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Die macht des historiographen - Andronikos (I.) Komnenos und sein bild

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UDC: 321.17(495.02):929Š:94(495.02) )"/11" DOI:10.2298/ZRVI1148077G

MICHAEL GRUNBART

(Institut fur Byzantinistik und Neograzistik, Westfalische Wilhelms-Universitat Munster)

DIE MACHT DES HISTORIOGRAPHEN — ANDRONIKOS (I.)

KOMNENOS UND SEIN BILD

1

In der Vierzig-Martyrer-Kirche zu Konstantinopel existierte eine Darstellung des Andronikos Komnenos (Kaiser 1183–1185), welche zu unterschiedlichen Inter-pretationen fuhrte. Unter Berucksichtigung des Kontextes (Niketas Choniates) und einer Textstelle bei Nikolaos Mesarites wird die Szene als Kronung von Alexios II. durch seinen Beschutzer Andronikos gedeutet.

Schlusselworter: Kaiser, Kaiserbild, Kronung, Historiographie, Niketas

Choniates, Performanz

In the church of the Forty Martyrs at Constantinople Andronikos Komnenos (emperor 1183–1185) was depicted. The image led to various interpretations, but the historical sequence (based on Nicetas Choniates) and a passage written by Nicolas Mesarites offer another solution: Alexios II. was crowned by Andronikos, who per-formed as protector of the young emperor.

Key words: Emperor, imperial imagery, coronation, historiography, Nicetas Choniates, performance.

Im folgenden soll der Blick auf ein ikonographisches Problem gelenkt werden, das vor zehn Jahren die Fachwelt intensiv beschaftigte, dessen Losung aber noch nicht zu einem befriedigenden Ergebnis gekommen ist, da sich die Diskussion in Details verfing und der politische Kontext so gut wie gar nicht einbezogen wurde. Carolina Cupane und Rudolf Stichel untersuchten die Darstellung Kaiser

Andro-1Diese Arbeit steht in Zusammenhang mit dem Projekt B11 „Kaiser und Patriarch in Byzanz

— eine spannungsvolle Beziehung“, welches im Rahmen des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ an der Westfalischen Wilhelms-Universitat Munster durchgefuhrt wird. Vorgetragen wurde eine

Ver-sion auf der 23. Arbeitstagung der Deutschen Arbeitsgemeinschaft zur Forderung byzantinischer

(2)

nikos’ I. Komnenos an einer AuŸenmauer der Kirche der Vierzig Martyrer in Konstantinopel.2Das Bild ist nur anhand einer Passage in der Historiographie des Niketas Choniates zu rekonstruieren.3 Die Vierzig-Martyrer-Kirche lieŸ Andro-nikos wahrend seiner Regierungszeit renovieren und zu seiner Grabkirche ausbauen — ein in der mittelbyzantinischen Zeit ublicher Vorgang.4 Kaiser wurden in dieser Zeit nicht mehr generell in der Apostelkirche bestattet, sondern sie adaptierten ein Gotteshaus fur ihre Grablege;5 im vorliegenden Fall war die Vorsorge vergebens,6denn Andronikos wurde nach seineroffentlichen Exekution irgendwo verscharrt.7

Zuerst soll die Beschreibung der Darstellung Andronikos’ in der Historio-graphie Choniates’ wiedergegeben werden:

„Andronikos erschien weder in kaiserlichen Gewandern, noch wie ein Her-rscher in Gold gekleidet, sondern wie ein duldsamer Arbeiter, in blau-grun. Er trug ein beidseitig geschlitztes, bis zum GesaŸ reichendes Gewand und verbarg die FuŸe in weiŸen, kniehohen Stiefeln. In der Hand hielt er eine gekrummte, schwere, groŸe und machtige Sichel, deren Beugung einen wie eine schone Statue

2C. Cupane, Der Kaiser, sein Bild und dessen Interpret, edd.C. SodeS. Takacs, Novum Millennium. Studies on Byzantine History and Culture. Dedicated to Paul Speck 19 December 1999, Aldershot 1999, 65–79;R. H. W. Stichel, Ein byzantinischer Kaiser als Sensenmann? Kaiser An-dronikos I. Komnenos und die Kirche der 40 Martyrer in Konstantinopel, BZ 93 (2000) 586–608;

davor schonA. Eastmond, An Intentional Error? Imperial Art and „Mis“-Interpretation under Andro-nikos I Komnenos, The Art Bulletin 76 (1994) 502–510.

3Nach seiner Beseitigung wurde alle Bilder vernichtet unddamnatio memoriaebetrieben — s.

Fn. 6 — In numismatischer Hinsicht ist kein ikonographischer Bruch zu sehen, erst mit Isaakios II. Angelos kommen neue Motive ins Spiel. Zur Datierung der EreignisseE. Kislinger, Zur Chronologie der byzantinischen Thronwechsel 1180–1185, JOB 47 (1997) 195–198.

4Zur Kirche kurzW. Muller-Wiener, Bildlexikon zur Topographie Istanbuls, Tubingen 1977,

160; weitere Literatur G. Prinzing, Das Antonioskloster und der Xenon bei der Vierzig-Ma

rtyrer--Kirche in Konstantinopel: zum Pisaner-Privileg Isaaks II. von 1192, edd.B. Borkopp-Restle — Th. Steppan, Liqostrwton. Studien zur byzantinischen Kunst und Geschichte. Festschrift fur Marcell

Restle, Stuttgart 2000, S. 217–221.

5Ph. Grierson — C. A. Mango — I. [ev~enko, The Tombs and Obits of the Byzantine Empire

(337–1042), DOP 16 (1962) 1–63 sowie jetzt N. Asutay-Effenberger — A. Effenberger, Die Por-phyrsarkophage der ostromischen Kaiser: Versuch einer Bestandserfassung, Zeitbestimmung und

Zuordnung (Spatantike, fruhes Christentum, Byzanz B 15) Wiesbaden 2006.

6 Nicetae Choniatae historia ed. I. A. van Dieten (CFHB XI/1–2 — Series Berolinensis),

Berlin/New York 1975; 352, 2–7:ogaramemfhj,wjJeto,tapanta kaidikaiojIsaakioj ou kateneuse kaqaireqhnai kaitafVparadoqhnaiAndronikonhapenecqhnai ton toutou nekron eij ton twn agiwn tessarakonta newn, on Andronikoj epepoihse filotimwj kai lamproij hglaise kosmoij kai anaqhmasi perittoij katekallune kai en J ton tou swmatoj coun apoqhsaurisai proemhqeusato. „Denn der — wenigstens seiner eigenen Meinung nach — un-tadelige und gerechte Kaiser Isaakios erlaubte nicht, dass Andronikos bestattet werde oder dass man seinen Leichnam in der Kirche der Vierzig heiligen Martyrer beisetze, die Andronikos prunkvoll

ausgestattet und mit herrlichem Schmuck unduberreichen Weihegaben verschont hatte, auf dass in ihr

der Staub seines Korpers wurdig ruhe.“ — Wie zu allen Zeiten wollte man durch diese Aktion jegliche

Erinnerung und Erinnerungshandlung fur den Getoteten ausloschen.

7D. Jackel, „Und sein Bild wurde in der Stadt ausgetilgt“ — Zur Topographie und Funktion der

Kaisertotung im fruhbyzantinischen Reich, edd.L.-M. Gunther — M. Oberweis, Inszenierungen des

(3)

schonen und bis zum Halsansatz und zu den Schultern sichtbaren Jungling umschloŸ und gefangenhielt.“8

Diese Darstellung, bei der man grundsatzlich davon ausging, dass Andro-nikos als Kaiser prasentiert wurde, zog unterschiedliche Interpretationen nach sich, die hier nicht in extenso ausgebreitet werden sollen — ich nenne nur die wichtigsten:

— Missdeutung einer Kronungsszene9 — Beschutzerfunktion Andronikos’10 — Volksnahe des Andronikos11

— Motivik aus der Perseusgeschichte12

— Allegorische Darstellung (Tod als Sensenmann), wobei auch die Orakel-literatur herangezogen wird13

— Intendierte Irrefuhrung bzw. fehlgeleitete Interpretation durch den Em-pfanger/Rezipienten14

— Darstellung der Trennung der Seele vom toten Korper.15

Doch — um mit Carolina Cupane zu sprechen — „all diesen Versuchen gemeinsam ist der Umstand, dass sie nur jene Details hervorheben, welche die jeweilige Auslegung stutzen, ohne auf die Koharenz und Stimmigkeit der Ge-samtdarstellung zu achten.“16

Ein Punkt, der bei den meisten Interpretationsansatzen stutzig macht, ist, dass es nichts auszumachen scheint, dass eine kaiserliche Gestalt in der O

ffen-8 Nicetae Choniatae historia 332, 22–34:exwqen deperi taj arktJaj kai kat’agoran

tetrammenaj tou new pulaj epi megalou pinakoj anesthsen eauton, ouk estalmenon basilikwj oude crusoforounta wj anakta, alla tina polutlan ergatikon ek kalainou bafhj, endedumenon ampeconhn ej glouton amfiscidh katabainousan kai leukaij krhpisi peristellomenon touj podajanabainousaij eij gonata kaidrepanon perikampej kateconta tVceiri,briqukaimega kaistibaron,summarpton tJepiklineischmati kaisaghneuonentoj agalmatian meirakiskonewj faruggoj kaiwmwn profainomenon,ekeina diathj eikonoj touj parodeuontaj muwnatecnwj kaididaskwn sthlwn kaikurbewn paswnuyhloteron kaitiqeij toij boulomenoijupoyia,aper eicenepitwnergwnhnomhkwj,ton klhronomonapektonwj kai

thnarchnama kaithnakoitinekeinoueautJmnhsteusamenoj.Ubersetzung nachCupane, Der

Kaiser, 65–79 (n. 2).

9F. Grabler, Abenteurer auf dem Kaiserthron (Byzantinische Geschichtsschreiber VIII), Graz

1958, 275 œDies ist offensichtlich eine MiŸdeutung des Niketas (vielleicht auch Volksauslegung). Wahrscheinlich sollte das Bild die p. 343 geschilderte Szene der Kronung des Alexios darstellen.“

Darauf verweist auchEastmond,An Intentional Error, 503 (n. 2).

10Ch. Brand, Byzantium Confronts the West, 1180–1204. Cambridge, Mass. 1968, S. 50, dazu

G. Prinzingin seiner Rezension, BZ 63 (1970) 102.

11 O. Jurewicz, Andronikos I. Komnenos, Amsterdam 1970, 101–102. 12 Cupane, Der Kaiser, 70f. (n. 2).

13P. Karlin-Hayter, Le portrait d’Andronic I Comnene et les oracula Leonis Sapientis, BF 12

(1987) 103–115.

(4)

tlichkeit negativ konnotiert ja geradezu verunglimpft dargestellt wird — mir ist kein derartiges Bild bekannt. Ein Kaiserbild kann zwar mit unheilvollen Gegen-standen ausgestattet sein, aber diese dienen dazu, Respekt und Ehrfurcht zu trans-portieren.17

Das Munzbild des Kaisers Isaakios I. Komnenos (1057–1059) kann auch nicht ins Treffen gefuhrt werden: Der Kaiser steht mit erhobenem Schwert auf der Reversseite, was einen bedrohlichen Eindruck erwecken kann, doch ist es bloŸ der Umstand der Veranderung, der Abweichung von der Norm, was von den Zeit-genossen nicht positiv bewertet wurde.18

Kann der Verdacht, dass der Auftraggeber (Andronikos) und der Referent (Niketas) den Rezipienten beeinflussen oder gar verfuhren wollen, erhartet werden? Es muŸ hier nochmals festgehalten werden, dass Niketas — wie an anderen Stellen seines Geschichtswerkes — einen realen Gegenstand vor Augen hat, diesen aber selektiv beschreibt, den Betrachter/Leser/Rezeptor lenkt und fur seine Deutung vereinnahmt. In diese Richtung geht die Interpretation Antony Eastmonds, der aber seine Gedankenfuhrung nicht zu einem stringenten Ende bringt. Gerade bei Niketas ist Vorsicht geboten, da sich in seinem Geschichtswerk Fakten und Fikti-onen gerne vermischen.19

Rudolf Stichel stellt zwar die Frage, welches Publikum mit einer derartigen Darstellung angesprochen werden sollte und ob das kaiserliche Bild vom Markt-bereich oder von der an der Kirche vorbeifuhrenden HauptstraŸe her sichtbar war. Zeitgenossische Betrachtungsweisen zu rekonstruieren, ist schwer, doch die zweite Frage ist meiner Meinung nach sekundar, denn byzantinische Kaiserbilder sind oft versteckt angebracht worden; oft wird mit Blickachsen gespielt, wie das etwa in der Hagia Sophia der Fall ist, wo die beruhmten Kaisermosaike auf der Sudempore von einem Punkt aus, vom Kaiserlichen Tor aus zu sehen sind, sonst aber nur dann, wenn man unmittelbar davorsteht. Durch das imperiale Tor schritt normalerweise nur der Kaiser, die Mosaike konnten also nur von einem qualifizierten Betrachter wahrgenommen werden. Ein zweites Beispiel ist das Mosaik Kaiser Alexanders, welches allerdings nicht an prominenter Stelle zu finden ist.20

Ganz klar ist auch, dass Andronikos nicht als Kaiser in Ornat dargestellt war — das scheint sowohl dem Auftraggeber, also Andronikos, als auch dem Beschrei-ber Niketas wichtig zu sein. Moderne Interpretationen gehen immer davon aus, dass Andronikos hier Kaiser ist — doch ist hier Vorsicht geboten. Stichel schreibt

17P. Magdalino — R. Nelson, The Emperor in Byzantine Art of the Twelfth Century, BF 8

(1982) 123–183.

18 Zur DarstellungA. Kazhdan — A. Wharton Epstein, Change in Byzantine Culture in the

Eleventh and Twelfth Centuries, Berkeley 1985, 116.

19 Zur Darstellungsweise und der Faktizitat Choniates’ s.R.-J. Lilie, Niketas Choniates und

Ioannes Kinnamos, edd.S. Kotzabassi — L. Mavromatis, Realia Byzantina (Byzantinisches Archiv 22), Berlin u. a. 2009, 89–102.

20P. A. Underwood — E. J. W. Hawkins, The Mosaics of Hagia Sophia at Istanbul. The Portrait

(5)

zwar: „Keiner dieser Vorschlage versucht zu erklaren, warum Andronikos bei einer solchen Gelegenheit auf das ubliche kaiserliche Gewand verzichtet haben sol-lte“,21dochandert das nicht an seiner Pramisse, dass Andronikos schon als Auto-krator anzusehen ist.

Andronikos tragt weiŸe Stiefel, kein Purpur haftet an ihm — er erfullt nicht das Muster eines Usurpators, der sich purpurne Socken oder Stiefel anzieht!22Die unorthodoxe Abbildung verlangt nach einer Erklarung, da sie nicht eineAuŸerung des Selbstverstandnisses als Kaiser darstellt, sondern eine subtile Demonstration von etwas anderem sein muss.

Um die Interpretation auf neue FuŸe zu stellen, mochte ich kurz den Kon-text, also die Schritte des Andronikos wiederholen, die zu seiner eigenen Kronung und Kaiserwerdung fuhrten.23

Nach einem Leben voller Irrwege kann sich Andronikos, der sich verschla-gen wie Odysseus auffuhrt24— knapp ein Jahr vor dem Ableben Kaiser Manuels I. mit diesem versohnen und eine Statthalterschaft im Pontosgebiet antreten. Nach dem Tod des Kaisers (1180) geht er daran, sich dem Kaiserthron anzunahern. Er wahlt dabei einen gewaltlosen Weg und wartet noch knapp zwei Jahre, ehe er zum letzten Akt schreitet.

Als es soweit ist — in der Hauptstadt herrschen chaotische Zustande — empfangt er zunachst Wurdentrager der Stadt und den Patriarchen Theo-dosios Boradiotes in seinem Zelt im Lager Konstantinopel gegenuber auf der kleinasiatischen Seite liegend25

Als der Patriarch naht, tritt er aus seinem Zelt und wirft sich vor das Pferd des Patriarchen; Andronikos imitiert kaiserliches Verhalten, wie alle Umstehenden mitbekommen bzw. wie uns Niketas weis machen will; er tragt ein bis zu den Knien geschlitztes Kleid, aber keine auŸerlichen Kennzeichen der imperialen Wurde: Andronikos hat auch keine purpur-nen Socken an, was ihn als Usurpator ausweisen wurde.26

21 Stichel,Ein byzantinischer Kaiser, 596 (n. 2).

22W. Sickel, Das byzantinische Kronungsrecht bis zum 10. Jahrhundert, BZ 7 (1898) 511–557. 23Um den Artikel nicht aufzublahen, beschranke ich mich auf die Stellenangaben und zitiere

nur ausnahmsweise Passagen.

24 Nach wie vor existiert keine Untersuchung zur Odysseus-Motivik in Byzanz, wie dies

Thomas Zotz fur den lateinischen Westen vorgelegt hat Th. Zotz, Odysseus im Mittelalter? Zum

Stellenwert von List und Listigkeit in der Kultur des Adels, ed. H. von Senger, Die List (edition suhrkamp 2039), Frankfurt am Main 1999, 212–240. Nur am RandeN. Gaul, Andronikos Komnenos, Prinz Belthandros und der Zyklop: Zwei Glossen zu Niketas Choniates', BZ 96 (2003) 623–660.

25 Gesamtpassage Nicetae Choniatae historia 252, 70–253, 3.

26Nicetae Choniatae historia 252, 71–81. Dieser Akt wir genauer interpretiert vom Verfasser

(“Das Zunglein an der Waage? Die politische Funktion des Patriarchen in Byzanz“, Zwei Sonnen am

(6)

Andronikos schmeichelt dem Patriarchen „Retter des Kaisers“ zu sein27

Er setzt dann auf die europaische Seiteuber und lasst sich im Philopation, den kaiserlichen Jagdgrunden vor der Hauptstadt, nieder, wo es zu einer Begegnung mit dem jungen Alexios, vor dem Andronikos die Proskynese macht, und seiner Mutter Maria Xene, die er beachtet, kommt. Er fuhrt sich wiederum als Kaiser auf, denn normalerweise empfangt im Philopation der basileus28

Schlechtigkeit und Intrige beginnen einzusickern, obwohl Andronikos nach auŸen hin alles korrekt macht (Andronikos scheint das Handwerk des Ma-nipulators perfekt verstanden zu haben und tritt als Brandstifter im Kaiserpalast auf).29

Der Patriarch Theodosios Boradiotes wird aus seinem Amt gemobbt, ein gefugiger Nachfolger in Basileios Kamateros gefunden30

weitere Sauberungen finden in der stadtischen Aristokratie statt

dann setzte Andronikos einen weiteren klugen Schachzug: Er lasst Alexios zum Kaiser kronen,31 Andronikos tragt ihn auf seinen Schultern auf den Altar der Hagia Sophia — scheint wie ein Vater zu sein und eine starke Stutze des jungen Kaisers „er wertete ihn (vordergrundig) auf“, wie Ewald Kislinger bemerkt.32

Maria, die Mutter von Alexios, wird von ihrem Sohn getrennt, vertrieben und schlieŸlich getotet (6. September 1182)33

daraufhinubernahm Andronikos die Regierungsgeschafte und machte sich breit. „Ein Jahr war er Herr des Reiches ohne (Purpur)kleid und Kaiser-krone gewesen“, schreibt Niketas, genau bis zum 31. August 118334

Anfang September 1183 wird Andronikos zum zweiten Hauptkaiser

be-stimmt — der Senat drangt, Andronikos musse zum Kaiser ausgerufen werden, um innere Sicherheit wiederherzustellen –die beiden werden akklamiert mit „Alexios und Andronikos, die groŸen Kaiser und Herren der Rhomaer aus dem Hause der Komnenen, mogen viele Jahre leben!“35

27Nicetae Choniatae historia 252, 78–79 (swthra toubasilewjapokalwn).

28Nicetae Choniatae historia 254, 21–38. Das Philopation ist fur Begegnungen im sicheren

Vorfeld der Hauptstadtofters genutzt worden, vgl. M. Grunbart, Basileios II. und Bardas Skleros

versohnen sich, Millennium-Jahrbuch 5 (2008) 213–224.

29Nicetae Choniatae historia 257, 83–259, 36 (mit dem Bild des empedokleischen neikos). 30Nicetae Choniatae historia 261, 87–362, 6.

31 Nicetae Choniatae historia 264, 74–265, 76 „um seinen Falschheiten noch eine

hinzu-zufugen und sein wahres Wesen noch mehr zu verhullen, lieŸ er Alexios zum Kaiser kronen“: …

prostiqeij taij loipaij autoudolofrosunaij kaieteron toutropou prokalumma stefqhnai autokratora eishgeitai ton basileaAlexion.

32Kislinger, Zur Chronologie, 195 (n. 3). 33Nicetae Choniatae historia 269, 83–1. 34Kislinger, Zur Chronologie, 196 (n. 3).

35 Nicetae Choniatae historia 269, 2–270, 23. Die Akklamation: 270, 21–22:Alexiou kai

(7)

Andronikos straubt sich wieublich gegen die Einsetzung und wird einge-kleidet36

am Tag daraufanderte sich die Stimmung schnell zugunsten Andronikos’ und er wird im Blachernenpalast als Kaiser gefeiert und an erster Stelle ausgerufen37

dann Beseitigung des Alexios, kurz vor seinem 15. Geburtstag am 10(14.) September38

Soweit die Sequenz, wie man sie in der Geschichtsdarstellung des Niketas findet. Auffallig ist, dass sich Andronikos als Beschutzer in die Rolle des Kaiser-nachfolgers drangte, eine (offen) gewaltsame Machtergreifung lag ihm nicht; An-dronikos schmeichelte sich ein und usurpierte subtil die Kaiserwurde und lieŸ sich — auch das geschickt — zur Annahme der Krone drangen.39 Zur soteria An-dronikos’ hat Carolina Cupane ausfuhrlich Stellung genommen40— nachzutragen ist, dass Andronikos den Patriarchen Theodosios Boradiotes, den er in Kleinasien als letzten empfangt als swthr basilewj anspricht, eine geschickte Inversion oder Projektion eigener Vorstellungen.

Was will das Bild an der Kirchenmauer nun zeigen? Andronikos wollte sich nicht als Kaiser dargestellt wissen — er stellt sich als der dar, wie es Niketas zu zeichnen versucht: Er schutzt das Kaisertum, er hilft Alexios zum Kaiseramt, er stutzt ihn, er schultert ihn und kront ihn; damit kommt man in die Nahe der Inter-pretation von Franz Grabler.

Klar, Niketas farbt seine Beschreibung nicht gerade positiv ein, ergatikon wird als Kleid eines duldsamen Arbeiters oder vielduldenden Arbeitsmannesu ber-setzt — aber Niketas geht es dabei nicht um die Beschreibung eines Arbeiters, sondern er druckt hier wohl einen Gegensatz zu basilikos und chrysophorounta aus. Auffallig ist, dass eine ganzahnliche Beschreibung der Kleidung des Andro-nikos auch bei der genannten Begegnung mit dem Patriarchen noch jenseits der Hauptstadt zu finden ist: „Als Andronikos horte, dass der Hohepriester <also der Patriarch Theodosios Boradiotes> sich nahere, trat er sogleich zur BegruŸung aus seinem Zelt. Er trug ein veilchenfarbenes, geschlitztes Gewand aus iberischem Gewebe, welches bis zu den Knien hinabreichte und ihn bis zum Oberarm dicht einhullte, und sein Haupt war von einem rauchfarbenen, spitz zulaufenden Hut bedeckt.“41

36 Nicetae Choniatae historia 271, 51–56. 37 Nicetae Choniatae historia 271, 57–59. 38 Nicetae Choniatae historia 274, 12–20.

39 Das Verhalten, die Kaiserwurde zunachst zuruckzuweisen, laŸt sichofters feststellen. 40Cupane, Der Kaiser, 73 (n. 2).

(8)

Bleibt da noch das Wortdrepanon, an dem sich alles spieŸt oder zu spieŸen scheint. Rudolf Stichel schreibt: „… und hielt in den Handen <bei ihm wird aus cheiri ein Plural> eine Sense, oder eine Sichel, oder vielleicht auch ein gekru m-mtes Schwert, je nachdem wie man das Wort drepanon verstehen will.“42 Und Carolina Cupane: „Doch der gebildete Byzantiner verband mit dem Wortuber den landwirtschaftlichen Gebrauch hinaus auch eine Waffe — und er assoziierte damit biblische und mythologische Reminiszenzen.“43

Drepanon ist also primar ein Arbeitsinstrument, wird spater zum Symbol der Arbeiterschaft und gehort auch in den Werkzeugkoffer der Kaiserpropaganda — in den genannten Arbeiten wurde eine Reihe von Nachweisen zusammenge-stellt, die ich hier nicht auflisten mochte.

Doch ein Beleg ist ubersehen worden in der bisherigen Interpretation. Die Entdeckung ist dem Clusterprojekt in Munster geschuldet. Eine auŸergewohnliche Quelle fur das Verstandnis des byzantinischen Kaisertums ist Nikolaos Mesarites’ Palastrevolution des Johannes Komnenos, des Dicken, geschrieben nach 1204 — wieubrigens auch Niketas Choniates nach der lateinischen Eroberung sein Haupt-werk in Selymbria bzw. Nikaia fertigstellte.

Wie jeder Usurpator trachtete Johannes danach, gekront zu werden von geistlicher Hand. Er drangte in die Hagia Sophia, zum Altar, wo die Krone Kon-stantins hing. Ein armseliger Monch, der in der Kirche Unterschlupf gefunden hatte, gewahrt Johannes und seinen Anhangern Unterstutzung: „Auf das Zureden der Schurken hin streckte er ein sehr langes Rohr, das er zufallig trug, gegen die Aufhangevorrichtung, hob den Haltering samt der Krone ein wenig an, holte sie zu sich herunter und setzte sie auf das Haupt des ausgerufenen Kaisers“.44 Mesa-rites geht es in seiner Darstellung darum, die Schabigkeit des Verhaltens des Usurpators, des Meineidigen zu zeichnen.

Jetzt aber: „Wie soll man zu dieser Krone sagen? Wie konnte man sie be-zeichnen, wie benennen? Etwa: Sichel des Zacharias, die die Kopfe der Mei-neidigen abmaht? Oder: Im Himmel geschmiedetes Schwert? Oder soll man sie Feuer, Schwefel und niederfahrenden Sturmwind nennen, die jeden Eidesbrecher und Gesetzlosen in den Hades schleudern und verbrennen? Oder: Ungewitter, das die Hoffart des Abtrunnigen niederbrennt und zu RuŸ macht, das wie ein Wir-belwind ihm die Krone vom Haupt schleuderte, wie ein Erdbeben sein Haupt erschutterte?“45

42Stichel,Ein byzantinischer Kaiser, 586 (n. 2). 43Cupane,Der Kaiser, 69 (n. 2).

44A. Heisenberg, Nikolaos Mesarites. Die Palastrevolution des Johannes Komnenos

(Prog-ramm des k. alten Gymnasiums zu Wurzburg fur das Studienjahr 1906/1907), Wurzburg 1907, 22,

25–29:outoj ounagroikojwn kaiaponhroj toij newteristaijekeinoijandrasi proselhluqei, kaikalamonwjetuce ferwnapoteinomenonej makron taijupoqhmosunaij twnalastorwnepi

thj kremastrajaneteine kaiton krikon sun tVtainivupanekoufise kaiprojeauton kaqhke kaitVtouanagoreuomenou tauthnepeqhke kefalV.

45Ibid., 22, 29–36:tiproj touton ton stefanon eipV tij;tikailalhsei;tina touton kai

(9)

Die Stelle bei Mesarites wirft Licht in das Bedeutungsfeld von drepanon, es wird auch mit der Krone/Diadem assoziiert. Sicher ist das Bild ein anderes, das bei Mesarites verwendet wird, die Krone/Sichel fallt auf Johannes den Dicken herab, aber das tertium comparationis, die Gebogenheit des Objektes und das Umfassen des Hauptes sind deutlich und tragen zur Neulesung der Choniatesstelle bei.

Schluss

Die eingangs erwahnten Arbeiten suggerieren, dass Andronikos bereits Kai-ser im Bild war — das lasst sich nicht erharten. Auch dieubrigen Darstellungen in den Gebauden bei der 40-Martyrerkirche zeigen ihn als Nicht-Kaiser. Gehassig merkt Niketas an: „Da er nicht gut mit Gemalden oder Mosaiken seiner jungsten blutigen Taten die Wande verzieren konnte, erwahlte er Taten aus der Zeit vor seinem Kaisertum (ta pro thj basileiaj erga) und lieŸ Jagden zu RoŸ und Jagden mit Hunden darstellen …“46

Vielleicht kann man davon ausgehen, dass die Darstellung wahrend seiner einjahrigen Mitherrschaft entstand, was aber nicht erheblich ist. Wichtiger ist, dass Andronikos intendierte, sich nicht als Kaiser zu zeigen. Er wollte — seiner Verschlagenheit Tribut zollend — wieder einmal ein positivesImagezeichnen und nahm sich — Bescheidenheit vorschutzend — zuruck.47

Die Abfolge der Ereignisse, wie sie Niketas Choniates darlegt, macht das klar.

Wenn man beidrepanondie Bedeutungstephanos/tainiamitschwingen lasst, dann ist die Ikonographie auch zu losen. Andronikos kront ohne als Kaiser visua-lisiert zu werden den kleinen Alexios — das ist unerhort bzw ungesehen. Die Intentionen der Urheber von Bild und Text verleiten zu einem Irrtum.

LIST OF REFERENCES — LISTA REFERENCI

Primary Sources — Izvori

Nicetae Choniatae historia, ed.I. A. van Dieten(CFHBXI/1–2 — Series Berolinensis), Berlin / New York 1975.

Grabler F., Abenteurer auf dem Kaiserthron (Byzantinische GeschichtsschreiberVIII), Graz 1958. Heisenberg, A., Nikolaos Mesarites. Die Palastrevolution des Johannes Komnenos (Programm des k.

alten Gymnasiums zu Wurzburg fur das Studienjahr 1906/1907), Wurzburg 1907.

spaqhn;pur qeion kaipneuma kataigidoj panta katapimprwn kaikatagon eijvdhnepiorkon kaiparanomon;tufwna ton touapostatou tufon kataiqalounta kaikatakaionta;outoj oia tij lailay ton thj kefalhjexesfendonhse stefanon, outoj oiatij seismoj thn toutou ka-teseie kefalhn.

46Nicetae Choniatae historia 333, 45–60.

47 In diese Richtung formuliert auch R.-J. Lilie, Des Kaisers Macht und Ohnmacht. Zum

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Secondary Works — Literatura

Asutay-Effenberger N. — Effenberger A., Die Porphyrsarkophage der ostromischen Kaiser: Versuch

einer Bestandserfassung, Zeitbestimmung und Zuordnung (Spatantike, fruhes Christentum,

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Jackel D., „Und sein Bild wurde in der Stadt ausgetilgt“ — Zur Topographie und Funktion der

Kaisertotung im fruhbyzantinischen Reich, edd. L.-M. Gunther — M. Oberweis,

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Mihael Grinbart

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