortanschluss von 5,8f an V. 7, wo vom „Umstürzen“ des Rechts die Rede war. Vor allem aber greifen sie die universalisierende Tendenz von 8,4 – 9,4 in 9,5f auf, sogar im direkten Zitat von 8,8. Aber das ist nur ihre Verankerung im Kontext. Zugleich nämlich überschreiten die hymnischen Stücke den Kontext, indem sie Jhwh als den Schöpfer der Welt und Beherrscher des Chaos preisen, dessen Heiligtum fest gegründet bleibt, selbst wenn der Kosmos zu wanken beginnt. Während der den Hymnen vorgegebene Text nur punktuell von einem Eingreifen Gottes spricht – er schickt Feuer (1,4 u.ö.), er zerschlägt Luxushäuser (3,15), er hat in der Vergangenheit eine Serie von Plagen verursacht (4,6-11) und so weiter –, wird in den Hymnen sein Handeln durch die Partizipien fundiert oder überhöht oder umfasst, wie immer man das ausdrücken will.

In ihrer Theologie (im Wortsinn als Aussagen über Gott verstanden) sind diese Stücke ambivalent. Viele Elemente haben einen strafenden oder drohenden Charak-ter. Er ist so ausgeprägt, dass man bisweilen die Funktion der hymnischen Elemente im Kontext auf ihren strafenden Charakter reduzieren wollte (FO-RESTI, 1981). Doch das wäre zu einseitig. Denn die hymnischen Stücke prei-sen zugleich Gott als den, der in allen drohenden Katastrophen der Schöpfer bleibt, welcher die Chaosmächte beherrscht und dessen himmlisches Heilig-tum fest gegründet ist. „Israels Gott kann sowohl erschaffen als auch zerstö-ren“ (GILLINGHAM, 1993, S. 115). So geben diese kurzen Texte nicht nur den Strafdrohungen, sondern auch der schwachen Hoffnung des Amostextes ein Fundament in Gott (MATHYS, 1994, S. 109).

Auf dieses Fundament gründet dann der Schluss des Buches. Es spricht Einiges da-für, dass zunächst die hymnischen Stücke in den Amostext eingefügt wurden und so einmal ein Amosbuch im Umfang von Am 1,1-9,6 entstand, bevor der Schluss in 9,7-16 dazu kam. Doch für die Frage nach der Funktion der hym-nischen Elemente spielt die diachrone Entstehung keine Rolle. Sie ändert sich nicht, wenn es umgekehrt war und zuerst der Schluss angefügt und erst danach die hymnischen Verse eingeschoben wurden. Sachlich jedenfalls ist es so, dass ohne die Rede von „Gottes völliger Freiheit in seinem Verhältnis zu der von ihm geschaffenen Ordnung“, die ihn sowohl als Zerstörer als auch als Versor-ger zeigt, „die Gerichtsankündigung keine Grundlage [hätte] und die Hinwei-se auf das Heil trivial [blieben]“ (GILLINGHAM, 1993, S. 121).

Der Schluss des Amosbuches unterstreicht die bleibende Erwählung Israels (9,7)1.

Kei-neswegs ersetzt er den drohenden und strafenden Gott des älteren Textes durch einen nur noch liebenden und vergebenden. Insofern greift eine Interpretation zu kurz, die meint, durch die als „Gerichtsdoxologien“ verstandenen Hymnen sei das Gericht Gottes nicht nur anerkannt, sondern das Strafhandeln Jhwhs damit zu einem Ende gekommen (HORST, 1961). Gott führt sein Gericht aus,

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aber es ist ein Gericht, in das nicht mehr alle hineingezogen werden. Es be-steht in der Ausrottung des „sündigen Königtums“ und der Vernichtung „aller Sünder in meinem Volk“ (9,8-10). Erst danach kann der Blick in die Zukunft gehen. Es ist eine strahlende Zukunft für die Bauern, deren Unterdrückung und Ausbeutung der ältere Amostext kritisiert hat (9,11-16).

Eine wesentliche Botschaft des Amosbuches in seiner Endgestalt einschließlich der hymnischen Stücke ist es, dass die gesellschaftlichen Verwerfungen, die in der Sozialkritik einschließlich der Kultkritik angesprochen werden, in direkten Zusammenhang mit den kosmischen Katastrophen gebracht werden, die die Hymnen für möglich, wenn auch nicht für unvermeidbar halten (VERMEY-LEN, 2013, S. 400-404). Ihr letzter Satz ist, dass Jhwh fähig ist, die Wasser des Meeres zu rufen und sie über die Erde auszugießen (9,6). Mit dieser Aus-sage können wir einen direkten Sprung ins 21. Jh. n. Chr. wagen. Wenn es heute nicht gelingt, die Erderwärmung zu begrenzen, werden tatsächlich in absehbarer Zeit die Wasser des Meeres zahlreiche Gegenden der Erde über-schwemmen. Wir führen das heute nicht auf das Handeln eines über der Erde thronenden Himmelsgottes zurück. Aber das Amosbuch sagt uns in der Spra-che und den Denkvorstellungen seiner Zeit, dass soziale Ungerechtigkeit und ökologische Katastrophen unmittelbar zusammenhängen. Und das ist auch heute noch richtig.

Der Weg, den Haroldo Reimer von seinen Arbeiten zur Sozialkritik der Propheten zu Fragen der Ökologie gegangen ist, ist ein Weg, der schon im Amosbuch vor-gezeichnet ist.

THE HYMNS IN THE BOOK OF AMOS

Abstract: the three hymns in Am 4:13; 5:8f and 9:5f are tied to the old text. What is said

there becomes expanded into a cosmic dimension: social injustice as Amos denounced by Amos threatens the existence of the cosmos. Only God can save it if humans accept the prophet‘s message.

Abstract: Book of Amos. Social Critique. Hymns. Ecology. Cosmos. Nota

1 Zu dieser Deutung des Verses vgl. Steins (2010, S. 105-115). Literatur

ALBANI, M. „Der das Siebengestirn und den Orion macht“ (Am 5,8). Zur Bedeutung der Plejaden in der israelitischen Religionsgeschichte. In: B. Janowski / M. Köckert (Hg.).

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