Was hat die Kirche in Ausrichtung
ihrer Botschaft dem Staat zu sagen?
(Vortrag, gehalten auf der Theolog. Freizeit in São Leopoldo, Juli 1950). 1) Das Problem:
Es geht heute um eine neue B etätigung der V erantw ortung der Christengem einde in der Bürgergemeinde. In dieser E rkennt nis sind sich die Christen aller Länder in wachsendem Masse einig. Wir kom m en aus einer Zeit, in der S taat und Kirche in der geisti gen H altung der Christen und der Bürger stark voneinander getrennt, ja auseinandergerissen waren. Dieses geistige Klim a herrschte auch da vor, wo die Christengem einde offiziell noch ein Teil der Staatskirche war. Diese geistige H altung führte auf Seiten der Kirche zu einem Nachlassen der V erantw ortung gegenüber dem S taat und in der Folge zu einem m ehr und m ehr sich spiri- tualisierenden Randsiedlertum der Kirche neben dem S taat und abseits von demselben. Aus der verantw ortlichen Existenz der Christengem einde m itten in der Bürgergem einde wurde eine kaum noch wahrgenom m ene spiritualisierende Schattenexistenz der K ir che am Rande des Staates. Dieses Versagen der kirchlichen Ver antw ortlichkeit gegenüber dem S taat m achte sich zunächst be- m erklich in der im Verfolg der französischen Revolution gesche henen Proklam ierung der Eigengesetzlichkeit des Staates. Wir wollen hier die G ründe nicht untersuchen, die zu dieser Entwick lung führten. W ir wollen auch nicht des Näheren danach fragen, ob neben dem feudal-staatlichen nicht auch ein falscher kirch licher Absolutismus an dieser Entwicklung schuldhaft beteiligt gewesen sei. W ir wollen hier nur herausstellen, dass m it der Proklam ierung der Staatsidee der französischen Revolution die B etätigung der V erantw ortung der Christengem einde in der Bür gergemeinde zurückgedrängt w ar zu G unsten einer auf staatli chem Gebiet autonom sich betätigenden Bürgergemeinde. Schon
hier geschah dann das, was fatalerweise im m er geschehen muss, wenn das verantwortliche W irken der C hristen im Staatsbereich nachlässt; schon hier kam es dann zur w eltanschaulichen Unter- bauung der Eigenständigkeitserklärung des Staates. Auf der Grundlage des Offenbarungsersatzes eines divinisierten Vernunft- befriffes kam es unter Verwendung der drei G rundelem ente der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zur K onstituierung des autonom en Staates, der in seinem Begriff sozusagen die verant wortliche B etätigung der Christengem einde in der Bürgerge meinde ausklam m erte.
Bei der B egründung und Proklam ierung der C harta M agna der Vereinigten Staaten von Nordam erika h at m an auf diesen w eltanschaulichen U nterbau verzichten zu können geglaubt, obwohl m an auch hier die Bürgergemeinde ganz anders als bisher in die V erantw ortung für den S taat hineinstellen wollte. Sollte das darauf zurückzuführen sein, dass die Christengem einde dort
noch stärker ihre Verantw ortlichkeit m itten in der Bürger gemeinde und dass sie in dieser ihrer B etätigung von einer ver antw ortlichen Bürgergemeinde wirklich auch gehört wurde?
Wie dem auch sei, die Entwicklung ist inzwischen w eiterge gangen. Die w eltanschauliche U nterbauung des autonom en S taa tes zog weitere Kreise. Und je weiter diese Kreise wurden, um so m ehr form te sich der eigenständige und autonom e S taat um zum totalen Staat, der in den zwei seiner bisherigen Form en, im N a tionalsozialismus und im Bolschewismus, seine Tendenz zur totalen V erabsolutierung des Staates als der einzigen Potenz der W eltgeschichte zur E nthüllung brachte und bringt. W ir wollen dabei hier nicht untersuchen, inwiefern und inwieweit die natio nalsozialistische Hervorbringung des absoluten Staates persönlich bedingt war und also der V ergangenheit angehört und inwieweit die bolschewistische A usprägung ideell bedingt ist und darin bedrängende Gegenwart genannt zu werden verdient. W ir wollen nur noch anm erken, dass das W ort von der totalen Politik auch schon in anderen nicht totalitären Räum en gefallen ist. Und wir m öchten weiter darauf hinweisen, dass es bei der vorherrschenden anthropozentrischen Tendenz unserer Zeit auch in den nicht totalitären Räum m en im m er wieder leicht zu Entwicklungen kom men kann, die den S taat zu G renzüberschreitungen veranlassen und ihn in die Nähe des Staates bringen, wie er Apokalypse 13 geschildert ist.
Die praktische Folge dieser ganzen unheilvollen Entwick lung war, dass Gottesgesetz und Staatsgesetz, christlich verant wortliches Handeln und staatlich verantwortliches Handeln im m er weiter auseinanderfielen. So führte das Nachlassen der Ver antw ortlichkeit der Christengem einde in der Bürgergem einde dazu, dass das staatliche Gesetz von dem A nspruch der biblischen Botschaft her nicht m ehr seine klare Einordnung und Begrenzung erfuhr. Demgegenüber hatte die zunehm ende anthropozentrisch weltanschauliche U nterm auerung des staatlichen Handelns zur Folge, dass das positive Handeln des Staates sich m ehr und m ehr von dem ideologischen U nterbau des Staates her ausrichten oder sogar biegen liess. Wir kennen den verhängnisvollen national sozialistischen G rundsatz für das staatliche Handeln, der da lau tete: „Gut ist, was dem Volke n ützt.“ Und die W elt bekom m t es heute zu erfahren wie nach dem Prinzip gehandelt wird: G ut ist, was der D urchsetzung der im Bolschewismus verkörperten Idee des dialektischen M aterialism us nützt. Aber gegen diese Art von O pportunism us ist keine blosse Ideologie gefeit. Und wie sehr er in das Denken des anthropozentrisch ausgerichteten Menschen unserer Tage übergegangen ist, das können wir tausendfältig er fahren. Hier wandelt er sich zu der verheerend wirkenden Formel: Recht ist, was m ir nützt. Die katastrophalen Folgen dieses Rechts opportunism us, der die Sache oder das Ich an die Stelle des das m enschliche Recht bestim m en und begrenzen sollenden Gottes
anspruches stellt, sind die U nbrüderlichkeit und die Unm ensch lichkeit. Und die Opfer dieser Unm enschlichkeit zählen heute nach Millionen in aller Welt. W enn das auch in den sogenannten christlichen Nationen so weit h at kom m en können, dann nicht auch ohne das Versagen der Christengem einde m itten in der Bürgergemeinde, dann nicht ohne die Schuld der Kirche. Wir haben uns als Christengem einde schuldig gem acht, als wir in einem all zu bequemen und leidensscheuen spiritualisierten Rand- siedlertum den S taat seiner Eigenständigkeit und Eigensetzlich- keit und dam it seinen Ideologien und seinem Rechtsopportu nism us und einem daraus, resultierenden Handeln überliessen. W ir m üssen aus dieser V erantwortungslosigkeit gegenüber der Bürgergemeinde. Um die Gefahr, dass Beides auseinanderfällt, einig sind in der Christengemeinde. W ir können nicht so tun, als sei nichts geschehen in den letzten Jahrzehnten. W ir können uns nicht verhalten, als sei unsere V erantw ortungslosigkeit der Bürgergem einde gegenüber nicht gerichtet. W ir haben da um zu kehren und einen neuen Anfang in aller Bescheidenheit, aber doch auch in aller Konsequenz und Beständigkeit zu versuchen. Wir stim m en dem zu, wenn Bischof W urm darauf hingewiesen hat, dass wir in der M itverantw ortung dafür zu stehen haben, dass es Staatsgesetz ohne die von der kirchlichen Botschaft aus
zurichtende Bestim m ung und Begrenzung desselben durch den G ottesanspruch des Evangeliums nicht m ehr geben darf in der Bürgergemeinde. Um die Gefahr, dass Beides auseinanderfällt, geht es aber nicht nur drüben, sondern auch hier. Deshalb geht es aber hier auch um dieselbe Um kehr wie drüben. W ir wissen durchaus aus unserer V ergangenheit heraus etwas von jenem spiritualisierten Randsiedlertum , in dem wir w eithin am Rande unseres staatlichen Raum es unserer besonderen Kirchenideologie lebten. Als wir dann aus diesem unserem Sonderdasein durch das bekannte Verbot des Gebrauchs der deutschen Sprache in G ottes dienst und Predigt durch eine dam it nun allerdings vollzogene G renzüberschreitung unseres Staates sehr konkret an den beson deren Raum der Bürgergemeinde erinnert wurden, in dem wir Christengem einde zu sein haben, da hatten wir damals, wohl wegen unseres bis dahin einseitig gepflogenen Sonderdaseins am Rande dieses Staates, nicht das gute Gewissen und auch nicht die W eisheit und Entschlossenheit, dem S taat als Christenge meinde gemeinsam und in einfachen nüchternen W orten zu sagen, bis zu welchem Punkt wir seinen A nspruch als zu Recht bestehend anzuerkennen willens seien und von wo an eine Grenz überschreitung des Staates in den Raum der Christengem einde hinein vorliege, der gegenüber wir faktisch und konkret Gott m ehr zu gehorchen gedächten als den Menschen. Angesichts dieses unseres konkreten Versagens geht es auch bei uns darum Busse zu tun. Die B etätigung dieser Busse besteht darin, dass wir als Gemeinde Jesu Christi, unsere V erantw ortung in der Bürger gemeinde und in der O rganisationsform derselben, im Staat, klar
erkennen vom Gotteszuspruch und Anspruch des Evangeliums her und dann auch entsprechend betätigen.
2. Die Lösung des Problems.
Die Einsicht in die Notwendigkeit einer neuen Erkenntnis und B etätigung der Verantw ortlichkeit der Kirche in den staat lichen Raum hinein ist aufs Grosse und Ganze gesehen wohl unbestritten in der heutigen Theologie und Kirche. Schwieriger gestalten sich die Dinge, wenn nach dem theologischen O rt und also nach dem A nsatzpunkt dieser Erneuerung gefragt wird. Bei der Antwort auf die Frage nach dem theologischen O rt einer neuen Erkenntnis und Betätigung der V erantw ortung der Chri stengem einde sind einheitliche und abgeschlossene Ergebnisse noch nicht vorzulegen. Die Dinge sind hier im theologischen Ge spräch unserer Tage noch zu sehr im Fluss. Nur soviel lässt sich sagen: die kirchliche Bem ühung um die Neuerfassung des theo logischen Ortes der V erantw ortung der Christengem einde im Staate vollzieht sich in der kontinentalen Theologie Europas nicht in Parallele zur angelsächsischen Theologie, die hier zu sehr in der G efahr ist, U nterscheidungen zwischen dem kirchlichen und staatlichen Aspekt zu übersehen und in zu unbeküm m erter Weise Gleichungen vorzunehm en. Sie vollzieht sich vielm ehr in eng stem Zusam m enhang m it dem W iederbeginn einer Erneuerunge arbeit in Kirche und Theologie, wie sie der Kirche der Reform a tion in D eutschland und darüber hinaus in Europa m itten in der Krisis kirchlichen und staatlichen Handelns geschenkt worden ist. Man lernt es heute wieder m ehr und m ehr verstehen, dass der Begriff der Reform ation in der reform atorischen Kirche all zu lange Zeit statisch gefasst worden ist, w ährend er von den Refor m atoren selbst dynam isch verstanden wurde. Keiner der Refor m atoren ist je auf den Gedanken gekommen, dass der Freiheit des W ortes Gottes zur Hervorbringung tieferer u. erw eiterter Er kenntnis der einen W ahrheit des gnädigen Herrseins Christi über Kirche und W elt m it ihrer Erkenntnis und ihrem W irken ein Ende gesetzt sei in der Kirche. Sie selbst haben sich zeitlebens als Schüler dieses einen W ortes Gottes verstanden und sie wollten nur, dass dieses eine W ort Gottes und seine Dynam ik — nicht eine menschliche, das W ort Gottes bestim m t verfälschende Dynam ik — Herr bleibe in der Kirche. Luther h at das bekanntlich m it den starken W orten zum Ausdruck gebracht, dass er lieber wolle, dass alle seine Schriften verbrannt würden, ehe sich einer durch dieselben vom Studium der Heiligen Schrift abhalten liesse. Wir beginnen uns langsam wieder zu lösen von dem statischen Miss verständnis der Reform ation und wir kom m en von dem reform a torischen V erständnis der dynam ischen Freiheit des W ortes Gottes her zu der Erkenntnis der Notwendigkeit einer Erneuerung der Verkündigung, der Theologie und des Handelns der Kirche der Reform ation und zu einer von daher uns geschenkt werdenden Reform ation der reform atorischen Kirchen.
W enn der hessische Theologe Vilmar in prophetischer Vor aussage davon gesprochen hat, dass eine totale Bedrohung der Kirche zusam m enfallen könne m it einem durch Gottes Geist und W ort selbst herbeigeführten besseren Verständnis dessen, was Kirche sei, dann ist es durchaus möglich, dass die in dem Ereignis der Erneuerung der Kirche heute sich anbahnende Verwirkli chung der Vilm arschen Aussage sich auswirken kann in einer besse ren Erkenntnis und B etätigung der Verantw ortlichkeit der C hri stengem einde in der Bürgergemeinde.
Karl Barth war es, der in seiner Schrift: „R echtfertigung und
R echt“ die Feststellung getroffen hat, dass wir uns vielleicht bei der B eantw ortung der Frage nach der V erantw ortung der Chri stengem einde in der Bürgergemeinde von der Schrift her über die von den Reform atoren gegebenen A ntworten hinausführen lassen m üssten. Es fehlt ihm sowohl bei L uther in seiner Lehre von den zwei Regim enten oder Reichen, als auch bei Calvin in seiner Lehre von der bürgerlichen Ordnung die klare Inbeziehung setzung ihrer Lehren über den S taat zum Raum der R echtferti gung und dam it zum Regnum Christi. Nach B arth reden die Reform atoren, wenn sie die Lehre vom S taat vortragen, in einer gewissen Distanz vom Raum der Rechtfertigung und vom Reg num Christi. Es fehlt ihm bei den Reform atoren die christozentri- sche Beziehung der Lehre vom S taat auf den Raum der R echt fertigung. Er selbst versucht dann in seiner oben genannten Schrift auf dem Wege über die beiden Begriffe Rechtfertigung und Recht zu einer Zusam m enordnung von Kirche und Staat, Gesetz und Evangelium zu kommen, die eine christologische oder besser christozentrische Begründung der kirchlichen Lehre vom S taat erm öglichen soll. Jedenfalls geht es B arth darum , dass wir uns in einer neuen Auslegung der biblischen Lehre vom S taat in der Richtung einer christozentrischen Auslegung dieser Lehre bewegen. Er findet darin Gefolgschaft von anderen zeitgenös sischen Theologen.
Aber auch da, wo m an in einer Neubesinnung auf die refor- m atorische Position hinsichtlich der Lehre vom S taat B arth in seinem Urteil nicht folgen zu können m eint, ist m an um eine neue H erausstellung der biblischen Lehre vom S taat in gegen wartsbezogener Weise bem üht. Dabei ist m an sich auf beiden Seiten darüber klar, dass es ein Zurückfallen in die scholastische Position des Statuierens des Reiches der N atur als einer Vorstufe des Reiches der Gnade und des Postulierens des Reiches der Gnade als der Vervollkommungsstufe des Reiches der N atur nicht geben kann. Und weil es sie nicht geben kann, deshalb gibt es für die evangelische Theologie reform atorischer G eprägtheit auch nicht die auf dieser Voraussetzung fussende und nach dem thom isti- schen U nitätsprinzip gestaltete Lehre von der Überordnung der Kirche über den Staat. Es gibt auch kein Zurück zu dieser offi ziellen Lehre der katholischen Kirche. Denn wir können bei einer biblischen Lehre vom S taat nicht ausgehen von einer Kom bina
tion theologischer Erkenntnisse m it philosophischen Prinzipien, wie sie in der offiziellen katholischen Theologie sich uns darbietet. Wir können vielmehr nur von dem einen A nsatzpunkt der freien Dynam ik des einen W ortes Gottes ausgehen, das die rechten Seinszusam m enhänge schafft und bezeichnet. W ir tu n nur gut, uns diese oben genannten B egründungszusam m enhänge der lei denschaftlich bejahten V erantw ortung der katholischen Kirche in den staatlichen Raum hinein in das Gedächtnis zurückzurufen, nachdem vor etwa einem halben Jah r durch ein päpstliches Offi zium bekannt geworden ist, dass eine Zusam m enarbeit der katho lischen Kirche m it den Gliedern anderer Konfessionen auf dem Boden des N aturrechtes möglich sei. Wir erinnern hier noch ein m al daran, dass hier bei aller W illigkeit zur Zusam m enarbeit der auf der katholischen Lehre von N atur und Gnade beruhende Überordnungs- und H errschaftsanspruch derselben Kirche nicht aufgegeben ist.
L uther h at dem thom istischen U nitätsprinzip gegenüber m it seiner Lehre von den zwei Regim enten zunächst den Unterschied von S taat und Kirche betont. Er ist dabei für ein gleichberech tigtes N ebeneinandergeordnetsein von S taat und Kirche einge treten. Diese Unterscheidung beider voneinander und dieses gleich berechtigte Nebeneinander beider bedeutet aber für Luther nicht Scheidung. Es sollen sich deshalb diejenigen, die für ein absolutes Auseinanderreissen der geistlichen und der weltlichen Sphäre sind, nicht allzu früh auf Luther berufen. Und m an soll nicht all zu voreilig Luther dafür verantw ortlich m achen, wenn es zu einem allzu schnellen Erlahm en der B etätigung der Verantw ortlichkeit der evangelischen Christengem einde in der Bürgergem einde ge kom m en ist. Einer der neueren schwedischen Lutherforscher, G ustaf Törnvall, h at uns in seiner lesenswerten Schrift: „Geist liches und weltliches Regim ent bei L uther“, gezeigt, wie es Luther in seiner Regim entenlehre darum ging, bei aller U nterscheidung von Staat und Kirche doch auch zugleich zu einer echten Zuord nung beider zueinander zu kommen. G ott regiert, so ist es die M einung Luthers nach Törnvall, in der Christengem einde durch sein Wort. Das geschieht so, dass Regim ent und W ort beziehungs weise Regim ent und Verkündigung des W ortes und also Predigt zusam m enfallen und sich decken. D anach besteht die Regim ents ausübung Gottes in seiner Kirche in der W ortverkündigung, die in der K raft des Geistes Gottes die Gemeinde schafft. Dieses G ottes regim ent des W ortes Gottes ergeht in der Gemeinde als im Bei einandersein unter dem regierenden W ort Gottes, es geht aber zugleich über das weltliche Regim ent und alle Stände hinweg. G ott regiert aber ebenso, so ist es nach Törnvall L uthers M einung, in der Bürgergemeinde. Er regiert in ihr durch die Anordung des Staates, durch das durch den S taat zu verwaltende und durch staatliche M achtanw endung zu schützende Gesetz. Luther kann dabei das Regieren Gottes durchs W ort sein Regieren m it dem rechten Arm und sein Regieren durch die Anordnung, Rechts
und G ewaltordnung des Staates sein Leiten m it dem linken Arm nennen. So sind bei Luther nach Törnvall S taat und Kirche bei aller U nterscheidung voneinander darin in ursprünglicher Weise einander zugeordnet, dass sie beide, wenn auch in zweierlei Weise, von G ott regiert werden. Der theologische O rt für diese Zusam m enordnung von Kirche und S taat ist die nach Törnvalls L uther verständnis für Luther charakteristische Zusam m enschau von Göttlichem und Geschaffenem. Dabei ist der ontische Realgrund für diese Zusam m enschau von G ott und Schöpfung durchaus Christus als das W ort, durch das nach Johannes 1, 3 alle Dinge gem acht sind. Das bedeutet, dass die Zusam m enschau von G ott und Schöpfung zugleich eine Zusam m enschau von Christus und der Schöpfung ist.
Christus, der uns G ott als den Vater erkennen lehrt, ist nach Luther zugleich der Realgrund der Schöpfung. Ebenso lehren die reform ierten Väter im Heidelberger Katechism us, dass Gott, als der Vater Jesu Christi, zugleich Schöpfer Himmels und der Erde sei. Von hier aus ist es nur ein kleiner Schritt, C hristus nicht nu r als R ealgrund der Zusam m enschau von Schöpfer und Ge schöpf zu verstehen, sondern ihn auch den Erkenntnisgrund sowohl für die rechte Zusam m enordnung und Unterscheidung von Schöpfer und Geschöpf als auch für die rechte Erkenntnis des Schöpfers und des Geschöpfs sein zu lassen. Diesen Schritt aber scheinen die Reform atoren in präziser Weise nicht getan zu haben. Törnvall m acht uns darauf aufm erksam , dass Luther, wenn er von der Zusam m enordnung von Schöpfer und Geschöpf spricht, auf Christus als den Realgrund der Schöpfung hinweist, dass "er jedoch, wenn er von der U nterscheidung beider rede, von der U nterschiedenheit von Schöpfungs- und Erlösungsglauben bezie hungsweise von justitia christiana und justitia civilis ausgehe und zwar so, dass, wörtlich: „Luther die Notwendigkeit einer Reduk tion des Schöpfungsglaubens auf den Erlösungsglauben nicht kennt“. W ir wollen hier nicht untersuchen, ob Törnvall an diesem wichtigen Schnittpunkt die Auffassung Luther richtig wieder gegeben hat. Das würde uns zu weit führen. W ir wollen uns nur in unserem heutigen Suchen nach dem theologischen O rt einer neuen Verantw ortlichkeit der Christengem einde in der Bürger gemeinde von den Reform atoren dazu einladen lassen, von ihrem eigenen richtigen A nsatzpunkt aus einen Schritt weiter zu schrei ten. Das würde praktisch bedeuten, dass wir von Christus als dem ontischen Realgrund der Schöpfung weiterschreiten zu Christus als dem Erkenntnisgrund nicht nur des Schöpfers und der Schöp fung, sondern auch der Zusam m enordnung und U nterscheidung von Schöpfer und Geschöpf, von geistlichem und weltlichem Re gim ent, und dass wir uns so die V erantw ortung der Christenge meinde in der Bürgergem einde erneut konkret bestim m en lassen. Wo m an allerdings heute der M einung ist, dass die reform atorische Position vollinhaltlich die konkrete Verantw ortlichkeit der Chri stengem einde in der Bürgergemeinde bestimme, da wird m an
versuchen müssen, den Nachweis zu erbringen, dass schon für die reform atorische Position Christus nicht nur der Real-, sondern auch der Erkenntnisgrund der Schöpfung ist. Wo aber so heute Christus als der Seins- und Erkenntnisgrund für eine rechte Ver hältnisbestim m ung von Schöpfer und Geschöpf verstanden worden ist, da ist auch der rechte theologische O rt gefunden für eine konkrete V erantw ortung der Kirche im Rahm en des Staates. Von diesem A nsatzpunk her werden dann Christen- und Bürger gemeinde als der engere und weitere Kreis um das Zentrum Chri stus herum verstanden und in ihrer Zusam m enordnung zueinan der und Unterscheidung voneinander bestim m t und begrenzt.
3. Welches ist nun der Inhalt der Verantwortung der Christen gemeinde in der Bürgergemeinde?
Bei der inhaltlichen D arlegung der V erantw ortung der Chri stengem einde im Rahm en der Bürgergem einde geht es nun zu nächst um die rechte Zuordnung sowohl der Kirche als auch des Staates und der durch ihn repräsentierten Bürgergem einde zu Christus und seinem Regnum. Bei der Kirche ist diese Zuordnung vollinhaltlich dadurch gegeben, dass sie im Zeugnis der Schrift als der irdische Leib des him m lischen H auptes Christus verstan den wird. Aber auch die Zuordnung des Staates und der von ihm organisierten Bürgergem einde zum Regnum Christi ist da in der Schrift. Wir lesen das sowohl in Römer 13 als auch im ersten K apitel des Kolosserbriefes. In Römer 13 wird bekanntlich der S taat Liturg Gottes genannt. Nach Römer 13 ist der S taat Diener des Gottes, der sich uns als G ott und Vater Jesu Christi in Chri stus zu erkennen gegeben hat. Dieser Christus aber, der uns G ott als Vater erkennen lehrt, ist nach Kol. 1, 15 zugleich „das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene von allen K reaturen. Denn durch ihn ist alles geschaffen, was im Himmel und auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, es seien Throne oder H errschaften oder Fürstentüm er oder Obrigkeiten; es ist alles durch ihn und zu ihm geschaffen. Und er ist in allem, und es besteht alles in ihm. Und er ist das H aupt des Leibes, näm lich der Gemeinde, er welcher ist der Anfang und der Erstgeborene aus den Toten, auf dass er in allen Dingen den Vorrang habe.“ Und K apitel 2 Vers 9 folgende: „Denn in ihm wohnt die ganze Fülle der G ottheit leibhaftig. Und ihr seid vollkommen in ihm, welcher ist das H aupt aller Fürstentüm er und Obrigkeiten. In welchem ihr beschnitten seid durch Ablegung des sündlichen Fleisches im Fleisch, indem ihr durch ihn begraben seid in der Taufe, in welchem ihr auch seid auferstanden durch den Glauben, den G ott wirkt, welcher ihn h at auferweckt von den Toten. Und h at ausgetilgt die H andschrift, die wider uns war und h at sie aus der M itte getan und ans Krauz geheftet. Und h at ausge zogen die Fürstentüm er und Gewaltigen und sie schaugetragen öffentlich und einen Trium ph gem acht aus ihnen selbst.“ In kla reren und stärkeren W orten als es hier geschehen ist, kann wohl
kaum zum Ausdruck gebracht werden, dass Christus das H aupt der Gemeinde und zugleich der Herr der Schöpfung ist, die beide seinem souveränen Regnum unterstehen. Dieses Regnum h at er dadurch aufgerichtet, dass er den W iderspruch des Geschöpfs gegen den gnädigen Bundeswillens des allm ächtigen Vaters und Schöpfers in seiner Person nicht nur nicht m itm achte, sondern dass er diesen W iderspruch an sich selbst ertrug und als das Lamm, das der W elt Sünde trägt, hinw egtrug, um an die Stelle dieses W iderspruchs sein eigenes und ungeteiltes Ja zu dem B un deswillen Gottes m it der Schöpfung zu setzen. Und gerade eben wegen dieses ungeteilten Ja seines Glaubens und Gehorsam s zum Bundesverhältnis m it Gott, in dem er alle T rennung des Men schen von G ott in den Tod gab, h at Gott ihn auferweckt, um in ihm das Regnum aufzurichten, in dem aller W iderspruch der Fürstentüm er und Gewalten besiegt und in dem die Schöpfung neu dem gnädigen Bundeswillen Gottes zugeordnet ist. Was nun nur noch aussteht, ist die Verheissung, dass Christus, als der in Herrlichkeit W iederkommende, diese Erlösung der Schöpfung vom W iderspruch gegen G ott zum Bundesverhältnis m it ihm allen kundtun wird. Von diesem durch Christus errungenen Sieg her kommen beide, die Christen- und die Bürgergemeinde. Auf die K undm achung dieses Sieges hin schreiten beide durch alle Höhen und Tiefen, durch alle Erfolge und K atastrophen der W eltge schichte hindurch in die Zukunft hinein. Dabei besteht nur ein Unterschied zwischen Christen- und Bürgergemeinde, ein U nter schied, der uns nun auch veranlasst von einer realen Unterschei dung von Christen- und Bürgergemeinde zu reden und zwar zu reden vom Regnum Christi her, von dem her Kirche und Staat in rechter Weise zusam m engeordnet aber auch unterschieden sind.
Der Unterschied ist der folgende: In der Christengem einde weiss m an um den schon errungenen und in der W iederkunft Christi sichtbar werdenden Sieg des Regnum s Christi über den W iderspruch des Geschöpfs gegen den gnädigen Bundeswillen Gottes. Der C hrist weiss seinen eigenen W iderspruch gegen den Bundeswillen Gottes m it ihm im Kreuz Christi dahingegeben. Er weiss sich aber zugleich durch den auferweckten lebendigen H errn zum Glauben an das durch ihn wieder hergestellte Bundesverhält nis m it G ott erweckt. In der Bürgergemeinde hingegen weiss m an weder von dem schon errungenen Sieg Christi über unsern W ider
spruch gegen G ott etwas, noch erhofft m an den in der Parousie für alle sichtbar werdenden Sieg Christi. In der Bürgergem einde weiss m an auch nichts von dem in Christus geschehenen Gerich tetsein unseres Unglaubens und Ungehorsams, noch glaubt m an die in ihm geschehene Versöhnung m it Gott. In der C hristen gemeinde verstehet m an es, wenn geschrieben steht: ,,Ihr seid vollkommen“, — nicht in euch, nein, in ihm, in seinem Sieg — „darum sollt“, — nein, darum werdet — „ihr vollkommen sein!“ In der Bürgegemeinde liegt eine Decke auf den Augen der Menschen. Hier verharrt m an im W iderspruch gegen den Sieg Christi alls ob es
ihn garnicht gäbe. So h at die Christengem einde die eine grosse Verantwortung, aus diesem schon errungenen Sieg Christi heraus und auf die K undw erdung desselben am Tag Christi hin „in dieser Welt der Sünde als die Kirche der begnadigten Sünder“ zu leben und das W ort des Sieges Christi über allen W iderspruch der Men schen der Bürgergem einde zu verkündigen. In der für diesen Sieg Christi blinden Bürgergem einde aber ist der W iderspruch gegen diesen Sieg Christi so stark, dass von diesem Gegensatz des Men schen her gegen die Bundesgenossenschaft m it G ott stets das Chaos hereinzubrechen drohen würde, wenn G ott in seiner gnä digen Langm ut und Geduld nicht die vor dem Chaos bewahrende Anordnung des Staates getroffen hätte. Der Sinn dieser göttli chen Anordnung des Staates besteht darin, dass der Staat, als Diener Gottes, durch Sicherung der Freiheit und der V erantw ort lichkeit, des Friedens und der G erechtigkeit in der Bürgerge meinde, die im W iderspruch gegen die Gnade lebt, jenen freien Raum schafft, in dem der Bürger in freier Verantw ortlichkeit leben kann und in dem die Kirche als der irdische Leib des him m lischen Hauptes von ihrem H aupt Zeugnis ablegen und so als Gemeinde Christi leben und wirken kann.
Dabei ist die Ordnung des Staates als Aufgabe den Menschen in die Hände gegeben. Die fünfte These der Barmer Erklärung drückt das folgenderm assen aus: „Die Schrift sagt uns, dass der S taat nach göttlicher Anordnung die Aufgabe hat, in der noch nicht erlösten Welt, in der auch die Kirche steht, nach dem Mass m enschlicher Einsicht und m enschlichen Vermögens unter Andro hung und Ausübung von Gewalt für Recht und Frieden zu sor gen.“ Da die O rdnung und Organisierung des Staates in der Men schen Hände gegeben ist, kann es hier nicht um das Vollkommene gehen. Hier kann es nur um das relativ Bessere oder relativ Schlechtere gehen. M an kann deshalb auch an eine Staatsform nicht glauben. Man kann weder an die M onarchie noch an die Dem okratie glauben. Es geht bei einer Staatsform darum , dass eine Rechtsform geschaffen und konkretisiert wird, in der die freie Verantw ortlichkeit und die verantw ortliche Freiheit des Einzelnen und der Gem einschaft garantiert sind, in der Freiheit und Ge rechtigkeit für den Einzelnen und die G em einschaft in der rechten Weise einander zugeordnet sind. Und es geht weiter darum , diese R echtsordnung unter Um ständen durch Anwendung staatlicher Gewalt für alle zum Staatsverband gehörenden Glieder zu sichern und auf diese Weise die O rdnung und den Frieden zu erhalten. Da aber nun die verantw ortliche Freiheit des Einzelnen und der Gem einschaft in einem Staat nur durch die Teilung der Gewalten zu sichern ist, wird m an auch in der Christengem einde — um der Freiheit der Verkündigung willen — die Dem okratie des Rechtsstaates, m it der D reiteilung der Gewalten, jeder Art von D iktatur vorziehen als die relativ bessere Staatsform . Aber auch da, wo die Christengem einde gezwungen ist, im R ahm en einer D iktatur zu leben, wird sie dem S taat gehorsam sein, sofern ein
solcher Gehorsam gegenüber dem S taat nicht Ungehorsam gegen G ott und seine Gebote bedeutet. An G ott und der Gehorsam spflicht gegenüber seinen Geboten h at allerdings der Gehorsam des Chri sten jedem Staatsgebilde gegenüber seine Grenze zu finden. Die Freiheit des Einzelnen und der G ruppenbildungen im S taat darf aber wiederum nicht in unverantw ortliche Freiheit ausarten. Denn das würde zur W illkürherrschaft der Starken über die Schwa chen führen und so die echte m enschliche Solidarität verletzen. Der R echtsstaat h at wiederum dafür in der V erantw ortung zu stehen, dass die Freiheit des Einzelnen und der Gem einschaft begrenzt sein m uss durch die V erantw ortung für den M itm en schen und für das Ganze zur Herbeiführung echter gegenseitiger Solidarität, der Solidariät der Gerecchtigkeit eines echten M it einander- und Füreinanderdaseins der Bürgergemeinde. Und in dieser V erantw ortlichkeit für die Verwirklichung einer echten So lidarität in der Bürgergemeinde h at der S taat die Schwachen gegenüber dem sie bedrohenden Freiheitsm issbrauch durch die Starken zu schützen. Er tu t das am besten durch eine Gesetzge bung, die darüber wacht, dass die Freiheit nicht in W illkür entartet, sondern den Einzelnen und die G ruppen in Freiheit verantw ort lich sein lässt für den M itm enschen und für das Ganze. Und für die Kirchengem einde kann es wiederum keine Frage sein, dass die relativ bessere Staatsordnung die ist, die den Einzelnen und die G ruppen verantw ortlich sein lässt für das W erden einer wirk lichen Bürgergemeinde.
Die Bürgergemeinde, die als solche vom Regnum Christi nichts weiss, die aber von dem latent vorhandenen und im m er wieder ans Licht tretenden W iderspruch des M enschen gegen den Men schen weiss, sollte von daher auch um die Notwendigkeit einer Staatsordnung wissen, die in der rechten Zusam m enordnung von Freiheit und Verantw ortung, vorbei an den Irrtüm ern eines to talen Individualism us und Kollektivismus, den freien Raum schafft, in dem es zu einer echten, weil freien und verantw ortlichen Begeg nung der Glieder der Bürgergem einde untereinader kommt. Sie sollte darum wissen können, dass nur von einer solchen Begegnung her die Atomisierung oder Kollektivisierung der Bügergemeinde verhindert und der A nsatzpunkt für das W erden einer Bürger
gemeinde gefunden werden kann.
Die Christengem einde aber, die vom Regnum Christi weiss und die daher von der ganzen W irklichkeit weiss, sollte die Bürger- gemeinde, den Grund, das Ziel und den Sinn ihres Seins besser verstehen als die Bürgergem einde sich selber versteht. Denn sie sieht nicht nu r die Christengem einde, sondern auch die Bürger gemeinde unter dem Regnum Christi. Von hier aus sieht sie nicht nur den einen Teil der W irklichkeit, näm lich den W iderspruch der Bürger- und der Christengem einde gegen sich selbst und gegen G ott, sondern sie weiss von Christus, dem realen Überwinder dieses W iderspruches her, etwas von dem G erichtetsein und von der in Ihm schon geschehenen Versöhnung dieses W iderspruches.
Sie weiss etwas von der Überwindung und der in ihm geschehenen Vergebung dieses W iderspruchs, wodurch Gemeinde wird. Sie weiss von der in seiner W iderkunft verheissenen eschatologischen Mög lichkeit eines vollendeten Bürgertum s des Reiches Gottes. Sie weiss darum in ihrem eigenen Bereich der Chritengem einde.-D a sie aber nicht nur die Christen — , sondern auch die Bürgergemeinde unter dem Regnum Christi weiss, sieht sie das Licht dieses ihres Wissens auch über die Bürgergem einde hin sich ausbreiten, weiss sie sich berufen, der Bürgergem einde von diesem Grund, Ziel und Sinn ihrer Existenz unter dem Regnum Christi Kunde zu bringen, sieht sie die Sonne der Gnade Gottes m itten in allem G ericht über den gottfernen W iderspruch des M enschen auch über der Bürgergem einde leuchten, weiss sie auch die Bürgerge meinde zur Überwindung ihres W iderspruchs gegeneinander zum Bem ühen um eine Staatsordnung gerufen, in der die M enschen zu einer freien Solidarität zusam m engeführt werden.
Nun ist es faktisch so, dass die Bürgergem einde sich in Par teien aufteilt, die auf G rund von Program m en M enschen zusam- menschliessen zu gem einsam er Bem ühung um die H erausstellung der staatlichen Obrigkeit im periodischen Wechsel der Staatsre gierungen. Die Kirche aber kann nie Partei werden. Sie wird darin ihrer eigenen V erantw ortung treu bleiben, dass sie im m er auf die Bürgergemeinde als Ganzes ausgerichtet sein wird. Sie stellt es dabei in die freie V erantw ortung jedes Gliedes der Christenge meinde, in welcher Partei es seine bürgerliche V erantw ortung betätigen will. Sie kann ihm dabei nur raten, in seiner Partei seinen Einfluss dahin auszuüben, dass dieselbe konkret darin auf die Bürgergem einde als Ganzes ausgerichtet sein möge, dass sie die verantw ortliche Freiheit der Person zusam m en m it einer ver antw ortlichen Solidarität gegenüber dem Ganzen und gegenüber Teilen der Bürgergem einde bejahe und betätige, dam it es so zu einem, wenn auch nu r zeichenhaften Abglanz von Gemeinde in der Bürgergemeinde komme. Dabei dürfen wir es unseren Gliedern in der Christengem einde sagen und sollen wir es ihnen sagen, dass ihr Christsein sich nicht m it der Zugehörigkeit zu einer Partei vertragen kann, die den S taat zur alleinigen und verabso lutierten Potenz der W eltgeschichte m achen möchte. Es kann der Christengem einde hier oder da, je und dann geschehen, dass sie im Raum ihrer Bürgergem einde von einer solchen Staatsform heim gesucht wird. Sie steht auch da und dann unter dem siegrei chen Regnum Christi, von dem sie herkom m t und auf das sie zuschreitet. Sie kann eine solche Heim suchung von sich aus nicht herbeiführen helfen. Sie kann sie nur erleiden und auch in einer solchen Situation nur Kirche bleiben. Und sie h at auch in einer solchen Situation im m er G ott m ehr zu gehorchen als den Men schen. Aber, vergessen w ir’s nicht! Es gibt keine vollkommene Staatsform und es wird auch nie eine vollkommene geben bis zum Herabkommen des him m lischen politeum a. Es ist der M ensch im W iderspruch, der, weil er auch im politischen R aum unter der
W eisheit und Geduld des Regnuns Christi steht, wohl nicht ganz im Finstern und im Chaos tappt, der aber auch wiederum, weil er als im W iderspruch gegen sich selbst und gegen G ott lebender Mensch weder die Bestim m ung noch die Grenzen der staatlichen Möglichkeit und Notwendigkeit klar erkennt, den S taat im m er wieder zu einem schlecht organisierten und regierten S taat m acht. M an kann in diesem Zusam m enhang sagen: in dem Masse, in dem der M ensch in seiner Bem ühung um den Staat, seine Organisie rung und K onkretisierung, sich von dem konkreten Menschen und der O rganisierung seiner Freiheit, seines Rechtes, seiner auf freier Solidarität beruhenden Gem einschaftsbeziehungen abwendet, um sich der Verwirklichung der von seinem eigenen W idersupruch gegen G ott und M ensch geprägten Ideologien und W eltanschau ungen zuzuwenden, in demselben Masse ist er in der G efahr einen relativ schlechten S taat zu bauen. In dem Masse jedoch, in dem es ihm um den konkreten M enschen und um die konkrete Bürger gemeinde geht, um die Organisierung und Verwirklichung kon kreter Freiheit und konkreter Solidarität von Person und Ge m einschaft, in eben demselben Masse ist er ein relativ besserer Staat.
Es liegt hier aber im m er wieder eine Decke auf den Augen des M enschen der Bürgergemeinde. Deshalb braucht die B ürger gemeinde in ihrer M itte die Christengem einde. In der C hristen gemeinde aber sollte m an um Sinn, Bestim m ung und Grenze der Bürgergemeinde ein wenig m ehr Bescheid wissen als in der Bürger gemeinde. M an sollte hier darum besser Bescheid wissen um diese Dinge, weil m an in der Christengem einde um das Regnum Christi weiss und darum , dass Christen- und Bürgergem einden diesem Regnum unterstehen. Man sollte in der Christengem einde darum die Bürgergem einde besser verstehen als sie sich selbst versteht, weil m an es hier weiss, dass Christus sowohl das H aupt der Chri stengem einde als auch das H aupt der Bürgergem einde ist, wovon m an in der Bürgergem einde nichts weiss. Hier sollte m an es wissen, was m an im Raum der Bürgergemeinde nicht weiss, dass es eine W iderspiegelung der R ealität des in der V erhülltheit schon auf gerichteten Regnum s Christi ist, wenn es auch im staatlichen Raum nicht nur um die V erhinderung des Chaos, sondern zugleich auch um die rechte Zusam m enordnung von Gerechtigkeit und Freiheit gehen darf. Und aus diesem Wissen heraus sollte m an in der Christengem einde ganz anders wieder als bisher in der Ver antw ortung stehen für das W erden eines rechten Staates.
Zur konkreten B etätigung dieser V erantw ortung bedarf der Christ allerdings eines klaren Massstabes. Und dieser M assstab kann kein anderer sein als der ihm vom Regnum Christi selbst an die Hand gegebene. Der aus dem Regnum Christi sich erge bende M assstab aber ist für den Christen der aus dem Zuspruch der freien Gnade des Regnum s Christi sich ergebende Anspruch Gottes an unser ganzes Leben. Dieser aus dem Zuspruch des Evan geliums sich ergebende Anspruch an unser ganzes Leben aber ist
das Gesetz Gottes, das Gesetz der Gnade Gottes, das uns von in Christus und seinem W ort em pfangenen Gnade her auf den Weg eines gottverbundenen und brüderlichen Lebens weist und das darum ohne Einschränkung gut genannt zu werden verdient. Als das eine, gute Gesetz Gottes ist es das Gesetz der 10 Gebote, der Bergpredigt und der apostolischen W eisungen. Als das eine gute Gesetz Gottes ist es für den Christen der A nspruch der Gnade Gottes an sein Leben und zugleich der M assstab für die B etäti gung seiner V eranwortung im Raum des Staates und der Bürger gemeinde. Ja dieses gute Gesetz Gottes steht als Sinngebung, Be stim m ung und Begrenzung auch über dem Gesetz des Staates und über der Bürgergemeinde. Das kann garnicht anders sein, weil es gegenüber diesem einen vollkommenen Gesetz der Gnade ein anderes vollkommenes Gesetz nicht gibt und weil das relativ gute oder das relativ schlechte Gesetz des Staates an ihm seinen Mass stab hat. Von diesem Gesetz der Gnade her h at die Kirche ihren W ächterdienst prophetischer A usrichtung im Raum e des Staates und der Bürgergem einde zu tun. Indem sie ihn tut, erkennt sie, um nun noch einm al m it der 5. These der Barm er Erklärung zu reden: ,,in Dank und E hrfurcht gegen G ott die W ohltat seiner Anordnung an “, die W ohltat der Anordnung, dass es im S taat das für den Christen in Relation zum Gottesgesetz stehende von Men schen gem achte Staatsgesetz gibt, das nun, nach den W orten von Bischof W urm, nicht m ehr verabsolutiert, vom Gottesgesetz nicht m ehr getrennt werden darf. Die 5. These der Barm er Erklärung fährt fort: „Sie (die Christengem einde) erinnert an Gottes Reich, an Gottes Gebot und Gerechtigkeit, und dam it an die Verantwor tung der Regierenden und Regierten. Sie vertraut und gehorcht der K raft des göttlichen W ortes, durch das G ott alle Dinge träg t.“ Von dieser Erinnerung an Gottes Reich, Gebot und G erechtigkeit her lässt die Christengem einde sich die Freiheit geben, das relative Gesetz des Staates dahin zu interpretieren, dass auch hier im staatlichen Raum ein Abglanz davon sichtbar werden möge, dass es auch hier um ein Leben unter dem Regnum Christi gehe, dass es auch hier um Bürgergem einde gehe, dass auch hier der Mensch nicht als M ittel zum Zweck, sondern als Gotteszweck verstanden werde, dass auch hier die verantw ortliche Freiheit und die freie Verantw ortlichkeit des M enschen zu einer Zusam m enordnung rechter Art komme, dam it freie Solidarität werde.
4. Die Art und Weise der Betätigung dieser Verantwortung.
Zum ,Schluss noch einige Bem erkungen über das Wie der B etätigung unserer V erantw ortung in der Bürgergemeinde.
Das Erste, wozu der Apostel Paulus die Christengem einde er m ahnt, ist, dass sie für die Obrigkeit beten möge, 1. Tim. 2, 1 folgende. Wo aber in der Christengem einde für die Bürgerge meinde und ihren S taat gebetet wird, da steht m an auch in ernster B etätigung der V erantw ortung für sie. Ja das Gebet ist eine besonders intensive Art der B etätigung christlicher V erantw ortung
für die Bürgergemeinde. Wo es geübt wird, da ist die rechte G rund lage vorhanden für ein weitergehendes praktisches W irken der Christengem einde in der Bürgergemeinde.
Daneben ist ein M ühen um die rechte Verkündigung in die Bürgergemeinde hinein von gleicher Bedeutung für die C hristen gemeinde. Es m üsste deutlich werden in unserer Verkündigung: G ott regiert nicht n u r in der Christengem einde durch sein W ort, das Regim ent seines W ortes geht vielm ehr über alle Stände und die ganze Bürgergem einde hin. In dem Zuspruch seines Evange lium s und in dem Anspruch seines Gesetzes beruft er sowohl die Christen — , als auch die Bürgergem einde unter das Regnum seines Sohnes, das zugleich das Regnum des Vaters ist. Es m üsste betont werden, dass von diesem Regnum nichts ausgegliedert werden kann in der Christen- und der Bürgergemeinde. Es m üsste gesagt werden, dass seinem Regnum der Osten und der W esten, der Süden und der Norden, die Verkündigung, die O rdnung und die Konfession der Kirche, der Glaube, die Liebe und das Gebet der Christenheit gehört, aber auch der Staat, die W irtschaft, die K ul tur, die soziale S truktur und die Rechtsordnung der Bürgergem ein de. Es wäre zu unterstreichen, dass diesem Regnum auch der ganze Mensch gehört, nicht nur die Seele, nicht nur ein spiritualisierter geistlicher Randbezirk des M enschentum s, sondern der ganze, der konkrete und wirkliche Mensch nach Geist, Seele und Leib. Und es wäre bei all dieser Berufung der Christen- und Bürgergem einde unter das Regnum Christi darauf hinzuweisen, dass dieses Reg num , weil es ja zugleich die H errschaft des Vaters und nicht eines Tyrannen ist, den M enschen der Christengem einde sowohl, als auch denen der Bürgergem einde die nötige Freiheit schenkt, dam it sie in ihrem Raum und in Gem ässheit zu dem ihnen von G ott gewordenen A uftrag der Erfüllung ihrer Aufgabe leben. '
D am it kom m en wir zum D ritten. W ir können nur so glaub haft der Bürgergem einde das Regnum Christi bezeugen, dass wir uns als K irche unter dieses Regnum haben stellen lassen, dass wir selbst Gemeinde Jesu Christi, V erantw ortungs- und D ienst gem einschaft von B rüdern sind und im m er m ehr werden. W ich tig ist, dass wir als Christengem einde der irdische Leib des him m lischen Hauptes sind, dass wir aus dem W ort heraus geboren sind zu einem Leben des Glaubens, des Gehorsams und des Gebetes in der Christengem einde als der G em einschaft eines gottverbundenen und brüderlichen Lebens, in der jeder seinen konkreten A uftrag hat. Nur wenn wir in diesem Sinne Gemeinde C hristi sind, kön nen wir der Bürgergem einde glaubhaft bezeugen, dass es auch in ihrem Raum , in Analogie zu dem Geschehen im kirchlichen Raum , im tiefsten G runde um die Zuordnung zum Regnum Christi geht. Als unter diesem Regnum stehende Gemeinde sollte die Christengem einde es der in diesem Punkte unwissenden Bür gergemeinde im m er wieder erneut sagen, dass auch sie m itten in allem W iderspruch gegen G ott und gegen den M enschen vom Regnum Christi herkom m t und auf das Offenbarwerden desselben
zuschreitet. Sie sollte dabei betonen, dass es die Gnade dieses Regnum s ist, wenn M enschen auch in diesem Raum , „nach dem Mass m enschlicher Einsicht und m enschlichen Vermögens“ und also in Freiheit um die G estaltung der rechten Zusam m enordnung echter Freiheit und rechter Solidarität, und dam it um die Ver w irklichung echter Bürgergemeinde zu ringen beauftragt sind. Noch einmal, die Christengem einde kann das alles n u r in dem Masse, in dem sie sich selbst aus der G eistm itteilung des W ortes Gottes heraus verstehen gelernt h at als die von dem Regnum Christi herkom m ende und auf dasselbe zueilende Gemeinde Christi, die sich von ihm im m er wieder neu frei m achen lässt für die rechte G estaltung eines glaubenden und darum gottverbundenen und eines gehorsam en und darum brüderlichen Lebens.
Die Christengem einde kann es dabei je und dann für nötig halten, dass sie ein gemeinsames kirchliches oder ökumenisches W ort sagt nicht nur in die Gemeinde und Kirche hinein, sondern auch in den Staat, in die Bürgergem einde oder in die W elt hinein in Ausübung konkreter kirchlicher V erantw ortung. Den für eine solche K undgebung gebotenen Augenblick darf sie sich dabei von keiner aussenkirchlichen Stelle vorschreiben lassen. Die Kirche wird aber m itten in aller Betätigung ihrer V erantw ortung in die Bürgergem einde hinein nie ihren Dienst dahin abgleiten lassen dürfen, dass sie um M achtpositionen im staatlichen Raum e käm pft. Sie wird auch nie der Vorsuchung erliegen dürfen, sich selbst oder ihre empirische E rhaltung als Kirche zum Selbstzweck zu m achen.
Die Kirche Jesu Christi h at all das nicht nötig. Sie ist ge halten auch in ernstester Situation längst bevor sie ihre Mass nahm en zu treffen gedenkt. Sie h at von der dynam ischen Freiheit des W ortes Gottes her selber die Freiheit sich zu verström en im Dienst zwischen den beiden Polen eines gottverbundenen und brüderlichen Lebens m itten hinein in den Raum der Bürger gemeinde.
Möge G ott die evangelische V erantw ortung für diesen not wendigen Dienst der Christengem einde in der Bürgergemeinde wieder stark werden lassen, sodass er als verantw ortlicher Dienst der Kirche und ihrer Glieder in der Bürgergem einde in Ausrich tung des Zuspruchs und des Anspruchs der biblischen Botschaft von der Gnade des Regnum s Christi recht getan werde.